Hans Geyer ist stellvertretender Leiter des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln. Das Doping-Labor untersucht mit modernsten analytischen Methoden im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Doping-Proben aus aller Welt. Die Einrichtung genießt weltweit einen exzellenten Ruf. Die Berliner Morgenpost sprach mit dem Experten über den Fall Jan Ullrich.
Herr Geyer, was ist Amphetamin?
Hans Geyer: Amphetamine sind stimulierende Betäubungsmittel, die eigentlich keine medizinischen Indikatoren mehr haben. Das Schaden-Nutzen-Verhältnis ist viel zu hoch.
Werden die Präparate heutzutage noch eingesetzt?
Kaum, allenfalls bei Fettleibigkeit, Parkinsonismus und Depression. Ansonsten sind die Risiken der Nebenwirkungen viel zu hoch.
Welche sind das?
Das Suchtpotenzial der Mittel ist extrem hoch. Es ist zu vergleichen mit Schmerzmitteln, Kokain und anderen Drogen wie Heroin. Die Substanz entwickelt eine Toleranz, um immer den selben Effekt zu erzielen, muss man die Dosis erhöhen.
Welchen Nutzen könnte es für Radsportler wie Ullrich haben?
Eigentlich gar keinen. Es verbessert zwar einige medizinische Parameter, wie die anaerobe Ausdauer und die Kniestreckkraft, doch zum Muskelaufbau würden sich Anabolika viel besser eignen.
Ist eine solche Probe überhaupt rechtens, schließlich befand sich Ullrich in einer Rehabilitationsphase?
Der Radsportverband ist der einzige, der auch in den Trainingszeiten auf Stimulanzien untersucht und diese generell verbietet.
Halten sie einen Anschlag für denkbar?
Nein, dafür bräuchte der Täter großes medizinisches Wissen.
Können Stimulanzien andere Mittel verschleiern?
Nein, das kann man definitiv ausschließen.
Warum könnte Ullrich dann zu dem Mittel gegriffen haben?
Das Mittel macht selbstbewusst. Es könnte durchaus sein, dass er es zur psychologischen Unterstützung in einer Krisenzeit eingenommen hat.

