Warum Florian Keller jetzt auch international wieder angreift

Es war eine dieser Situationen, deretwegen jeder Hockey-Trainer gern einen wie Florian Keller in seinem Team hat. Der Berliner Mittelstürmer erlief einen langen Paß, trickste zwei Gegenspieler aus, drang in den Schußkreis ein und vollendete trocken mit einem Rückhandschuß direkt in den Winkel des niederländischen Tores. Eine kurze Aktion, aber die entscheidende. Es blieb beim 1:0 gegen den Olympia-Zweiten Niederlande im letzten Testspiel der deutschen Nationalmannschaft vor der Champions Trophy in Lahore, die morgen beginnt. Vielleicht war der Treffer zugleich ein Hinweis darauf, daß Florian Keller im doppelten Sinne international wieder angreifen will.

Für ihn selbst etwas überraschend ist der 23jährige ins Nationalteam zurückgekehrt. Nach einigen vergeblichen persönlichen Überredungsversuchen schickte Bundestrainer Bernhard Peters diesmal Jarmilon Mülders als Fragesteller vor, den Weltmeister von 2002. Eigentlich wollte Keller ja nicht, denn ihm ist zurzeit vor allem sehr wichtig, seine Ausbildung als Versicherungskaufmann im nächsten Jahr erfolgreich abzuschließen. Danach wäre er bereit, die WM 2006 in Mönchengladbach und die Olympischen Spiele 2008 in Peking würden ihn schon reizen. Aber dann gefiel ihm auch die Idee, bei der Trophy in Pakistan mal einen Testballon steigen zu lassen. Die körperliche Fitneß müßte reichen, glaubt Keller: "Ich habe im Sommer so viel trainiert wie noch nie." Also sagte er kurzentschlossen zu.

Nichts hören will er von der Familien-Saga der Kellers - sein Großvater Erwin, sein Vater Carsten, sein Bruder Andreas und seine Schwester Natascha standen allesamt in olympischen Endspielen und gewannen insgesamt drei Gold- und drei Silbermedaillen. Die ewigen Anspielungen, "die es innerhalb der Familie gar nicht gibt", hängen ihm zum Halse heraus: "Manchmal sagen Leute aus Spaß zu mir: Du bist der einzige, der noch nichts gewonnen hat." Das stimmt gar nicht. Florian Keller bestritt schon 61 Länderspiele, wurde 1999 in Padua Europameister. Ein Schlüsselbeinbruch stoppte ihn, er verpaßte die WM 2002 in Malaysia. Danach entschied sich Keller für seine Ausbildung, spielt seitdem für die Zehlendorfer Wespen in der 2. Bundesliga. Doch abgeschrieben hat er die Nationalmannschaft nie.

Bundestrainer Peters ihn auch nicht: "Florian ist ein Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, an solchen Spielern bin ich immer interessiert." Entscheidend werde sein, ob der junge Mann seine körperliche Verfassung und seine Eigenmotivation in die Reihe bekomme: "Das ist für jeden die Basis, um seine Fähigkeiten zum Tragen kommen zu lassen."

Nun galt Florian Keller zwar stets als großes Talent, aber nicht als der Trainingsfleiß in Person. Doch in jüngster Zeit hat sich etwas verändert. Er joggte vor der Arbeit, fuhr stundenlang Rad. Abends auf die Piste? - Fehlanzeige. "Wenn Flori ein Ziel hat, dann tut er auch was dafür", sagt Natascha Keller. Die große Schwester hat wohl ihre Aktie an der neuen Lust, sich für Hockey zu quälen. Florian Keller hat den Trubel um die Goldmedaille der Hockeyspielerinnen in Athen hautnah miterlebt und schwärmt: "Das war absolut begeisternd." Außerdem lernte er in Griechenland die Fußball-Nationalspielerin Navina Omilade von Turbine Potsdam kennen, die seitdem seine Freundin ist.

Vermutlich ist gar nicht Lahore der erste Schritt zurück. Vermutlich war es schon Athen.