Berliner Spaziergang

Der Mann für konsequente Freundlichkeit

Es ist seine Überlebensstrategie. Dieses Nettsein. "Wir richten es ein", hat Horst Evers gerade zu der Frau gesagt, die an der Kreuzbergstraße an ihm vorbei wollte. Er hatte sie nicht gleich bemerkt, vielleicht hätte er sich sonst noch verbeugt. Das wäre genauso altmodisch gewesen, wie die Worte, mit denen er sie so galant umhüllt hat. Sie lächelte. Die Ironie, hat sie die bemerkt?

Horst Evers lebt seit genau 25 Jahren in Berlin. Er hat gearbeitet als: Nachhilfelehrer, Eilzusteller - und Taxifahrer. Letzteres hat ihn, den Niedersachsen, gelehrt, dass er in der großen Stadt nur mit "konsequenter Freundlichkeit" zurande kommt. "Zum Beispiel, wenn einer meiner Fahrgäste behauptet hat, das sei ein schlechter Weg, den ich fahre. Ich wusste aber genau, meiner ist der allerbeste Weg - und seinen kann man auch fahren, aber er ist auf keinen Fall besser. Am Anfang habe ich noch diskutiert, aber dann habe ich gemerkt, dass es viel besser ist, den Leuten mit einem Kompliment zu antworten: ,Das ist ja eine tolle Idee. Ja. Och, Mensch. Da haben sie mir jetzt richtig was beigebracht.'" Und hat der Fahrgast nichts gemerkt? "I wo. Lief alles super. Ich habe zwei bis drei Mark damals mehr verdient - weil der Weg länger war. Er hat sich total gefreut, hat mir noch ein Trinkgeld obendrauf gegeben." Aus dieser Erfahrung heraus versuche er jetzt, "ohne dass es ins Würdelose abgleitet", die Dinge mit konsequenter Freundlichkeit zu regeln.

Die Stadt ist seine Bühne

Mit Horst Evers durch die Stadt zu spazieren, das ist, als würde man über eine große Bühne gehen. Wenn er vor einem Gebäude Geschichten erfindet, von seinem Leben erzählt oder sich über das eine oder andere lustig macht. Es kann auch vorkommen, dass er sich in seinem Gedankenrausch verheddert. Aber meist bleibt er souverän. Wie auf der wirklichen Bühne natürlich immer. Evers ist mittlerweile einer der großen Stars in der Kabarettszene. Mühelos füllt er an einem Nachmittag die "Wühlmäuse" bis auf den letzten Platz. Sein grotesk-komischer Kriminalroman "Der König von Berlin" steht auf Bestsellerlisten, wie schon der Vorgänger, eine Sammlung wunderbarer Alltagsbeobachtungen mit dem Titel "Für Eile fehlt mir die Zeit". Auf Radio 1 ist er zu hören, in Fernsehtalkshows wird er eingeladen. Er kann minutenlang sein Publikum damit amüsieren zu erzählen, wie man einen Elternabend ohne Schaden überlebt. Oder seinen twitternden Nachbarn. Dabei gleitet er nie ins Brachial-Boshafte ab, wie es seine Kollegen aus der Comedy-Szene tun, Evers reicht das Komische charmant auf einem silbernen Tablett.

Wir haben uns in der "Bar Vereinszimmer" gegenüber dem Kreuzberg verabredet. Ein beliebter Anlaufpunkt für Leute, die vor Jahrzehnten nach Kreuzberg gezogen sind, aber ihre wilden Jahre hinter sich gelassen haben und nun grauhaarig bei Cappuccino und Rotwein lamentieren, was die neue Zeit an unbequemen Veränderungen bringt. Evers, 45 Jahre alt, fast keine Haare mehr auf dem Kopf, in der Großbeerenstraße wohnend, erklärt, dass er den Stadtteil nicht mehr verlassen will. Doch es steht nicht gut um sein Kreuzberg. Die Mieten steigen. Alte eingesessene Läden schließen. Evers formuliert es so: "Es gibt speziell in Kreuzberg viele Leute, die haben in den 70er-Jahren einen Lebensentwurf gemacht, der funktioniert, wo sie ihre Nische gefunden haben, der aber auch darauf basiert, dass sie geringe Kosten haben. Jetzt haben sie aber das Problem, dass das Leben hier spürbar teurer wird."

Freunde und Bekannte sind in den vergangenen Jahren aus Kreuzberg nach Friedenau gezogen. "Das hätte ich niemals für möglich gehalten. Ich kannte früher nie jemanden in Friedenau." Mittlerweile kehrt er deshalb nun auch im Café "Feuerbach" nahe dem Walther-Schreiber-Platz ein, einer Gegend, die er sich vor Jahren wahrscheinlich auch nicht für einen Kneipenabend vorgestellt hat. Wird er doch eines Tages den Freunden folgen? "Da ist mittlerweile eine Lebensqualität wie in Kreuzberg, nur nicht ganz so aufgeregt. Als erfahrener Berliner müsste ich sagen, es gibt gar keinen Grund, nicht nach Friedenau zu ziehen."

Würde aber bestimmt nicht einfach werden. Denn während wir jetzt die Großbeerenstraße hinunterlaufen, verspricht er, dass er mir den besten Kuchenbäcker Berlins und die beste Eisbude zeigen wird. Der Mann liebt seine Umgebung. Wir biegen in die Hagelberger Straße ein, und Evers erzählt von seiner alten Heimat. Er stammt aus einem kleinen Dorf - "13 Häuser. Man braucht schon Karten mit sehr großem Maßstab, um es zu finden" - mit dem Namen Evershorst. Der Evers hat sich nämlich einen Künstlernamen zugelegt und damit seiner Heimat eine Ehre erwiesen. "Mein Großvater war noch Landwirt, aber die Generation meines Vaters, die konnte schon nicht mehr von den Höfen leben. Man hätte gewaltig expandieren müssen, was meine Eltern Gott sei dank nicht gemacht haben. Mein Vater war Postbeamter im einfachen Dienst. Er hat am Schalter gesessen oder Post ausgefahren. Das habe ich dann in Berlin auch wieder gemacht. Als Eilzusteller."

Zur Schule gegangen ist Evers in der nächst größeren Kreisstadt Diepholz. Wenn er von dieser Zeit erzählt, dann vor allem von den Lehrern. Nichts Schlechtes: "Ich bin der Meinung, dass es einer der unterschätztesten Berufe überhaupt ist. Ich hatte das Glück, mehrere gute Lehrer gehabt zu haben, die mir echt weitergeholfen haben." Was macht einen guten Lehrer aus? "Sie konnten gut erzählen, das war ihr größtes Talent. Keiner hat durch Strenge überzeugt, was heute so modern ist."

Als Evers 1987 nach Berlin kam, mit dem Studium der Publizistik an der Freien Universität (FU) begann, brauchte er Geld für seinen Lebensunterhalt. In einer Zeitung entdeckte er eine Anzeige: Ein Nachhilfelehrer wurde gesucht, für ein Mädchen aus der achten Klasse, deren Versetzung stark gefährdet war. Vier Stunden in der Woche. Vielleicht lag es an seinen eigenen guten Erfahrungen aus der Schulzeit, jedenfalls "hat das sensationell hingehauen". Das Mädchen aus Frohnau verbesserte sich in allen Fächern um mindestens eine Note, teilweise um zwei.

Das Resultat machte Evers bei Frohnauer Eltern bekannt. "Auf einmal hatte ich wie aus dem Nichts zehn bis zwölf Nachhilfeschüler." Wäre er ein guter Lehrer geworden? "Möglicherweise ja. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich nach einem Semester Publizistik umgewählt habe auf Studienrat."

Mittlerweile stehen wir vor dem so empfohlenen Eisladen "Vanille und Marille" in der Hagelberger Straße, müssen aber auf eine Kostprobe verzichten. Was natürlich der Jahreszeit geschuldet ist, denn die Rollläden sind heruntergezogen. Evers und ich fantasieren, an welchem Strand die Eigentümer gerade liegen, um sich vom Sommer zu erholen. Dann zeigt er auf einen anderen Laden gegenüber, den "das Kind" liebt. Das Kind heißt Roberta und ist seine Tochter. Und dort, wo der Name "Ess brennt" steht, zieht das Kind gerne Kerzen, "ihr bevorzugtes Geschenk für Erwachsene".

Während wir weiterschlendern, sprechen wir über Kindererziehung und Vaterfreuden beziehungsweise -leiden. Roberta ist mittlerweile zwölf Jahre alt. Ich frage Evers, ob er sich zurückwünscht in die Zeit, in der das Kind noch klein war. "Sie ist immer noch - auch mit zwölf - ungeheuer pflegeleicht und charmant. Aber natürlich trauert man den Zeiten nach, als sie klein und süß war." Mit einer Einschränkung. "Die ersten zwei Jahre mit einem kleinen Kind braucht kein Mensch. Erst ab dem zweiten Geburtstag wird es besser." Wir stehen jetzt vor dem triumphalen Portal eines Gründerzeit-Bauensembles an der Yorckstraße. Riehmers Hofgarten. Und ich merke, den Evers gibt es drei Mal. Den Wehmütigen. Den Komischen. Und den Fabulierer.

"Riehmers Hofgarten", sagt er, "das ist für mich das alte, etwas geheimnisvolle Berlin. Hier können viele Sachen passiert sein." Aha. "Irgendjemand könnte ein Dokument dort versteckt haben, unter großem Druck, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Es liegt eingemauert in einem Keller. Damit die Russen es nicht finden." Und was könnte darauf stehen? Evers zuckt mit den Schultern und sagt dann: "So was wie Berlin im Innern funktioniert." Sein Blick gleitet nach links, bleibt an dem Ladenschild "Heimkehr" hängen. "Vier große Bestattungsunternehmen gibt es hier im Umkreis. Interessant. Warum hier? Das ist ein hochinteressantes Milieu, wo man eine Geschichte spielen lassen kann. Zum Beispiel über einen Bestatter, der seit Generationen die Menschen unter die Erde bringt und wahrscheinlich sehr viel weiß."

So viel Grauen. Da müssen wir jetzt auch über Ratten sprechen. Denn ein Heer von Millionen Ratten fällt über die Stadt her. So steht es in seinem Buch "Der König von Berlin". Eine komische Kriminalgeschichte über das, was die Stadt zusammenhält, wer von hinten die Fäden spinnt und jederzeit zu einer Bedrohung werden kann. Aber warum spielen Ratten dabei eine so große Rolle? "Paris und London haben riesige Probleme mit Ratten. Ratten werden wahrscheinlich gezielt gefüttert, um sie von der Innenstadt, von den touristischen Zielen fernzuhalten. Da fand ich natürlich die Vorstellung interessant, wenn das in Berlin genauso wäre. Und wenn das jemand seit dem Zweiten Weltkrieg macht: Kontrollieren kann, wo die Ratten sind, wie sie sich vermehren." Ein bisher wenig in der Öffentlichkeit stehender Berufszweig tritt in Evers' Buch in den Vordergrund. Die Kammerjäger. Ihre Reaktion auf das Werk sei erfreulich positiv gewesen.

Während wir durch die Yorckstraße marschieren, schaue ich, ob nicht irgendwo gerade einer der kleinen Nager über den Bürgersteig jagt. Evers schätzt, dass es etwa zehn Millionen Ratten in Berlin gibt, die Senatsstelle spreche allerdings von rund drei Millionen, pro Einwohner eine Ratte. Was natürlich nach einem besseren Kräfteverhältnis klingt, als wenn es drei Ratten sind, die auf einen Berliner kommen.

Streit über einen Sexshop

Und genau wie Ratten Süßem kaum widerstehen können, läuft uns jetzt das Wasser im Mund zusammen, als wir in der Yorckstraße 15 bei "Mr. Minsch" reinschauen. Hier ist er also, der von Evers gepriesene beste Kuchenbäcker der Stadt. Evers wählt etwas Obstiges, ich einen Käsekuchen. Und während wir vergnügt das Süße in uns reinschaufeln, frage ich mich, wie so einer, der aus einer Ecke Niedersachsens kommt, wo die Menschen eher wortkarg sind, komisch werden kann und die Fantasie hat, skurrile Geschichte zu erfinden. Nach seinen Erfolgen als Nachhilfelehrer, erzählt er, habe er gedacht: Vielleicht ist das dein großes Talent - Wissen vermitteln. "Das machen Sie heute ja auch?" - "Ja, allerdings sind es nicht 30 Schüler, sondern 500 in den Wühlmäusen." Schließlich habe der Lehrerberuf ja auch was vom Alleinunterhalter.

Seine ersten Auftritte hatte er im Germanistik-Café an der FU. 1989 gründet er mit einigen Kollegen die Satirezeitschrift "Salbader". In einem besetzten Haus an der Brunnenstraße macht er mit Freunden eine Art kabarettistischen Frühschoppen auf, den es bis heute gibt. Allerdings nicht mehr an der Brunnenstraße, weil hier Evers erstmals auf Grenzen stieß, die auch durch konsequente Freundlichkeit nicht zu überwinden waren. Schuld waren Frauen. Die fühlten sich in dem besetzen Haus in ihrer Ehre gekränkt, als einer der "Salbader"-Autoren über einen Sexshop schrieb. Nicht, dass sich der Autor ergötzte an dem Stoff, der ihm da geboten wurde, nein, er schrieb darüber, als ob er eine Rezension über eine Ausstellung in der Nationalgalerie verfassen würde. Satire eben. Aber die Frauen verstanden keinen Spaß und torpedierten den Frühschoppen am Sonntag, indem sie genau zu diesem Zeitpunkt ihre Bauarbeiten in das besetzte Haus legten. "Die Auseinandersetzungen waren sehr anstrengend", stöhnt Evers. "Es war einer dieser Momente im Leben, wo man feststellt: Man hat keine Chance. Da nützt auch Höflichkeit nichts mehr." Die Spaßtruppe zog weiter und residiert heute im Schlot in Mitte.

Am Mehringdamm wollen wir uns verabschieden. Ich werde gleich in die U6 steigen. Das bringt uns noch auf ein Thema, die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin. Evers, passionierter U-Bahn-Fahrer, spricht über die Unterbrechung zwischen Französische Straße und Friedrichstraße. "Da haben sie nicht mal einen Pendelverkehr eingerichtet, nein, man läuft einfach. Als ich das erste Mal auf dem Plan Oktober gelesen habe, dachte ich: ist ja ziemlich lange. Und dann las ich die Zahl dahinter: Oktober 2014." In wenigen Monaten, meint Evers und lacht, würde man sich gar nicht mehr erinnern, wie das mal war, als die U6 durchgefahren ist. Und Herbst 2014, das bedeute ja in Berlin Frühjahr 2016. "Man kann eigentlich sagen: Die U6 ist jetzt für immer unterbrochen. Das war's."

Zwischen den Stationen müssen die Fahrgäste nun gehen. Und Evers wäre nicht Evers, wenn er dem Ganzen nicht auch etwas Positives abgewinnen kann: "Was ich schön finde, ist, dass diese Strecke jetzt zur europäischen Hauptstadt der Straßenmusiker wird. Die kriegen das jetzt natürlich mit, dass da so irrsinnig viele Leute sind. Über kurz oder lang werden die besten Straßenmusiker überhaupt auf diesem Stück spielen." Vielleicht sollte die BVG sich einmal überlegen, den Evers für eine Imagekampagne zu gewinnen. Nur zum Spaß.

Das Buch

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