Berliner Spaziergang

Der Zauberer von der roten Insel

Wenn Reinhard Müller oben auf dem Gasometer in Schöneberg steht und dabei zuschaut, wie unten seine Welt wächst, dann erinnert er an einen Zauberer auf seinem Turm.

Müller ist ein großer Mann mit weißem Bart, mit seinem Willen hat er da unten einiges in Bewegung gesetzt. Bauarbeiter graben und hämmern. Häuser werden in den Himmel wachsen.

Einen Zauberturm gibt es auch in dem Film „Herr der Ringe“. Er gehört Saruman, dem Magier, der gut war und böse wurde. Und es gibt Gandalf, den Zauberer, der gut war und gut geblieben ist. Für die meisten ist Müller einer wie Gandalf. Einige allerdings, wenn auch wenige, betrachten sein Schaffen mit einem Argwohn, als wäre er Saruman.

Müller, das steht fest, ist ein Mann, der auf dem Industriegelände an der Roten Insel in Schöneberg etwas aufbaut, das eine magische Dimension hat. Es ist das größte Projekt seines Lebens. Ein Projekt, das die Welt verändern soll. Er hat offenherzig zu einem Rundgang eingeladen. „Das hier ist kein Hexenwerk, sondern deutsche Ingenieurskunst“, wird er später sagen.

Nun stehen wir auf halber Höhe auf dem Gasometer, den ganz Deutschland kennt, seit hier die Talkshow von Günther Jauch aufgezeichnet wird. Wir sind etwas außer Atem, es gibt viel zu erzählen beim Aufstieg. Wer die schmalen Treppen, 398 Stufen sind es, im Stahlgerüst nach oben geht, sollte keine Höhenangst haben. Man läuft direkt hinein in den sonnigen Berliner Himmel. Aber Müller hat keine Höhenangst. Vielleicht auch deshalb, weil er von hier oben auf seine Erfolge schauen kann.

Rundblick nach Westen, von Steglitz bis Charlottenburg. Hier hat Müller in den Jahren vor und nach der Wende unzählige Altbauten saniert. Ein Geschäft, das ihn auch finanziell unabhängig gemacht hat. Blick nach Nordosten: Das Brandenburger Tor hat er in den heutigen Zustand gebracht, mit der von ihm gegründeten Stiftung Denkmalschutz Berlin. Blick nach Osten: die Türme am Frankfurter Tor. Müller hat sie saniert. Man könnte noch in weitere Himmelsrichtungen schauen.

Nach eigenen Angaben hat Müller 400 Immobilienprojekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt vier Milliarden Euro verwirklicht. So jemanden darf man einen Baulöwen nennen.

„Wissen Sie“, sagt Müller, „ich rede gar nicht so gerne über die Vergangenheit.“ Einen Architekten frage man nicht, was er gebaut hat, sondern was er bauen will. Ein Satz, der lässig klingt, mit einer großen Stadt im Hintergrund, von der man einiges selbst gestaltet hat. Aber schauen wir in die Zukunft. Das heißt: Oben vom Gasometer nach unten. Da kann einem wirklich schwindelig werden: Auf einer Fläche, groß wie das Sony Center am Potsdamer Platz, entsteht der Campus des „Europäischen Energieforums“ (EUREF), hier dreht sich alles um eines der größten Zukunftsthemen der Welt. Erneuerbare Energien. 1300 Menschen arbeiten hier schon jetzt, erste supermoderne Gebäude sind gebaut, für Firmen, Forschung, Start-ups. Gemeinsam mit der Technischen Universität werden Energiewendespezialisten ausgebildet. Solarzellen und Windanlagen produzieren Strom. Bis zum Jahr 2019 sollen hier laut Müller rund 6000 Menschen arbeiten. Etwa 600 Millionen Euro wird Müller dann investiert haben.

Mächtige Bilder

Nach den Projekten der Deutschen Wende, die großen Sachen sind ja abgeschlossen, kümmert sich Müller nun also um die globale Energiewende.

„Es ist keine Vision, die ich verwirkliche, sondern das logischste Projekt, das ich je gemacht habe“, sagt Müller. Nahezu täglich kommt eine Besuchergruppe vorbei. Energie sparen, das müssen alle europäischen Länder, die Ziele der EU sind streng. Auch Berlin muss bis zum Jahr 2050 die Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 um 85 Prozent senken. Staatsbesucher der Bundesregierung informieren sich hier auf dem EUREF-Campus und auch die Bürgermeister deutscher Städte. Im letzten Jahr war der chinesische Forschungsminister Wan Gang da. Ihm sei es darum gegangen, welches Gerät wie viel Megawatt produziere und wann es zu kaufen sei.

„Energiewende“ ist eines der deutschen Wörter, das wie „Kindergarten“ auch im Englischen benutzt wird. Müller, der SPD-Mitglied ist, hat Unterstützer für sein Projekt gewonnen wie Frank-Walter Steinmeier (SPD), Joschka Fischer (Grüne) und Roland Koch (CDU). Auch Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ist oft hier. Der ist die vielen Stufen vom Gasometer aber nicht raufgelaufen.

Es ist eine Geschichte in mächtigen Bildern. Im Gasometer hat die Gasag bis zum Jahr 1995 rund 160.000 Kubikmeter Flüssiggas gespeichert, so viel wie in einen Überseetanker passt. Diese Menge hat für Schöneberg damals einen einzigen Tag gereicht: kochen, Beleuchtung, heizen. Man muss nur das Stahlgerippe ansehen, um zu begreifen, dass es so verschwenderisch nicht weitergehen kann. „An so einem Ort“, sagt Müller, „ist das Thema vorgegeben. Hier steht ein Gasometer, und ein Gasometer hat etwas mit Energie zu tun, hier kann man kein Callcenter bauen oder etwas ähnliches.“

Wie es andersrum laufen kann mit Nachrichten und Bildern, hat Müller auch erlebt. Als er 2009 im Gefolge von Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf einer Regierungsreise in Russland war, ist ein Foto entstanden, das ihn mit Präsident Wladimir Putin zeigt. Es seien noch „20 andere Leute“ auf dem Bild gewesen, sagt Müller, aber der Ausschnitt mit ihm und Putin landete in einigen Zeitungen. „So, wie die Leute sagen, der Gasometer hat nun mit Energiewende zu tun, heißt es, der Müller hat etwas mit Putin zu tun“, sagt er. Das sei Unsinn. Es gebe auch keinen russischen Oligarchen, der Geld für sein Projekt hier gegeben hat.

Müller zuckt die Achseln. Er habe Putin als „freundlichen Mann, der gut deutsch spricht“ erlebt und seine Hand geschüttelt.

Wieder unten, auf dem Campus, kommen uns Besucher mit angehefteten Namensschildern und Kameras in der Hand entgegen. Ein Lieferwagen steht quer auf der Straße. Dort, wo kein Parkplatz ist. Müller sieht das sofort. Das gefällt ihm nicht. Er geht auf den Mann zu, der in das Auto steigen will und baut sich vor ihm auf. „Mein lieber Freund, hier ist kein Parkplatz“, sagt Müller und fragt noch hinterher: „Einverstanden?!“ Der Mann nickt sofort. Sein Wagen wird dort nicht noch einmal stehen.

Müller ist bekannt dafür, auch in Berliner Amtsstuben, dass er auf den Tisch haut, wenn er ein Ziel erreichen will. Wenn ihm etwas nicht schnell genug geht. Bürokratie nervt ihn. Andererseits ist er ein ziemlich geräuschloser Netzwerker, jedenfalls keiner, den man mit Sektglas in der Hand auf den Klatschseiten der Zeitungen sieht. Doch er muss im politischen Berlin früh aufgefallen sein: Im Jahr 1989 berichtete die „B.Z.“, dass Müller vier Architekturpreise an einem Tag gewonnen hat. 18.000 Mark hat Müller bekommen. Er kündigte damals an, das Geld in Grünanlagen für die Häuser zu investieren. Heute sagt er: „Wenn ich in eines meiner Häuser komme, dann begrüßen mich die Mieter, ich hatte nie Streitereien mit ihnen.“

Das klingt alles nach Gandalf, dem guten Zauberer. Und doch gibt es so viele Fragen. Zum Beispiel: Wie hat Müller Günther Jauch in den Gasometer geholt?

„Ich habe einem Bekannten vom Fernsehen vom Gasometer erzählt. Dann hat das Team von Jauch sich von alleine gemeldet.“

Wie ist Müller an das Grundstück in Schöneberg gekommen?

„Durch Zufall. Ich habe mit den Vorständen vom städtischen Gasunternehmen Gasag zusammen gesessen.“

Hat Müller anfänglich Hilfe von seinem Genossen, dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit erhalten?

„Wowereit kam erst, als das Projekt schon geflogen ist.“

Wie kommen die vielen Spitzenpolitiker auf den Campus?

„Joschka Fischer war leicht zu überzeugen, der hat sich seit Beginn für erneuerbare Energien eingesetzt. Inzwischen sind wir so etwas wie das Fremdenverkehrsbüro der Bundesregierung geworden, aber das machen wir gerne.“ Bei diesem Satz lacht Müller das Lachen eines großen, erfolgreichen Mannes.

Die Menschen, die Müller eher für so etwas wie den bösen Saruman halten, sind vor allem Anwohner der Roten Insel, so heißt das Quartier. Vor zwei Jahren hat jemand den Kaufvertrag zwischen Müller und Gasag für das Gelände an Bauzäune plakatiert. Woher diese Person das Dokument hatte, ist unklar. „Wikileaks auf Schöneberger Art“, schrieb ein lokaler Blog darüber. Es geht darum, dass Müller laut Kaufvertrag die Anbindung seines Geländes selber zahlen sollte, aber vom Bezirk nun Subventionen in Millionenhöhe für eine Zubringerstraße fließen. Zudem, kritisiert eine Bürgerinitiative, habe Müller sein Versprechen, den Gasometer zu sanieren, bis heute nicht eingelöst.

Das alles spielt sich draußen ab. Drinnen, auf dem Gelände des EUREF-Campus, stehen Frauen und Männer in eleganter Kleidung die über die Zukunft der Welt sprechen. Sie sagen „Hallo, Herr Müller“ und nicken sehr zugetan.

„Kein gutes Projekt ohne eine Bürgerinitiative, die dagegen ist“, sagt Müller. Überhaupt, er frage sich, ob „sieben Leute“ überhaupt eine Bürgerinitiative seien. Viel mehr Gegner glaubt er nicht zu haben. Wie Müller Entscheidungen von Politikern sieht, die auch mal im Alleingang ein Projekt ermöglichen und dafür Kritik einstecken müssen, erzählt er am Beispiel von Peter Strieder, der „enger Freund und Berater“ ist. Strieder war mal Chef der Berliner SPD und Bausenator. Er trat zurück, weil – so der Vorwurf – er eine große Summe aus dem Landeshaushalt für die Fertigstellung des Tempodroms am Potsdamer Platz bereitgestellt hatte, dazu laut Kritikern aber nicht befugt gewesen sei. Die Ermittlungen gegen Strieder wurden vor Jahren eingestellt.

Die Sonne scheint wirklich ganz besonders schön am Tag unseres Spazierganges. „Peter Strieder“, sagt Müller, „hat das für seine Stadt getan“. Und das sei auch gut so.

Auf dem Campus stehen Laternen, die einen Bruchteil der Energie verbrauchen wie alte Gaslaternen. Müller sagt, man solle endlich die Laternen in der ganzen Stadt austauschen. Ein heikles Thema. Der Kolumnist Harald Martenstein hat geschrieben, die 44.000 Gaslaternen der Stadt durch „formschöne Elektroleuchten“ zu ersetzen, damit würden sich die Politiker ein „viel vernichtenderes Zeugnis ausstellen als mit dem BER-Desaster.“ Der alte Flair der Stadt sei ihre Anziehungskraft, ansonsten würde „Berlin wie Düsseldorf“ werden. So ist es mit vielen Themen bei der Energiewende: Die Nostalgie ist besonders in bürgerlichen Kreisen nicht zu unterschätzen.

„Ich finde das in Ordnung“, sagt Müller. Einige Gaslaternen könne man lassen. Aber es gebe doch längst Leuchten in allen Farben, auch im Retrolook, da merke man keinen Unterschied mehr.

Das ist Müllers neue Rolle: Vom Restaurierer zum Modernisierer. Strom zu sparen, ästhetisch ist das längst aus der Ökoecke raus. Joschka Fischer macht Werbung für Elektroautos von BMW. Müller fährt einen Tesla, eine schicke Limousine mit Batterieantrieb.

Am Ende schauen wir dann doch noch in so etwas wie eine Kristallkugel des Zauberers. Auf einem Leuchttisch zeigt Müller den Energiekreislauf auf seinem Campus: Wie der Strom von den Solaranlagen in die Gebäude fließt. Wie überschüssige Energie in die Tankstelle für Elektroautos läuft. Auf Knopfdruck kann er zeigen, wie schon jetzt auf dem EUREF-Campus die Klimaziele für das Jahr 2030 eingehalten werden. Die Hälfte der Energie muss dann aus erneuerbaren Quellen stammen.

Das Jahr 2030. Das ist lange hin.

Reinhard Müller kommt noch mit zum Pförtner, um auf Wiedersehen zu sagen. Sein Grundstück hier wird inzwischen ein Vielfaches seines ursprünglichen Kaufpreises wert sein. Aber das ist keine Zauberei und schon gar keine böse. Sondern es ist der Lohn für den Mut eines Baulöwen.