Alexander Povetkin fühlt sich sichtlich unbehaglich, der schwergewichtige Profiboxer sitzt im Max-Schmeling-Gym, der Berliner Trainingsstätte des Sauerland-Boxteams auf dem Olympiastadiongelände, auf einem harten, unbequemen Stuhl, knetet die Hände ineinander und macht gute Mine zum ungeliebten Gesprächstermin. Schlimmer noch: Beim folgenden Training droht eine klitzekleine Laufeinheit - so ziemlich das mieseste Unterfangen im sportlichen Alltag des 28-Jährigen. Laufen geht gar nicht!

Und doch würde der Motorrad-Fan aus Tschechow (rund 80 Kilometer südlich von Moskau) seine Situation um keinen Preis verändern wollen. "Ich weiß, wie privilegiert ich bin, denn nur wenige Boxer haben die Möglichkeit schon nach 14 Profikämpfen eine WM-Ausscheidung zu bestreiten", sagt der 1,88 Meter große Blondschopf, der heute im Tempodrom (22.35 Uhr in der ARD) gegen den Amerikaner Eddie Chambers (25) um das Recht kämpft, offizieller Herausforderer des amtierenden IBF-Champion zu sein, und der heißt derzeit Wladimir Klitschko.

"Natürlich ist es eine besondere Situation gegen Wladimir antreten zu können, aber das beschäftigt mich derzeit nicht an erster Stelle. Ich muss mich mit Eddie Chambers auseinandersetzen. Ich mache nie den zweiten Schritt vor dem ersten", sagt Povetkin und sein Blick verrät, dass er keinen Zweifel daran duldet.

Povetkin hat seine 14 Profi-Auftritte gewonnen, davon elf durch K.o. Eddie Chambers, der selbstbewusst verkündet, dass er sich "mental und physisch in Top-Form präsentieren werde", ist in 30 Kämpfen unbezwungen. Der Mann aus Philadelphia unterstreicht seinen Optimismus mit dem Kampfnamen "Fast Eddie".

Damit konfrontiert muss Alexander Povetkin schmunzeln. "Wer wirklich schneller ist, werden wir sehen", stellt er nüchtern fest.

Überhaupt tritt der ältere der Boxbrüder Povetkin - Wladimir ist ein Jahr jünger und kämpft im Cruisergewicht - ausgesprochen zielorientiert auf. Im Amateurlager war er Europameister (2002, 2004), Weltmeister (2003) und Olympiasieger (Athen 2004). 1999 war er Weltmeister im Kickboxen, ein Jahr später gewann er auch den EM-Titel in dieser Disziplin.

Zu seinem heutigen 15. Berufsboxkampf trägt Povetkin erstmals auch einen Kampfnamen.

Er wird als "Weißer Löwe" angekündigt werden. Manager Wilfried Sauerland hatte die Idee: "Ich lebe ja schon lange in Afrika, habe deshalb zu Löwen eine besondere Beziehung. Es ist der König der Tiere, und Alex kämpft wie ein Löwe." Wilfried Sauerland hat kürzlich eine Patenschaft über zwei vier Monate alte weiße Löwenbabys aus dem Safaripark Stukenbrock übernommen. Amir und Nell fühlten sich beim Fototermin mit Povetkin rundum wohl. Der Boxer auch - alles ist besser als Laufen.