Berlin hat so Vieles: Viele Einwohner, viel Charme, viele Schulden und manchmal "ne große Klappe. Aber Berlin kann eben nicht alles haben. Zum Beispiel Berge, vernünftigen Schnee und viel Platz. Doch weil der Berliner alles, aber nicht doof ist, sagte er sich: Die im Süden können uns mal mit den Bergen und dem Schnee, wir bauen Eishallen und flitzen auf Kufen im Kreis. Heraus kam dabei unter anderem die erfolgreichste Wintersportlerin Deutschlands mit fünf Olympiasiegen - namens Claudia Pechstein.

Wer nun etwa in Bayern oder Thüringen denkt, das sei alles, was der hauptstädtische Wintersport zu bieten hat, der irrt. Da wäre zunächst mal die Tradition. Vor 20 Jahren schon wedelten Teufelskerle wie Leonhard Stock oder Ingemar Stenmark den Berliner Westentaschen-Everest hinunter, beim Parallel-Weltcup-Slalom auf dem mächtigsten Gipfel weit und breit, dem 115 Meter hohen Teufelsberg. Tausende Zuschauer pilgerten an die Erhebung, um die Stars aus der Nähe zu betrachten.

Oder Berlins alte Helden der Eisrinnen. Ob Zweier-, Vierer oder Fünferbob, die Männer vom Berliner SC wie Fritz Grau und Albert Brehme fuhren mit der deutschen Konkurrenz zwischen 1925 und 1935 Schlitten.

Der visionäre Berliner aber ließ auch danach nicht locker und schaute entschlossen in die wintersportliche Zukunft. Viel hat nicht gefehlt, dann fände im Olympiastadion und nicht am Düsseldorfer Rheinufer der Langlauf-Weltcup statt. Oder ein Biathlon-Spektakel wie kurz nach Weihnachten auf Schalke. Doch der Westen hat sich vorgedrängelt. "Ernsthafte Gespräche mit der Running GmbH vom Berlin-Marathon als möglichem Veranstalter gab es mehrfach", sagt Matthias Mikolajski-Kusche, der Präsident des Skiverbands Berlin. "Aber der internationale Weltcup-Kalender ist schlicht und einfach überfüllt."

Da bleibt vorerst nur eins: Berlins ambitionierteste Vertreter des Schneetreibens müssen schweren Herzens die Flocke machen. Kathi Altenburg (20) zum Beispiel hat das bereits verinnerlicht. Die mutige Abiturientin aus Friedrichshain lebt im Oberallgäu und ist die unumstrittene Nummer eins unter den Berliner Alpinen.

Jedenfalls steht das auf ihrer opulenten Homepage. Zwar hat Berlins Top-Ski-Funktionär Mikolajski-Kusche das Talent des Stars vom SC Pallas noch nicht so ganz ausmachen können ("Die kenne ich gar nicht"), aber Kathi bremst das keineswegs auf dem Weg nach ganz oben. Schließlich ist sie die Berliner Junioren-Meisterin im Riesenslalom, auch wenn sie damals mit neun Sekunden Rückstand auf Siegerin und Gaststarterin Rodica Liebscher aus Brandenburg ins Ziel kam.

Den verpatzten Slalom-Start in die neue Saison jüngst in der Skihalle von Bottrop erklärt Kathi Altenburg, die in der Rangliste bald die deutschen Top 500 attackieren möchte, so: "Mir fehlt einfach noch die Stangenpraxis." Kathi hat nämlich auch abseits der Piste viel zu tun: Die Wahlen zur Miss Venus, Miss Tuning, Miss Bikini und Queen of the Beach erfordern ihr ganzes Allround-Talent.

Von solchen hoch gesteckten Zielen sind die meisten Berliner Skisportler weit entfernt. Aber das sind gar nicht wenige: Knapp 300.000 Hauptstädter stehen laut Statistik wenigstens einmal pro Jahr auf den Brettern. Und da die Winterferien nahen, werden derzeit heftig die Kanten und Kufen geputzt. "Das ist schon ein gewisser Faktor auf dem Skitourismus-Markt, der ja stark beworben wird", sagt Matthias Mikolajski-Kusche. "Im Grunde jedoch handelt es sich bei den Berlinern um Freizeitsportler."

Die freuen sich jetzt auf den angekündigten Schneefall, tummeln sich aber allwinterlich vor allem auf den Hängen und in den Loipen im Süden, in den Alpen, der Hohen Tatra oder bei entsprechender Schneehöhe auch im Erzgebirge. Mit eisernem Berliner Willen natürlich. Der kann ja bekanntlich Berge versetzen. Insofern sollte man die Hoffnung, dass einmal ein "echter" Wintersport-Star, also einer auf Skiern, aus der Hauptstadt kommt, nicht aufgeben.