Syrienkonflikt

„Eine Warnung für alle anderen“

Familie Bro lebt sicher in Berlin. Verwandte wurden von Islamisten in Syrien ermordet

Malaks Vater ist tot. In der Nacht zum Sonnabend hätten bewaffnete Truppen der islamistischen Al-Nusra-Front das syrische Dorf direkt an der türkischen Grenze überfallen, erzählt Malak Bro. Sie lieferten sich ein Gefecht mit den wenigen Menschen, die noch in dem Dorf zurückgeblieben waren. Sie entführten Ali Sado Bro, Malaks Vater. Murad Bro, der seinem Bruder zu Hilfe kommen wollte, schossen sie an. Die Männer sagten, am nächsten Morgen um 10 Uhr würden sie wiederkommen. Wen sie dann noch im Dorf finden, den würden sie töten, erzählt Malak Bro. Murad Bro erlag noch in der Nacht seinen Verletzungen. Ali Sado Bro wurde von den Rebellen enthauptet, seine Leiche wurde noch in der Nacht zu seiner Witwe zurückgebracht. „Eine Warnung für alle anderen“, sagt seine Familie.

Die Berliner Morgenpost hat am 23. April 2012 zum ersten Mal über Malak Bro berichtet. Er hatte in Syrien gegen die Regierung Assad demonstriert und war inhaftiert worden. Die Bros sind kurdische Jesiden, eine von der syrischen Regierung unerwünschte religiöse und ethnische Minderheit aus dem Norden des Landes. Malak Bro konnte sich freikaufen und flüchtete mit seiner Frau und den drei Kindern nach Berlin. Er hat mittlerweile seinen Führerschein gemacht, die Kinder gehen in die Kita, die Eltern lernen Deutsch. Ein Jahr später gewann nach langen Gefechten die Al-Nusra-Front die Hoheit über die Gegend, aus der die Bros stammen. Auch sie bedrängten die Jesiden, stärker noch als die Regierung. Malaks Bruder Aidan floh mit seiner Familie (Morgenpost vom 31. März 2013). Nur die Eltern und der jüngste Bruder blieben.

Jetzt ist Ali Sado Bro tot. Seine Witwe, Chamsa Hassan, und ihr jüngster Sohn Eywan sind geflohen. Das Dorf, in dem einmal 20 jesidische Familien lebten, ist jetzt verlassen, sagen die Bros. Die letzten Häuser, die noch standen, seien geplündert worden, viele davon hätten die Rebellen abgebrannt. In den jesidischen Nachbardörfern sehe es ähnlich aus.

Die islamistische Al-Nusra-Front steht dem Terrornetzwerk al-Qaida nah. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums haben sich der Gruppe auch viele deutsche Dschihadisten angeschlossen. Die Gruppe gilt als radikalster Gegner des Regierung von Baschar al-Assad. Verbündete des Westens sind sie deswegen aber nicht: Der UN-Sicherheitsrat hat die Al-Nusra-Front Ende Mai auf seine Terrorliste gesetzt. Der Anführer der Terrororganisation verkündete vor ein paar Tagen per Videobotschaft einen Vergeltungsschlag für den vermeintlichen Giftgasangriff der Regierungstruppen. Seine Truppen würden alawitische Dörfer angreifen, erklärte er. Nach Angaben des Führers des irakischen Teils der al-Qaida kämpften die Organisationen gemeinsam für einen „Islamischen Staat Irak“. Andersgläubige sollen nicht in dem „Islamischen Staat Irak“ leben dürfen. Sie würden systematisch vertrieben. Das Gebiet wird „ethnisch gesäubert“.

Ezidi Press, ein jesidisch-kurdischer Blog, erklärt, dass die Führer der Islamisten in Syrien eine sogenannte Fatwa ausgesprochen hätten. Die Tötung, Plünderung und Vergewaltigung aller Kurden in Syrien sei damit erlaubt.

Malak Bro konnte seinen Vater und seinen Onkel nicht beerdigen. Die jesidische Gemeinde konnte nur eine Trauerfeier für sie veranstalten. Seine Mutter und seine Tante sind mit dem Rest der Familie in die Türkei geflüchtet. Für kurze Zeit waren sie in einem Flüchtlingslager an der Grenze, doch auch da werden Jesiden nicht geduldet, sagen die Bros. Sie leben jetzt zu siebt in einem kleinen Zimmer. Malak Bro hat sich ein Visum besorgt. Er wird in ein paar Tagen in die Türkei fliegen und versuchen, seiner Familie zu helfen. Wie, das weiß er allerdings auch noch nicht.