Serie: Gründerzeit - Finanzierung

Die Kosten der Kreativen

Von Eigenmitteln über „Seed-Finanzierung“ bis zum Wagniskapital: Jedes Start-up braucht Geld. Davon profitieren auch die Investoren

Fabian Paul arbeitete eigentlich bei der Bundeswehr, als er sein Unternehmen gründete. Der 30-Jährige machte als Zeitsoldat in der Berliner Julius-Leber-Kaserne Öffentlichkeitsarbeit für die Marine. Abends und an den Wochenenden aber bastelte er ein halbes Jahr lang mit seinem Partner Hendrik Schneider, 24, daheim an einer eigene Firma.

Segways hatten es dem gelernten Flugzeuggerätemechaniker angetan, elektrisch betriebene Gefährte mit zwei Rädern, auf denen Menschen stehend und lautlos durch die Stadt rollen können. Damit ließe sich doch was machen, dachte Paul. Das war 2009.

Inzwischen betreiben die beiden Jungunternehmer seit zweieinhalb Jahren die Firma yoove. Neun Mitarbeiter, Firmensitz am Borsigturm in Tegel und 120 Segways, die sie an Einzelkunden, Touristengruppen und vor allem an Firmen für Präsentationen und Werbeevents für das große Thema Elektromobiliät vermieten. Sein fester Job als Zeitsoldat war quasi seine Einstiegsfinanzierung – ansonsten hätte er sich das Basteln an seiner Idee wohl nicht leisten können.

Ihr Weg zum eigenen Unternehmen ist typisch. „Sehr viele Gründer entwickeln ihre Idee und ihr Unternehmenskonzept erst einmal neben einer anderen Tätigkeit, viele studieren noch oder arbeiten in einem anderen Beruf“, sagt Heinz-Joachim Mogge, der die Kundenberatung bei der landeseigenen Investitionsbank Berlin leitet. Bei ihm in der IBB-Zentrale in der Bundesallee tragen viele hoffnungsfrohe Jungunternehmer ihre Pläne vor, um eigenen Ersparnisse oder die Privatdarlehen von Eltern oder dem Onkel durch zusätzliches Kapital zu ergänzen.

Die Finanzierung eines neuen Unternehmens ist oft die Achillesferse, wenn es darum geht, schnell Wachstum zu erzielen. Von der allerersten Startphase aus Eigenmitteln führt der klassische Weg oft über die so genannte Seed-Finanzierung mit einigen Hunderttausend Euro hin zu den Wagniskapitalgebern, die dann Millionenbeträge riskieren.

Von diesen oft international agierenden Unternehmen haben sich inzwischen einige in Berlin angesiedelt. Auch die landeseigene IBB mischt mit ihrer Beteiligungsgesellschaft mit. Nach dem Einsteig der „Venture Capitalists“ soll nach einigen Jahren der Sprung an die Börse oder der Verkauf an einen Großkonzern folgen. So ein Fonds kalkuliere in etwa so, sagt ein Kenner der Materie: Von zehn finanzierten Firmen gegen vier kaputt, drei laufen irgendwie vor sich hin, zwei sind erfolgreich und eine bringt es zu einem großen, für die Investoren lukrativen Aufstieg.

Wer es in vier oder fünf Jahren nicht geschafft hat, bleibt entweder in einer Nische und klein oder muss aufgeben. Dann will die Geschichte niemand mehr hören, die Mitarbeiter verlieren die Lust, die Geldgeber zweifeln.

Die Finanzierungsbedingungen für Gründer und die erste Phase von Start-ups hätten sich in Berlin verbessert, sagt IBB-Experte Mogge. Die IBB und andere öffentliche Förderbanken sind zwar inzwischen ziemlich großzügig, wenn es um Mikrokredite von wenigen Tausend Euro geht. Von denen fallen erfahrungsgemäß etwa ein Drittel aus, die aber wegen des Risikos auch sofort abgeschrieben werden, sobald sie ausgereicht sind. Doch die nächsten Schritte sind schwieriger. Erfolgreiche Unternehmer wie Andreas Eckert, der binnen 20 Jahren den Medizintechnik-Anbieter Eckert & Ziegler zu einem international tätigen Mittelständler mit mehr als 500 Mitarbeitern entwickelt hat, sehen den Flaschenhals in der nächsten Wachstumsstufe. In Ländern wie den USA, wo das System der Altersvorsorge nicht auf einer staatlich organisierten Umlage beruht, sei einfach mehr Geld der Anleger vorhanden, das Investitionsmöglichkeiten suche. „Irgendwann stoßen sie selbst mit den tollsten Ideen an Grenzen, wenn sie Kapital in wirklichen Größenordnungen benötigen“, sagt Eckert.

Und sich als Deutscher Kapital etwa in Amerika zu besorgen sei relativ schwierig, sagt der Unternehmer, der gerade von einer Geschäftsreise aus San Francisco zurückgekehrt ist. Bei Investorentreffen sitzen viele kluge Leute vor den Venture-Kapitalisten, alle mit tollen Ideen. Den eigenen Landsleuten wird in solchen Fällen meist mehr vertraut. Es habe viel mit kultureller Nähe zu tun, Jungunternehmern nur aufgrund eines Konzeptes viel Geld zu leihen, sagt Eckert, der selbst in zahlreiche Biotech-Firmen in Berlin und auch ganz Deutschland investiert hat.

Segway-Vermieter Fabian Paul fand seine sogenannten Business-Angels dennoch in Berlin. Einer davon ist Wolfgang Hünnekens. Der Gründer des Institute of Electronic Business an der Universität der Künste (UdK) hatte 2009 seinen Anteil an der Werbeagentur Publicis verkauft. Seitdem investiert er sein Geld in junge Unternehmen. Er wolle keine Großkonzerne mehr durch den Kauf von Aktien unterstützen, sagt Hünnekens. Was die mit seinem Geld machten, könne er überhaupt nicht kontrollieren.

Die yoove-Gründer stießen über einen Freund, der ebenfalls schon von Hünnekens Geld bekommen hatte, auf den Business-Angel. Fabian Paul war klar, dass sie für die Segway-Vermietung in größerem Stil einiges an Eigenkapital brauchen würden. Mehr jedenfalls als viele Internet-Start-ups, die nur ein paar Rechner und ein Büro brauchen, um erst einmal loszulegen. Ein Segway kostet allein 9000 Euro.

Hünnekens und ein weiterer Investor brachten 150.000 Euro Grundkapital ein. Der Kommunikationsprofi vertraute auf den Trend zur E-Mobilität. Der erfahrene Unternehmer Hünnekens ebnete den Weg zur Sparkasse und anderen Banken, um insgesamt 1,5 Millionen Euro zu besorgen. Vom ersten Treffen mit den Investoren bis zur Gründung dauerte es nur gut drei Monate. Inzwischen haben die Gründer die Business-Angels wieder herausgekauft aus dem Unternehmen und stattdessen kleinere Anteile an gute Freunde vergeben. Weiteres Wachstumskapital brauchen sie zunächst nicht. „Wir werden komplett organisch weiter wachsen“, sagt Fabian Paul.

Wolfgang Hünnekens spricht auch an seinem Institut in einem Dachgeschoss gegenüber der UdK an der Hardenbergstraße mit den Studenten oft über Unternehmensgründungen. „Viele wissen nicht, wie sie Geldsäcke öffnen sollen“, sagt der Honorarprofessor. Sie seien der Meinung, nur die Idee zähle, hat er beobachtet. So sei vor einigen Jahren die Dotcom-Blase entstanden. Inzwischen müssten Gründer in einer Präsentation immer auch deutlich machen, wie und wann sie denn mit ihrem Produkt Geld verdienen wollten. Diese Erkenntnis hat sich aber inzwischen ausgebreitet, wie man bei der Förderbank IBB festgestellt hat. „Die Zahl der uns vorgestellten Geschäftsideen aus dem Medien- und IT-Bereich mit extrem ausgereiften und guten Business-Plänen hat deutlich zugenommen“, sagt Kundenberater Mogge.

Trotz all der Businessplan-Wettbewerbe, Gründerförderungen, Netzwerktreffen und sogenannten Inkubatoren, also Gründerzentren, in denen junge Unternehmen Beratung und Coaching bekommen, geschieht ganz viel über die informellen Verbindungen der Szene. So wie bei Schuyler Deerman, einem Mittzwanziger mit Computer-Nerd-Brille, der aus dem US-Staat Alabama vor sechs Jahren nach Berlin gekommen ist und an der Spree das Internet-Start-up Moped gegründet hat. Einen neuartigen Messaging-Dienst, der persönliche Kommunikation zwischen zwei Nutzern ermöglicht.

„Wir haben schon Geld von Business-Angels bekommen bevor wir losgelegt haben“, sagt der Amerikaner, der immer noch lieber Englisch als Deutsch spricht. „Ich musste nicht mein eigenes Geld ranholen.“ Ein Deutscher und ein Amerikaner, erfahren im IT-Business, streckten Geld vor. „Ich kannte die aus meinem früheren Leben“, sagt der Gründer.

Über die nächsten Monate kommen

Zunächst ging es um 150.000 Dollar, also 115.000 Euro, für die ersten anderthalb Jahre Entwicklungsarbeit. Schuyler und sein Team programmierten in Deermans Wohnung in Mitte oder am Biergartentisch. Weil er bei der Berliner Start-up-Informationsplattform Silicon Alley mitmischt, kannte er viele Leute aus der Szene. Einmal lief ihm auch ein Kapitalgeber der US-Gesellschaft Earlybird über den Weg, der in Berlin nach jungen Unternehmern suchte. Deermann traf ihn eines Tages in einem Café in Mitte, man kam ins Gespräch. Bald darauf durfte Moped sich über eine Million Dollar von einer Gruppe von Geldgebern, darunter Earlybird, freuen, um damit über die nächsten 18 Monate zu kommen. „Wir durften sogar im Loft von Earlybird in Mitte arbeiten, als die in den Ferien waren“, sagt der Gründer. Wagniskapitalgeber empfinden sich eben meist auch als Helfer und Berater für ihre Gründer. Deren Erfolg ist am Ende schließlich auch ihr Erfolg. So profitieren die Start-up-Macher von ihren Geldgebern und andersherum.

Das sieben Mann starke Moped-Team ist übrigens dabei, das Produkt weiter zu etablieren. Dabei denkt der Jungunternehmer ständig an den nächsten zu finanzierenden Schritt. „Du bist eigentlich immer dabei, neue Leute anzuheuern und frisches Geld zu besorgen.“