Und als 81. hat der Jemenit immerhin 17 andere Turner in der Mehrkampf-Qualifikation hinter sich gelassen.

Wobei es ein kleines Wunder ist, dass er überhaupt dabei sein darf. Auch wenn dieses Wunder einen Namen trägt: Wildcard. Das Internationale Olympische Komitee, der Turn-Weltverband und das Nationale Olympische Komitee haben bei dieser Entscheidung ihre Finger im Spiel gehabt. Allein: Ohne das verzweifelte Bemühen von Al-Harazi, aus nichts wenigstens etwas zu machen, wäre die Wahl kaum auf ihn gefallen. Träume verwirklichen sich nur durch harte Arbeit.

Als sein späterer Trainer und Mentor Jim Holt für das Solidaritätsprogramm des IOC vor zwölf Jahren in Sana'a weilte, der Hauptstadt des Jemen, hatte er 40 jemenitische Trainer und deren Turner gebeten, ihre Ziele zu definieren: "Als Antwort gaben sie mir, dass sie gern anderen arabischen Ländern gegenüber konkurrenzfähig wären", erzählt der Amerikaner. "Ich habe Ihnen geantwortet: Das ist zu wenig. Ihr müsst euch einen unmöglichen Traum ausdenken und diesem hinterher jagen. Es gibt keinen Grund, dass der Jemen nicht bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen einen Athleten stellen kann."

Ob Holt damals, im Jahr 1996, schon an Nashwan Al-Harazi gedacht hat? In jedem Fall entdeckte der Gastdozent während seines Aufenthalts in Sana'a einen zehnjährigen Jungen, dessen Bewegungstalent ihm auffiel. Kaum nach Seattle zurückgekehrt, nahm Holt per Internet Kontakt zu ihm auf und übersandte fortan per Mail Trainingspläne. Da sich die Halle in Sana'a auf Dauer als zu klein erwies, verlegte Al-Harazi sein Training ins Freie. "Aber das ist bei uns klimatisch ja kein Problem", sagt der mittlerweile 21-Jährige.

Damit er sich besser auf die Olympischen Spiele vorbereiten konnte, bewilligte das stets klamme NOK in Jemen Al-Harazi letztlich sogar finanzielle Mittel, um mehrere Monate bei Jim Holt persönlich in den USA trainieren zu können.

Mittel, die Wania Monteiro auch gut hätte gebrauchen können. Die 22 Jahre alte Gymnastin von den Kapverden war im Gegensatz dazu kaum in der Lage, sich mit den notwendigen Reisen zu Wettkämpfen für die Olympischen Spiele zu präparieren.

Selbst wenige Tage vor den internationalen Turnfesten in Corbeil-Essonnes/Frankreich und Minsk/Weißrussland, die vor gut zwei Monaten stattfanden, wussten Monteiro und ihre Trainerin nicht, wie sie ihren Aufenthalt bezahlen sollten: "Obwohl wir schon auf gepackten Koffern saßen, hatten wir keine Ahnung, wie wir die Kosten von rund 9000 Euro aufbringen sollten", erzählt Elena Atmacheva. Eine Absage wiederum hätte den kapverdischen Turnverband etwa 1000 Euro Strafe pro Turnier gekostet - eine utopische Summe für ein kleines Land, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen unter 100 Euro liegt. "Dabei ist die Teilnahme an internationalen Wettbewerben unabdingbar, selbst wenn ein Athlet schon entsprechende Erfahrungen gemacht hat", sagt Atmacheva. Zumal nach Aussagen der Trainerin ihr Schützling sich lange Zeit in einer "abbruchreifen Halle" vorbereiten musste. Einer Halle, die so niedrig gewesen sei, dass sie kaum einen vernünftigen Wurf mit einem Ball oder Reifen zugelassen habe.

Dennoch ist Wania Monteiro, die auch die Fahne ihres Landes ins Pekinger Olympiastadion tragen durfte, stolz auf ihre Herkunft: "Ich bin nicht hier, um den ersten Platz zu gewinnen", sagt die erste Gymnastin ihres Landes bei Olympischen Spielen. "Ich bin hier, um die Kapverden zu vertreten." Vielleicht habe sie zu Hause nicht die besten Trainingsbedingungen, "aber wenn die Umstände besser wären, hätten wir wahrscheinlich auch bessere Athleten".

Die ersten olympischen Erfahrungen hatte Monteiro per Wildcard schon 2004 in Athen gesammelt. Dabei konnte sie in Griechenland den 24. Platz für sich verbuchen, während für Al-Harazi vier Jahre später in Peking das Ergebnis 57 Plätze schlechter ausfallen sollte. Was nicht verwunderlich ist: In Sana'a gibt es weder Barren, Ringe noch Reck - Geräte, die Al-Harazi in Peking gleich weggelassen hat. Im Sprung dagegen lag er mit 15 400 Punkten nur 900 hinter Turnstar Fabian Hambüchen und gar 350 vor Robert Juckel aus Cottbus. "Ich weiß", sagt Al-Harazi, "dass es bessere Turner als mich gibt, die nicht eingeladen wurden. Denen gegenüber fühle ich mich verantwortlich." Dieser Verantwortung ist der sympathische Athlet voll und ganz gerecht geworden.