Hockey

Medaillenjagd bei Familie Keller

Erwin - der Spitzname ist neu. So neu, dass Vater Carsten bisher nichts davon wusste und Schwester Natascha auch nur durch die Lektüre des Olympiasteckbriefes ihres Bruders davon erfahren hat. Erst im letzten Trainingslager verpasste Hockey-Bundestrainer Markus Weise dem jüngsten Spross der berühmtesten deutschen Hockeyfamilie, Florian Keller, den Namen Erwin.

Erwin hieß Florians Opa. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gewann er Silber. Florian soll seinem Großvater sehr ähnlich sein. Inwiefern, darüber schweigt der 26-Jährige lieber. Früher hieß es, Florian sei so ein Lebemann wie Opa Erwin. "Das bin ich schon lange nicht mehr", dementiert der Youngster. Seit den Olympischen Spielen von Athen ist der Versicherungsangestellte "brav" geworden. Das sagt zumindest seine Freundin, die Fußballnationalspielerin Navina Omilade, die Keller auf der Siegesfeier seiner Schwester Natascha vor vier Jahren in Athen kennen gelernt hatte. Navina bejubelte damals ihre Bronzemedaille, Florian das überraschende Gold der Hockeyfrauen.

"In Athen", sagt Florian Keller, "hab ich wieder Lust bekommen." Schon in jungen Jahren galt der antrittsschnelle und schussgewaltige Techniker als Jahrhunderttalent. 1999 bestritt der damals 17-Jährige sein erstes Länderspiel, drei Monate später wurde er Hockey-Europameister.

2002 gab Keller zugunsten seiner Ausbildung und allen Bekehrungsversuchen zum Trotz seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt. Bernhard Peters, Trainer des Weltmeister-Teams von 2002 und 2006, äußerte nach den Spielen von Athen: "Mit Florian hätten wir Gold gewonnen." Ohne den Berliner langte es nur zu Bronze hinter den siegreichen Australiern und dem niederländischen Team.

In Peking nun ist der Torjäger dabei. Genauso wie seine ältere Schwester. Damit spielen erstmals zwei Mitglieder der legendären Hockeyfamilie gleichzeitig um olympisches Edelmetall. Während Natascha ihren Erfolg von Athen "möglichst wiederholen" möchte, ist Florians persönliches Ziel "das Treppchen". Die offizielle Vorgabe der Mannschaft hingegen ist Gold. Im ersten Anlauf ist das noch keinem Keller gelungen. "Bislang", erzählt Florian, "galt bei uns: Gold gibt's erst beim dritten Mal". Opa Erwin hatte Pech. Er war nur einmal dabei und wurde damals auch "nur" Zweiter.

Vater Carsten holte nach Rang sieben und vier im dritten Versuch 1972 in München Gold. Bruder Andreas triumphierte nach zwei Mal Silber bei seinen dritten Spielen 1992 in Barcelona. Florian und Natascha fuhren damals im Siegercabrio und "stolz wie Bolle", wie sie sagten, per Autokorso durch Berlin. "Ich weiß noch wie ich dachte: So was würde ich auch gerne mal erleben", erinnert sich Natascha.

Nach Rang sechs 1996 in Atlanta und Platz sieben 2000 in Sydney sah es nicht danach aus, als ließe sich dieser Wunsch verwirklichen. Dann geschah das Gold-Wunder von Athen. Satt gemacht hat es die 30-Jährige nicht. Als erste der Keller-Familie hängte sie noch eine Vierjahresperiode hinten ran. Bruder Florian, der als ihr größter Kritiker gilt, sagt: "Ich glaube, Taschi ist so gut wie nie. Sie ist vom Kopf so frei und kann so locker an alles rangehen... Taschi ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere." In Peking will die Welthockeyspielerin von 1999 bei ihren vierten Spielen die goldenen Lorbeeren ernten. Am liebsten gemeinsam mit Bruder Florian. Druck spüren die Kellers beide nicht. Schon gar nicht den von familiären olympischen Gesetzmäßigkeiten. Die nämlich sind durch die Tatsache der doppelten Keller-Teilnahme längst außer Kraft gesetzt. Doppeltes Gold ist möglich. Ein Schimmer davon fiele dann gewiss auch auf Opa Erwin.