Geschichte

Geteilte Stadt, geteilte Jugend

| Lesedauer: 13 Minuten
Eva Lindner

Tag der Deutschen Einheit: Thomas Häger wächst an der Berliner Mauer auf, im Westen wie im Osten. Von einem Leben zwischen den Welten

Das Ende der Welt beginnt direkt vor der Haustür. Thomas Häger ist zwölf Jahre alt, als er mit seinen Eltern in eine neue Wohnung zieht, direkt an die Mauer. Wenn der Schüler aus dem Fenster des ehemaligen Zollhauses auf das Schlesische Tor, Richtung Westen, sieht, liegt eine unbekümmerte Jugend vor ihm. Fernsehen, Rockmusik, Reisen, Jeans, Coca Cola, Freiheit. Blickt er in die andere Richtung aus dem Fenster, dann sieht er die Berliner Mauer. Es ist das Jahr 1983, drei Meter hoher Stahl hält seit mehr als 20 Jahren Millionen von Menschen gefangen. Grau, mächtig und furchteinflößend steht die Mauer da. Hinter ihr keine Religionen, keine westeuropäischen Sprachen, keine Südfrüchte, keine Geheimnisse, keine Perspektive. „Hier war meine Welt zu Ende“, sagt Thomas Häger.

Die Nähe des Elternhauses von Thomas Häger zur DDR ist kein Zufall. Es ist vielmehr ein Symbol für geistige Nähe: Der Vater arbeitet bei der Hauptverwaltung für Schifffahrt und Wasserstraßen, die Mutter bei der Deutschen Reichsbahn. Beide Betriebe sind im Berliner Westen ansässig, verwaltet werden sie jedoch von der DDR, so wollte es das Potsdamer Abkommen von 1945. Das ist den Eltern mehr als recht, sie sind leidenschaftliche Anhänger der SEW, der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins. Der Ableger der SED verfolgte im Westen den Sozialismus, stets streng angeleitet durch die Mutterpartei auf der anderen Seite der Mauer.

Thomas Häger ist heute 40 Jahre alt, ein schlanker, sportlicher Typ. In Turnschuhen und Pullover sitzt er in seiner Mittagspause in einem Café in Kreuzberg, er ist Chef einer Firma, die Computertechnologien entwickelt. Am Mittwoch wird Thomas Häger wie die meisten Deutschen nicht ins Büro gehen, aber der Tag der Einheit ist für ihn mehr als ein arbeitsfreier Tag. Der Tag der Wiedervereinigung weckt jedes Jahr Jugenderinnerungen in ihm. Wenn er zurückblickt, spricht Häger von einem „Hybridzustand“.

Das Bild von dem Backsteinhaus an der Mauer ist bis heute Thomas Hägers prägendste Erinnerungen an seine Kindheit. Der Berliner hat noch genau den Schießstand vor dem Haus vor Augen. Lange hat er nicht verstanden, warum die „Holzhütte“ da steht. Es ist der Betrieb des Vaters, der das Haus an der Mauer für die Westbediensteten zur Verfügung stellt. 86 Westmark bezahlt Familie Häger für ihre dreieinhalb Zimmer mit Gartenteil. Glücklich sei er als Kind dort gewesen, sagt Häger heute. Die Gesinnung seiner Eltern spielt für ihn lange keine Rolle. Er weiß nur, ihr großes Vorbild lebt jenseits der Mauer.

Sommerferien in der Zone

Häger besucht den Betriebskindergarten in Dahlem, eine „hochherrschaftliche Villa“, die ihm heute noch im Gedächtnis ist. Später geht er in Kreuzberg in die Grundschule, dann auf die Hermann-Hesse-Schule. Manchmal schnappt er beim Abendessen Gesprächsfetzen seiner Eltern auf, deren Ideologie trägt er mit in die Schule. Wie Kinder halt so sind, gibt er ihre Meinung als seine eigene aus. Mitte der 80er-Jahre rüsten der Osten und Westen atomar auf. Das ganze Land diskutiert über Westdeutschland als Raketenstandort. Thomas Häger verkündet die klare Position seiner Familie: Nein zu den Raketen. Die Mitschüler halten dagegen, „aber wir müssen uns doch vor dem Kommunismus schützen“. Häger steht mit seiner Meinung alleine dar, droht zum Außenseiter zu werden. Also schweigt er lieber.

In den Sommerferien fahren seine Mitschüler gen Westen. Zelten in Holland, Pizzaessen am Gardasee, Surfen in Frankreich. Häger macht Urlaub in der Zone. Jedes Jahr fährt er mit den Jungen Pionieren Westberlins in ein Jugendlager der DDR. Etwa 300 Westpioniere, die meisten Kinder von aktiven SEW-Mitgliedern, verbringen ihre Ferien regelmäßig mit den Kindern der DDR-Partnerorganisation. Häger freut sich immer auf die Zeit, schließt Freundschaften. Ausflüge, Schnitzeljagden, Mädchen ärgern. Als Kind habe er das alles nicht in Frage gestellt. „Ich dachte immer, da drüben ist alles in Ordnung.“ Dass dem nicht so war, wird Häger erst später bewusst.

Seine ersten negativen Erfahrungen mit der DDR macht er, als er eines Tages krank wird. Die Nasenpolypen schwellen stark an. Häger bekommt schlecht Luft, muss zum Arzt. Weil die Familie über ihren Arbeitgeber in der DDR versichert ist, darf sie ihre Ärzte nicht frei wählen. Es bleibt nur eine Adresse: die Poliklinik am Schöneberger Ufer. Hier arbeiten Doktoren aus der DDR. Häger erinnert sich ganz genau an Geruch des braunen Linoleumbodens, behandelt mit einer scharfen Chemikalie. Wenn er heute davon erzählt, rümpft er die Nase. Lange Gänge, hohe Decken, viele Türen. Worte hallen wieder. An den Metallbetten stecken kalte Gitter. Das Gebäude schüchtert den Jungen ein. Die Instrumente sind vorsinnflutlich, die Krankenschwestern, nett ausgedrückt, rustikal. Sie schieben Häger ein Röhrchen ins Ohr. Alles ist entzündet. Häger muss operiert werden. Also wird er in eine DDR-Klinik verlegt. Seine Eltern dürfen ihn nicht besuchen. Häger hat Heimweh.

Das Bild der Krankenhäuser ist die zweite prägende Kindheitserinnerung. Ein anderes Mal kommt Thomas Häger mit Zahnschmerzen in die Poliklinik. Mit einer „riesigen Spritze“ betäuben die Ärzte sein Zahnfleisch. Doch die Wirkung bleibt aus. Häger steht die Schmerzen durch. Seit diesem Zahnarztbesuch verzichtet er freiwillig auf Betäubungen, er hat das Vertrauen verloren. Bis heute konnte es ihm kein Arzt zurück geben.

Kurze Zeit später wird Häger auf Kur geschickt. Wiek auf Rügen. Er ist das einzige Kind aus West-Berlin. Als er versucht, Anschluss zu finden, sagen ihm manche Kinder, sie dürften nicht mit ihm reden. Heute ist ihm klar, dass deren Eltern Geheimnisträger, Staatsbedienstete der DDR, waren. Damals fühlt er sich wie ein Sonderling, mit dem die anderen nicht sprechen wollen. Er ist einsam, mitten in der Gruppe. Jeden Morgen treten die Kinder zum Fahnenappell an. Gemeinsam hissen sie die schwarz-rot-goldene Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. „Für Frieden, Völkerfreundschaft und Solidarität: Seid bereit!“, ruft der Gruppenführer. „Immer bereit!“, antwortet Häger mit den Pionieren im Chor. Sie heben den rechten Arm und halten die flache Hand über den Kopf. Der Daumen zeigt nach unten, der kleine Finger zum Himmel.

Regelmäßig besuchen die Hägers eine Freundin der Oma im Osten. Doch je älter Thomas Häger wird, desto dunkler und bedrückender findet er die Häuser und das Leben auf der anderen Seite der Mauer. Irgendwann kommen ihm die Besuche im Osten vor, als wäre er Hauptdarsteller in einem schwarz-weiß-Film. „Wenn hier alles so toll ist, warum sieht das dann alles so scheiße aus?“, fragt er sich plötzlich. Die Orangen aus Kuba sind grün und schmecken unreif. Der Honig kommt aus einer Pappschachtel und riecht künstlich. Von den Devisen, die die Eltern eintauschen, bekommt Häger ein Taschengeld. Das gibt er freiwillig für Schreibwaren aus, denn Club-Kola und Schokolade ekeln ihn. Der Junge aus dem Westen lernt die Vorzüge seiner Seite der geteilten Stadt zu schätzen.

Er soll auf Linie gebracht werden

Auf der Oberschule beginnt Häger sich für Politik zu interessieren. Es ist die Zeit, in der er sich immer öfters hinter dem Schießstand vor dem Elternhaus versteckt, um heimlich die ersten Zigaretten zu rauchen. Seine Freizeit verbringt er immer noch regelmäßig mit den Pionieren. Doch auch hier verändert sich Hägers Blick. Unter den Jugendlichen wird der Ton rauer, die Hierarchien immer strenger. Thomas Häger ist kein Kind mehr, jetzt soll er auf Linie gebracht werden. Doch dem jungen Mann fällt es zunehmend schwerer, sich mit den Leitbildern des Ostens zu identifizieren. Er wird rausgeschickt, soll Flugblätter verteilen, anderen die Meinung der Kommunisten kundtun, von der er selbst nicht überzeugt ist. Alles für das Kollektiv. Individualismus? Eigene Meinung? Unerwünscht. „Ich habe mich unwohl gefühlt, scheinbar war ich nicht genug von der Sache überzeugt “, sagt er heute.

Häger hat Schwierigkeiten, sich den Autoritäten unterzuordnen, entschließt sich eines Tages, nicht mehr mitzumachen. Es fühlt sich an, wie einen Schleier von den Augen zu wischen.

Häger beginnt eine Ausbildung bei der deutschen Reichsbahn, im Betrieb der Mutter. Eines Tages verabredet er sich mit einem Freund. Sie wollen „Party machen im Osten“. Sie tun etwas Verbotenes, wechseln Westmark in Ostmark noch vor dem Grenzübergang, verstecken die Devisen in ihren Unterhosen. Doch sie werden beobachtet. An der Grenze müssen sie sich vor den Wachmännern ausziehen. Hägers Puls schlägt höher. „Wenn sie dich erwischen, kommst du nach Bautzen“, schießt es ihm durch den Kopf. Die Vorstellung, in das DDR-Gefängnis in Sachsen gesteckt zu werden, macht ihm Angst. Doch sie dürfen ihre Unterhosen anlassen. Die Beamten finden nichts und lassen die Freunde ziehen. Sein Geld ist Häger nicht losgeworden, das Restaurant, in dem sie essen wollten, ist Pleite gegangen, in die Disco wurden sie nicht reingelassen. Ein kleiner Ausflug, die Suche nach ein bisschen Spaß, ist nur eine weitere große Enttäuschung.

Eines Morgens, es ist der 10. November 1989, fährt Häger mit der U-Bahn zur Arbeit. Leicht verschlafen ist er an diesem Tag. Jeder zweite hält eine Zeitung in der Hand, „Die Mauer ist weg“, steht darin in großen Lettern geschrieben. Welche Mauer, denkt Häger kurz. Dann kommt ihm ein Kollege entgegengestürmt. „Thomas, die Mauer ist gefallen!“

Wenn Häger an das bedeutendste Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte zurückdenkt, erinnert er sich an die ausgelassene Stimmung auf der Straße, an die Freude der Menschen. Er selbst, der zwischen den Welten aufgewachsen ist und sich am Ende bewusst für die eine entschieden hat, feiert in diesem Moment nicht mit. Er ist vielmehr genervt von den meterlangen Schlangen in den Supermärkten und an den Bankautomaten. Er beobachtet, wie Rechtsradikale aus dem Osten in Kreuzberg einmarschieren, russische Busse durch die Stadt rollen. Dass alle Ostdeutschen 100 Mark Begrüßungsgeld bekommen, leuchtet ihm nicht ein. Vor dem Haus seiner Eltern wird der Schießstand abgerissen und ein Grenzübergang gebaut. Vom Fenster aus sieht Häger zu, wie die neuen Mitbürger mit Kehrpaketen voller Bananen, Kaffee und Schokolade versorgt werden. Die vereinte Stadt, der Osten, der den Westen geradewegs zu überschwemmen scheint, macht ihn misstrauisch.

Der Vater von Thomas Häger hat mittlerweile seine Stasiakte angefordert. Obwohl er ein regimetreuer Mitarbeiter war, wurde er im Betrieb beobachtet. Die Eltern sind damals in ein tiefes Loch gefallen. Enttäuscht vom politischen System und von sich selbst, haben sie doch jahrelang einer falschen Ideologie nachgehangen. „Heute hat er seinen Frieden mit der Vergangenheit geschlossen“, sagt Thomas Häger über seinen Vater. Wenn die beiden sich heute über alte Zeiten unterhalten, dann geht es meist um Erinnerungen an skurrile Realitäten. Zum Beispiel, dass Häger die Luft auf der einen Seite der Oberbaumbrücke merklich besser fand als auf der anderen, wo die vielen Trabis die Luft verpestetet hätten.

Heute lebt Häger tief im Berliner Westen, in Friedenau. Er sei froh, dass Berlin zusammengewachsen und wieder eins sei. In den Ostteil verschlägt es den gelernten Verfahrenstechniker dennoch selten, vielleicht mal, wenn er seinen Sohn zu einem Fußballturnier bringt. Häger hat nichts gegen den früheren Osten. Es gibt nur keine Berührungspunkte mehr. Seine Eltern wohnen in Spandau, die Freunde in Schöneberg oder Kreuzberg.

Das Backsteinhaus am Schlesischen Tor ist mittlerweile voll mit Graffiti, davor hat ein Biergarten eröffnet. Von der Mauer sind nur Pflastersteine geblieben. Vom Fenster aus sehen sie aus wie eine Narbe.