Astrid Kumbernuss ist seit fast zehn Jahren die beste deutsche Kugelstoßerin. Die 33-Jährige wurde insgesamt drei Mal (1995, 1997, 1999) Weltmeisterin und gewann 1996 Gold bei den Olympischen Spielen. Am Mittwochabend stieß sie beim WM-Test der deutschen Leichtathleten in Eberswalde mit 19,91 Metern neue Jahresbestweite. Die Neubrandenburgerin hat mit ihrem Trainer Dieter Kollark den gemeinsamen Sohn Philipp (5). Privat gehen die Beiden seit etwa neun Monaten getrennte Wege. Im Morgenpost-Interview äußert sich Astrid Kumbernuss zu ihren WM-Chancen in Paris und dem befreienden Gefühl, nicht mehr siegen zu müssen.

Berliner Morgenpost: Frau Kumbernuss, Sie gelten als eine der wenigen deutschen Medaillenkandidaten bei der Leichtathletik-WM. Wie schätzen Sie selbst Ihre Chancen ein?

Astrid Kumbernuss: Ich habe sicher das theoretische Vermögen, um mit um Bronze zu kämpfen. Da muss ich persönliche Saisonbestleitung stoßen, eine oder zwei Konkurrentinnen müssen das Nervenflattern bekommen - und ich muss auch noch ein bisschen Glück haben.

Das klingt jetzt aber nach Zweckpessimismus.

Nein, das ist purer Realismus. Wenn Kumbernuss in der Startliste steht, erstarren die anderen nicht mehr in Ehrfurcht oder zittern und können nicht mehr richtig stoßen. Das ist vorbei.

Warum?

Ich kann nicht mehr 21 Meter weit stoßen, dafür habe ich nicht mehr die Athletik und die Physis und auch nicht mehr die Zeit. Wenn du einen fünfjährigen Sohn im Kindergarten hast, kannst du nicht sagen: Ich fahre dauernd ins Trainingslager. Den Preis bin ich nicht mehr bereit zu zahlen.

Sie galten doch immer als besonders ehrgeizig.

Ich bin immer noch motiviert und ehrgeizig. Aber um ganz vorne zu sein, müsste ich einen solchen Raubbau an meinem Körper betreiben und an und über meine Grenzen gehen. Und bei den ungleichen Bedingungen habe ich eh keine Chance. Die meisten Weißrussinnen, Russinnen und Ukrainerinnen tauchen ja nur zu den großen Wettkämpfen auf, ansonsten sieht man von denen nichts. Aber es nutzt nichts, sich ewig darüber aufzuregen.

Sie meinen, die werden nicht so oft wegen Dopings kontrolliert wie Sie?

Irgendwann werden sie wieder mal die eine oder andere hochnehmen, dann ist wieder ein bisschen Ruhe.

Sie sagen das so gelassen.

Früher war ich darüber sauer, stinkig ohne Ende. Und ich habe - ich will nicht sagen Hassgefühle entwickelt. Aber wenn ich die schon gesehen habe . . . Mir ging nur durch den Kopf: Ihr mit eurem Beschiss! Das hat andererseits aber dann bei mir auch sehr viel Potenzial freigemacht.

Sie waren in diesen Fällen dann also ganz besonders angestachelt?

Na klar. Zum Beispiel vor der WM 1997 in Athen. Da habe ich die Ukrainerin Vita Pawlisch gesehen und habe nur gedacht: Dich leg ich um, also dich schlag ich. Ich habe trainiert wie eine Verrückte, weil ich mir gesagt habe: Der will ich es zeigen, dass es auch anders geht.

Sie wurden Weltmeisterin.

Ja, aber diese Brutalität - auch mir selbst gegenüber - habe ich nicht mehr. Ich schmeiße mich nicht mehr wie früher unter die 100 Kilogramm schweren Eisen. Wenn ich beim Training nach einer Woche merke, dass ich platt bin, hätte ich früher knallhart weitergemacht. Heute sage ich mir: Das bringt doch nichts. Warum soll ich das machen? Um im Sommer vielleicht zwei Zentimeter weiter zu stoßen? Ich gebe dem Körper dann lieber Ruhe, sonst holt er sich die irgendwann von selbst.

Fiel das Umdenken schwer?

Es war ein schwieriger Prozess, den ich mitgemacht habe. Bei der WM 2001 wurde ich Sechste, bei der EM 2002 nur Vierte, ich war am Tiefpunkt angelangt. Völlig unzufrieden und unglücklich. Ich bin von einem Frust in den nächsten gefallen. Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein, dass du gegen Leute verlierst, gegen die du eigentlich gar nicht verlieren kannst.

Jetzt können Sie mit Niederlagen umgehen?

Ja, aber das hat natürlich gedauert. Ich muss jetzt nicht mehr gewinnen, um glücklich zu sein. Wichtig ist jetzt nur noch, dass ich mit meinem Wettkampf zufrieden bin, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe, dass ich sagen kann: Mehr ging heute einfach nicht, du hast gut gekämpft.

Nachdem Sie Bronze bei der Hallen-WM im März dieses Jahres in Birmingham erreicht hatten, strahlten Sie mehr als die vor Ihnen Platzierten.

Das haben viele bei mir zu Hause auch gesagt. Bronze war für mich wie eine Goldmedaille.

Und wie eine Befreiung?

In Birmingham trat das ein, was ich gerade erklärt habe. Ich habe dort meine beste Weite in der Hallensaison gestoßen, besser ging es nicht. Also war ich happy. Auch weil mein Körper endlich wieder gemacht hat, was mein Geist wollte. Das klappte vorher fast zwei Jahre lang nicht mehr so richtig.

Der Körper hat also nicht umgesetzt, was Sie sich vorgestellt hatten?

Er wollte einfach nicht. Er war blockiert von der riesengroßen Erwartungshaltung. Gar nicht mal von außen, ich selbst bin es gewesen, der die hohen Erwartungen hatte. Ich habe zu mir gesagt: Ich bin Profi und ordne alles dem Sport unter, also erwarte ich auch - verdammt noch mal -, dass klasse Ergebnisse bei rauskommen.

Was ist in Ihren Augen heute ein Klasse-Ergebnis?

Jetzt habe ich eingesehen, dass ich nur noch an die 20 Meter ranstoßen kann, aber nicht mehr. Das kann in Paris zu Bronze reichen, damit kann man aber auch nur Fünfte werden.