Hertha BSC holt Talent Lustenberger

Die Abschiedszeremonie am Trainingsgelände fand im strömenden Regen statt. Fabian Lustenberger ging auf jeden seiner Noch-Teamkollegen vom FC Luzern zu und umarmte ihn.

Die Abschiedszeremonie am Trainingsgelände fand im strömenden Regen statt. Fabian Lustenberger ging auf jeden seiner Noch-Teamkollegen vom FC Luzern zu und umarmte ihn. Dann machten sich die Spieler auf den Weg zum Trainingsplatz - und Lustenberger fuhr nach Hause, Sachen packen.

Heute wird der 19-Jährige zur medizinischen Untersuchung in Berlin erwartet, morgen soll er als Zugang von Hertha BSC offiziell vorgestellt werden und einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschreiben, Hertha zahlt 1,5 Millionen Euro Ablösesumme an den FC Luzern. Dieses Kapitel ist abgeschlossen, der Kontakt soll bestehen bleiben. Die Klubs denken über eine Kooperation im Nachwuchsbereich nach. Ausleihgeschäfte sind angedacht und Hertha könnte erster Ansprechpartner werden, wenn neue Talente heranreifen.

Aber zunächst kommt Lustenberger: "Berlin ist für mich eine riesige Herausforderung", sagt er. Und dürfte der Realität sehr nah kommen. In einer Saison als Stammspieler in Luzern hat er seine Anlagen nachgewiesen - in der Bundesliga wird es jetzt anders zugehen. "Fabian weiß, dass er noch viel lernen muss", sagt Hertha-Manager Dieter Hoeneß.

Ausbildung im Krankenhaus

Neben seinen sportlichen Qualitäten - Lustenberger ist im Mittelfeld variabel einsetzbar, trotz seiner eher schmächtigen Statur (1,80 m, 63 kg) kopfballstark und hat ein gutes taktisches Verständnis - habe auch die "menschliche Komponente" gestimmt, so Hoeneß. Lustenberger hat eine kaufmännische Ausbildung in einem Krankenhaus absolviert. Er ist um sechs Uhr aufgestanden, Arbeiten gegangen und danach zum Training gefahren. Eine Geschichte, die Hoeneß mit Wohlwollen registriert. Schließlich hatte Hertha in jüngster Vergangenheit genug Probleme mit jungen Spielern, die sich bereits nach wenigen Bundesligaspielen als unentbehrliche Stars sahen.

Lustenberger steht für den Wandel in der Philosophie des Fußball-Bundesligisten. In den vergangenen Jahren wollte Hertha konsequent Spieler aus dem Nachwuchs für den eigenen Profikader ausbilden. Das Projekt kam ins Wanken, als Talente wie Kevin Boateng (20) oder Ashkan Dejagah (21) Begehrlichkeiten anderer Klubs weckten. "Wir müssen uns von Wunschträumen verabschieden", sagte Hoeneß unlängst und meinte, dass es nicht machbar sei, alle im Verein geförderten Talente zu halten. Das hat sich nun gezeigt: Sieben (Jerome Boateng mitgerechnet) sind innerhalb weniger Monate gegangen. Nun also die Kurskorrektur. Mit Lustenberger geben die Berliner einen siebenstelligen Betrag für einen jungen Spieler aus, der anderswo ausgebildet wurde.

Für Herthas ein neuer Weg, für Lucien Favre die Fortsetzung seiner Strategie. Auch auf seinen vorherigen Stationen hat der Trainer auf Spieler gesetzt, die am Anfang ihrer Karriere standen und sie - wie etwa Gökhan Inler oder Blerim Dzemaili (beide ehemals FC Zürich) - im besten Falle zu Nationalspielern geformt. Auf Favres Wunschliste stehen mit Mittelfeldspieler Veli Kavlak (18/Rapid Wien) und Verteidiger Sebastian Prödl (20/Sturm Graz) weitere Talente.

Ein Spiel mit Risiko, da von keinem 20-Jährigen erwartet werden kann, dass er ohne Anlaufzeit einschlägt und dem Kader sofort zu mehr Qualität verhilft. Hertha braucht gerade nach den Abgängen von Dick van Burik (33) und Yildiray Bastürk (28) auch Spieler mit Erfahrung. Einer davon könnte der griechische Nationalspieler Loukas Vyntra (26) sein, der die Defensive verstärken soll.

Aber auch in Zürich ist Hertha weiter auf der Suche. Gestern, nachdem der Lustenberger-Transfer über die Bühne gegangen war, traf sich Hoeneß mit FCZ-Präsident Ancillo Canepa. Er legte ein Angebot für Stürmer Raffael vor. Canepa lässt das kalt: "Er ist momentan nicht zu verkaufen." Darüber hinaus äußerte Canepa gegenüber Hoeneß seinen Ärger über Favre: "Er telefoniert regelmäßig mit Züricher Spielern. Das ist schlechter Stil." Einer der Umworbenen soll Innenverteidiger Steve von Bergen (24) sein.