Angst vor der Bierdusche im königsblauen Fußball-Tempel

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Frank Busemann

Bis zum Beginn der neuen Bundesliga-Saison (1. bis 3. August) stellen 18 Prominente aus Politik, Sport und Unterhaltung in der Berliner Morgenpost ihren Verein vor. Heute: Frank Busemann. Der 28-Jährige ist Zehnkämpfer und gewann 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta Silber. Ende Juni beendete er seine Karriere nach zahlreichen Verletzungen. Frank Busemann drückt Schalke 04 die Daumen. Schalke - das klingt für jeden Fußball-Fan in Deutschland wie Euphorie, Treue, Lust und Leidenschaft. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren wir sogar für vier Minuten deutscher Meister, und nur weil der Fußballgott auf Dirndlkleider steht, hat er uns die Tour vermasselt. Aber wir trösten uns gegenseitig, und selbst einen längst vergessenen Ausflug in die Zweitklassigkeit haben wir mit Größe ertragen. Kein Verein hat so viele Originale wie der FC Schalke 04, so treue Fans und so schöne Lieder, die ihren Stammplatz ohne Zweifel in jeder Hitparade verdient hätten. Nachdem ich mir in den ersten Jahren meiner Schalker Vereinszugehörigkeit als überzeugter Bayern-Fan und euphorischer FCB-Panninibild-Sammler keine Freunde gemacht hatte, ließ ich mich mit dem Eintritt ins Teenageralter bekehren. Dabei hatte ich als aktiver Leichtathlet bei Schalke donnerstags vor Heimspielen immer die Gelegenheit, eine Freikarte zu ergattern. Die gleiche Idee hatten an diesen Tagen allerdings auch alle Alibi-Leichtathleten, die nach Erhalt der Karte für zwei Wochen wieder verschwunden waren. Das erste live erlebte Spiel, gegen Rot-Weiß Essen, war bei einem müden 1: in der Nachspielzeit bei minus zwei Grad Celsius alles andere als erwärmend. Da ich meine Nachmittage sonst auf den Leichtathletik-Plätzen dieser Republik verbracht habe, mutierte ich zu einem leidenschaftlichen Fußball-Videotext-Gucker und erlebte zu meiner Schande erst zwei Partien vor Ort. Doch die Begeisterung ist geblieben, und so verfolgte ich die Partien per Videotext im heimatlichen Sessel, in dem man auch nicht Gefahr lief, bei einem Tor mit einer Bierdusche bedacht zu werden. Dabei war es egal, wer die Bude machte, Freude und Trauer liegen in Schalke so dicht beieinander wie das altehrwürdige Parkstadion und die Arena. Nachdem dieser neue Fußball-Tempel der Superlative errichtet worden war, konnte man durch die Macht der Zuschauer jetzt eineinhalb Spieler mehr zurechnen. Wer sollte eine Mannschaft schlagen, die 60 000 Fans und 30 000 Dezibel im Rücken hat? Aber genau diese Lautstärke war in der vergangenen Saison vielleicht das Problem. Wie sollten die Spieler ihren Trainer hören, wenn der Fan noch nicht mal seinen Nachbarn verstand? Doch jetzt wird alles anders. Der Tempel ist längst eingeweiht, die Fans sind wie immer heiß und hungrig, und Jupp Heynckes wird von Rudi Assauer ein Megaphon bekommen. Von der Trainerbank wird es dann hoffentlich Sieg bringende Anweisungen geben, und sollte es trotzdem nicht so klappen wie geplant, singen 60 000 Leute: "Steh' auf, wenn du ein Schalker bist!" Doch nach der vergangenen Saison stehen die Zeichen eher auf: "Attacke!"