Flugzeugabschuss

„Was für ein Horror“

Trauer, Wut, Verzweiflung: Das Drama um Flug MH17 schreibt schreckliche Schicksalsgeschichten

Die Flaggen im ganzen Land auf Halbmast, verzweifelte Angehörige am Flughafen in Schiphol, ein erschütterter König: Nach dem dramatischen Flugzeugabsturz in der Ostukraine trauern die Niederländer um die 189 Opfer aus ihrem Land. Bei dem Unglück, einem vermutlichen Terrorakt, starben auch vier Deutsche – darunter laut der Zeitung „Express“ zwei Frauen aus Nordrhein-Westfalen – sowie insgesamt 80 Kinder.

Nach dem Absturz eilten viele Angehörige der Passagiere zum Flughafen bei Amsterdam, wo Flug MH17 am Donnerstag um 12.15 Uhr nach Kuala Lumpur gestartet war. Sie wurden zunächst in ein Restaurant im oberen Stockwerk des Flughafens begleitet, abgeschirmt vor den Medien. Dann wurden sie in Bussen zu nicht genannten Orten gebracht.

Die Trauer des Königs

Einer der Hinterbliebenen ist Sander Essers, dessen 66-jähriger Bruder mit seiner Frau und zwei Kindern in dem Flugzeug saß. Die Familie habe einen Abenteuerurlaub auf der Insel Borneo geplant gehabt, sagt Essers. „Ich habe noch 20 Minuten bevor er an Bord ging mit meinem Bruder telefoniert“, erzählt er zutiefst betroffen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was er zu mir gesagt hat.“

„Ich bin tief traurig über diese schreckliche Nachricht“, erklärte König Willem-Alexander. „Unsere Gedanken sind bei den Familien, Freunden und Kollegen der Opfer und bei all denen, die noch nicht wissen, ob ihre Freunde an Bord waren.“ Ministerpräsident Mark Rutte erklärte, er sei „zutiefst schockiert“. Die Regierung in Den Haag drängte nachdrücklich auf Aufklärung darüber, ob und von wem die Boeing 777 abgeschossen wurde. In der Zeitung „Volkskrant“ heißt es am Freitag: „Alles scheint darauf hinzudeuten, dass es die pro-russischen Rebellen waren.“ Sollte sich das bestätigen, brächte dies den russischen Präsidenten Waldimir Putin „in Bedrängnis“, schreibt das Blatt weiter, das eine „Welle der Trauer und der Verzweiflung“ im Land ausmacht. Kürzer fasst es das „Algemeen Dagblad“, das titelt: „Unter Schock“. Tausende Niederländer drückten ihre Anteilnahme in Kondolenzbüchern im Internet aus. „Was für ein Horror“, schreibt ein Nutzer namens Yolanda. Und Gerdi Smale wünscht allen Hinterbliebenen, „ganz egal wo auf der Welt“, Mut und Kraft.

Auch in sozialen Netzwerken zeigten sich die Niederländer erschüttert. „Das kann nicht wahr sein!“, postete Alicia de Boer auf Facebook, als ihr klar wurde, dass ihr Freund Cor Pan offenbar in der Maschine saß. Der junge Mann hatte kurz vor dem Start ein Bild des Flugzeugs ins Netz gestellt, offenbar in Anspielung auf den spurlosen Verbleib des Flugs MH370 derselben Fluggesellschaft. Sein zu diesem Zeitpunkt wohl ironisch gemeinter Kommentar zu dem Flugzeug-Bild: „Falls es verschwinden sollte: So sieht es aus.“

Zu den Opfern gehört auch der führende niederländische Aids-Forscher und frühere Vorsitzende der Internationalen Aids-Gesellschaft, Joep Lange. Das bestätigte eine Sprecherin der Stiftung PharmAccess, die Lange gegründet hatte und die Patienten leichteren Zugang zu Aids-Medikamenten verschafft. Langes Tod sei ein „großer Verlust“, erklärte der Leiter der Stiftung, Onno Schellekens.

Der 59-jährige fünffache Familienvater war demnach auf dem Weg zur 20. Welt-Aids-Konferenz, die am Sonntag in Melbourne beginnt. In der Maschine saßen rund hundert weitere Konferenz-Teilnehmer. Lange engagierte sich schon sehr früh im Kampf gegen Aids. Zwischen 2002 und 2004 saß er der Internationalen Aids-Gesellschaft vor, die auch die Konferenz in Melbourne organisiert. Die Deutsche Aids-Hilfe äußerte am Freitag in Berlin ihre „tiefe Bestürzung und Trauer“ angesichts der Tragödie. Auch Papst Franziskus äußerte sein Beileid. „Der Papst betet für die zahlreichen Opfer des Unfalls und ihre Angehörigen“, teilte der Vatikan mit. Franziskus bekräftigte zudem die Forderung an die Konfliktparteien in der Region, sich um Verhandlungslösungen zu bemühen, um den Verlust weiterer Menschenleben zu vermeiden.

Eine Familie wird umgebucht

Wenn man angesichts der Umstände davon sprechen kann, hatte eine junge schottische Familie unwahrscheinliches Glück: Barry und Izzy Sim hatten zusammen mit ihrem Baby geplant, die Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17 nach Kuala Lumpur zu nehmen. Doch die junge Familie hatte Glück gehabt. Von der Katastrophe des Malaysia-Airlines-Flugs, bei dem alle 298 Insassen starben, erfuhr das Paar auf dem Weg zum Airport – zu ihrem umgebuchten Flug auf eine KLM-Maschine. Ihr Leben verdanken die Sims schlicht der Tatsache, das MH17 keine Plätze mehr frei hatte. Als sie die Nachricht vom Absturz der Boeing hörten, hatten sie ein „mulmiges Gefühl in der Magengrube, das Herz begann schneller zu schlagen“. Izzy Sim der britischen Zeitung „Daily Telegraph“: „Da muss jemand auf uns aufgepasst haben. Jemand, der meinte: ‚Ihr dürft diesen Flug nicht nehmen.’ Als wir mit dem Taxi zurück zum Flughafen kamen, musste ich nur weinen. Für mich war es, als hätte ich eine zweite Chance bekommen.“

Ironischerweise mochte die Britin immer lieber mit Malaysia Airlines statt mit KLM fliegen. Zudem sollte KLM an dem Tag auch noch später zu ihrem Zielort starten als die ursprünglich gewünschte Airline. Doch für den Moment ist Fliegen ohnehin erst einmal abgesagt für die kleine Familie. Sie haben sich noch nicht entschieden, ob sie überhaupt nach Kuala Lumpur aufbrechen, wobei Barry Sim meint: „Ein Blitz schlägt nie zweimal am selben Ort ein.“

Ein Steward aus Malaysia kam ums Leben, der sich in letzter Minute noch für Flug MH17 zum Arbeiten eingetragen hatte. Dieser Umstand ist deshalb so erstaunlich, weil Sanjid Singhs Frau – ebenfalls Stewardess – erst vor wenigen Monaten knapp dem Tod entgangen war. Sie hatte sich aus der Liste der später verschollenen Maschine MH370 ausgetragen, um die Schicht mit einem Kollegen zu tauschen.