In Köln ist einiges gewöhnungsbedürftig. Das beginnt für Jörg Lütcke schon, wenn er mit dem Auto fährt. "Hier ist es irgendwie komisch, man darf nur ganz selten links abbiegen", erzählt der Basketballprofi, angesprochen auf die ersten Eindrücke an seinem neuen Arbeitsplatz. An das etwas andere Verkehrskonzept wird sich der 27-Jährige sicher schnell gewöhnen, der am 15. September von Berlin an den Rhein gezogen ist, nachdem er beim deutschen Meister Alba Berlin keinen Vertrag mehr bekommen hatte.
Viel mehr hingegen hat ihn die Krisenstimmung verwundert, die bei RheinEnergie Köln, seinem neuen Arbeitgeber, herrscht, nachdem der Klub in der Bundesliga einen Fehlstart hingelegt hat. Nach drei Niederlagen in drei Spielen bot Trainer Stephan Baeck am vergangenen Sonntag dem Management an, die Brocken hinzuwerfen. In einer Erklärung stellte sich das Team einstimmig hinter ihren Coach. Baeck blieb erst einmal Trainer. "Natürlich hätte ich nicht gedacht, dass das hier gleich so losgeht", erklärt Lütcke, der sich ansonsten bedeckt hält, was das Theater um Baeck betrifft. Nur: "So etwas habe ich in meiner Karriere noch nicht erlebt." Und er weiß: "Ruhe können wir Spieler nur mit Erfolgen reinbringen."
Die beste Gelegenheit dafür bietet sich für Baeck und die Kölner morgen, wenn man in der Kölnarena den deutschen Abonnementmeister Alba Berlin empfängt. Ausgerechnet Alba. "Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass das ein normales Spiel für mich ist", gibt Lütcke zu, der acht Jahre lang für den Verein spielte und noch mit vielen ehemaligen Mitstreitern engen Kontakt hält.
Immer wieder hatten ihn in Berlin seit 1999 Verletzungen zurückgeworfen - und nachdem er sich Ende 2002 zum zweiten Mal einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, kam er im Jahr 2003 bei Alba nicht mehr zum Einsatz. "Einmal will ich es noch probieren", sagte er wenige Tage nach der Operation. Typisch für den Kämpfer Lütcke.
Einem kleinen Wunder glich es schon, dass es der 2,01 Meter große Flügelspieler im Sommer doch schaffte, sich über Einsätze in der A 2-Nationalmannschaft für den EM-Kader von Bundestrainer Henrik Dettmann zu qualifizieren. Der Finne war stets ein Lütcke-Fan, weil er von dessen Einsatz- und Kampfbereitschaft begeistert ist.
In Berlin plante man für die neue Saison jedoch nicht mehr mit ihm, auf Lütckes Position war inzwischen der während der vergangenen Spielzeit verpflichtete Vladimir Petrovic erste Wahl, dahinter sollte der junge Guido Grünheid aufgebaut werden, der allerdings momentan wegen eines Kreuzbandrisses nicht spielen kann.
"Ich hatte schöne Jahre in Berlin, aber es gibt im Leben Zeitpunkte, wo sich die Wege trennen", meint er rückblickend. Hin und her gerissen ist der Basketballprofi, wenn er seine Gefühle nach dem Weggang beschreiben soll. "Natürlich schwingt etwas Wehmut mit, aber es wäre übertrieben zu sagen, dass ich Heimweh habe." Es sei nicht seine Art, nachzutrauern.
Lütcke ist (links) nach Köln abgebogen. Einen Zweijahresvertrag hat er dort unterschrieben, gemeinsam mit seiner Frau und der dreieinhalb Monate alten Tochter Emilia hat er eine Wohnung in der Nähe des Müngersdorfer Stadions bezogen. "Ich bin froh, dass ich den Schritt gemacht habe." Er habe sich für Köln entschieden, weil es ein ambitionierter und professionell geführter Klub sei. Natürlich sei es hilfreich, in der neuen Umgebung alte Bekannte getroffen zu haben. Trainer Baeck, die Spieler Sasa Obradovic, Geert Hammink und Stipo Papic spielten einst gemeinsam mit dem Neu-Kölner in Berlin.
"Wichtig ist, dass ich gesund bleibe", sagt er zu seiner persönlichen Zielsetzung. "Ich will ein guter Faktor im Team sein, da kommt es nicht auf die Minuten Einsatzzeit an." Diese steht in drei Partien bisher mit knapp 29, 15 und achteinhalb Minuten zu Buche. Mal hatte er Foulprobleme, mal schwächte ihn ein Magen-Darm-Virus. Jörg Lütcke will in Köln die Kurve bekommen. Denn: "Ich will am Ende meiner Karriere das Gefühl haben, alle meine Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben."

