Marko Baackes sportliche Karriere schien beendet, viel schlimmer noch: Das Leben des 22-Jährigen war nach einem schweren Sturz in Gefahr. Nun wagt der Nordische Kombinierer einen neuen Anfang. Doch vorerst geht es ihm nicht mehr um Platzierungen.

An seinem ersten Jahrestag trainierte er. Skispringen, Langlauf - die übliche Saisonvorbereitung der Nordischen Kombinierer in der Kälte von Rovaniemi. Ein seltsamer Tag für Marko Baacke ausgerechnet in Finnlands schneebedeckter Weite, die schon nachmittags um halb drei von der Dämmerung eingehüllt wird. Ein Tag zwischen Glück und Dankbarkeit und Erinnerungen an den 20. November vor einem Jahr. «Die Gedanken daran, was damals passiert ist, werde ich sicher nicht ausschalten können», sagt Baacke.

Ein Sturz beim Sprungtraining in Kuusamo, einem anderen finnischen Wintersportort, kostete ihn an jenem Tag fast Karriere und Leben. In der letzten Flugphase erfasste ihn eine Windböe, er fiel auf den Bauch. Seine linke Niere platzte, musste entfernt werden, ebenso die Milz. Fünf Liter Blut flossen in seinen Bauchraum.

Neun Monate zuvor war er Sprintweltmeister geworden, hatte das erste Einzelgold für einen deutschen Kombinierer seit 1985 gewonnen. Der 21 Jahre alte Thüringer auf dem Weg nach oben - und dann dieser Absturz. Eine Tragödie, beinahe.

Marko Baacke ein Jahr später. Er trainiert wieder mit seinen Kollegen, bereitet sich auf die Saison vor, die Freitag nächster Woche beginnt. Beschwerden hat er keine mehr, fühlt sich nicht eingeschränkt. «Ich muss keine Medikamente nehmen, ich muss nur viel trinken - aber das muss ich als Sportler ohnehin», sagt er.

Nur die 25 Zentimeter lange Operationsnarbe erinnert an den Sturz. Kein Makel, wie er meint. «Die stört mich nicht, die ist jetzt ein Teil von mir. Außerdem verläuft sie genau über den Bauch, zwischen den Muskeln, sieht gar nicht schlecht aus.» Und seine Freundin Nancy kennt ihn gar nicht anders, sie verliebte sich erst nach dem Unglück in ihn.

Mühsam aber war der Weg zurück ins Sportlerleben. Seit dem Frühjahr trainierte Marko Baacke wieder. Der erste Sprung kostete natürlich Überwindung.

«Ich habe mir lange Gedanken gemacht, habe mich sehr gewissenhaft vorbereitet.» Dann in der ersten Mai-Woche in Oberhof traute er sich: 64 Meter auf der Mattenschanze. «Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen», erzählt er. Rückschläge blieben allerdings nicht aus: ein Sturz nach der Landung in Winterberg, ein weiterer beim Inline-Skaten. «Ich habe eben noch ein bisschen Pech gehabt.» Deprimieren ließ er sich nicht: «Ich hoffe, die Phase mit dem Pech ist jetzt vorbei.»

Im Sommer war Baacke wieder mit den Kollegen zusammen, Ronny Ackermann, Björn Kircheisen. «Ich war froh, wieder bei ihnen zu sein. Das war für uns alle etwas Besonderes.» Er wollte aber nicht als Sorgenkind zurückkommen, das mitleidig angeschaut wird.

«Das war mir wichtig, ich wollte schon so weit sein, dass die anderen keine Rücksicht auf mich nehmen müssen», stellt er klar. Vor zu großen mentalen Belastungen wird er von Bundestrainer Hermann Weinbuch dennoch geschützt. Am Dienstag, wenn die Kollegen nach Kuusamo zum ersten Weltcup fliegen, geht es für ihn heim. «Da anzutreten, wäre ein unnötiger Druck», sagt Baacke.

Und zu viel Druck möchte er sich nicht machen. Zur Weltmeisterschaft im Februar fährt er zwar als Titelverteidiger, aber «mir geht es nicht mehr um Platzierungen. Ich will es nur genießen, dabei zu sein».

Nach einem Jahr in seinem neuen Leben hat er gelernt, Kleinigkeiten zu würdigen, das Positive zu sehen. Wenn es im Urlaub regnen würde, könne er sich nicht mehr ärgern, sagt er. «Dann freue ich mich, weil es nur noch besser werden kann.»