- Bei Fällen wie dem in Gatow sprechen Experten vom erweiterten Suizid - eine Form der Kindstötung, die tendenziell zunimmt, wie eine Analyse der Medizinischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn aus dem vergangenen Jahr zeigt. Die Forscher untersuchten alle Todesfälle von Kindern und Jugendlichen im Zeitraum von 1994 bis 2007 aus den Kreisen Bonn, Koblenz und Köln, die der Rechtsmedizin dort bekannt waren. "Beim erweiterten Suizid gibt es gerade in diesem Jahr dramatische Zahlen", bestätigt Frank Häßler, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Rostock.
Dabei nimmt der Täter andere Menschen, oft Familienmitglieder, ohne deren Wissen oder Zustimmung mit in den Tod. Im Vergleich zu anderen Formen der Kindstötung kommen die Eltern häufiger aus mittleren oder höheren sozialen Schichten mit einem recht hohen Bildungsniveau, sind im Schnitt älter und kündigen das Drama meist vorher an - die Bonner Studie spricht von 80 Prozent.
Dabei gibt es zwei größere Tätergruppen. Bei Männern führen häufiger Wut, Eifersucht und starke Rachegefühle dazu, sich selbst und den Kindern das Leben zu nehmen, meist im Zusammenhang mit der Trennung von der Mutter der gemeinsamen Kinder. Wenn Mütter ihre Kinder mit in den Tod nehmen, tun sie das hingegen eher aus persönlicher Verzweiflung, eigenen Selbstmordabsichten und dem Wunsch, das Kind nicht allein zurückzulassen. "Es kommt nicht selten vor, dass bei tötenden Eltern eine psychische Erkrankung vorliegt, etwa Depressionen, Schizophrenien oder Persönlichkeitsstörungen", sagt Häßler, der 2007 das Buch "Kindstod und Kindstötung" herausgab. "Der größere Teil aber befindet sich in einer großen emotionalen oder sozialen Notlage, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein."
Hälfte der Täter ist arbeitslos
Das gilt auch für die anderen Formen der Kindstötung. Zwei davon, die sogenannte altruistische Tötung und der Tod infolge von Misshandlungen, geschehen oft innerhalb einer existierenden Partnerschaft. Die altruistische Tötung ist ein Versuch, das Kind vor Schmerzen oder einem vorausgesehenen schrecklichen Lebensweg zu bewahren, etwa weil es behindert ist oder an einer unheilbaren Krankheit leidet. Der Tod als Folge schwerer körperlicher Misshandlungen geschieht ebenfalls oft unter den Augen des Partners. Diese Paare sind häufig noch sehr jung, haben finanzielle Probleme und ein eher niedrigeres Bildungsniveau.
Die anteilmäßig größte Gruppe unter den Kindstötungen nimmt mit rund 40 Prozent aber der sogenannte Neonatizid ein. Davon spricht man, wenn ein neugeborenes Baby innerhalb der ersten drei Tage nach der Geburt getötet wird. "Der Neonatizid hat eine ganz andere Dynamik als sonstige Kindstötungen, denn die Täter sind zu fast 100 Prozent die Mütter", erklärt Häßler. Wie die Bonner Studie herausfand, sind diese Frauen oft noch recht jung und emotional eher instabil, gehemmt und unselbstständig. Bei etwa der Hälfte von ihnen handelt es sich bei dem getöteten Baby um das erste Kind, die anderen haben bereits Kinder.
Die meisten Frauen töten ihr Baby dann sehr schnell, in der Regel innerhalb der ersten zehn Minuten nach der Geburt. Oft wird die Schwangerschaft zuvor verheimlicht, oder die Frauen haben die Schwangerschaft gar völlig verdrängt und werden selbst von der Geburt überrascht. Wer seine Schwangerschaft nicht bemerkt oder nicht wahrhaben will, entwickelt in der Folge auch keine Bindung zum Kind.
Im Gegensatz zu allen anderen Gewalttaten werden Kinder eher von ihrer Mutter als von ihrem Vater getötet: Gut 70 Prozent der Täter sind weiblich. Fast 90 Prozent der Kinder sind zum Todeszeitpunkt jünger als fünf Jahre. Die Tötungszeitpunkte liegen vor allem an Wochenenden und in den frühen Abendstunden unter der Woche. Ein Geschlechterunterschied bei den Tätern lässt sich in Hinblick auf das Alter der Kinder erkennen: Jüngere Kinder sterben tendenziell eher durch die Hand ihrer Mutter, ältere durch die ihrer Vater. Häßler betont auch, dass es in den allermeisten Fällen tatsächlich die eigenen Kinder und nicht Stiefkinder oder Pflegekinder sind, die getötet werden. Beziehungsprobleme und finanzielle Nöte spielen bei allen Formen der Kindstötung eine Rolle, bei einigen auch psychische Erkrankungen oder Drogenprobleme. Auch Arbeitslosigkeit ist ein Problem: In der Bonner Studie hatten gut die Hälfte der Täter keinen Job.
Eine Besonderheit, die allerdings vor allem für Kriminologen wichtig ist, betrifft die Rückfallquote von Eltern, die ihre Kinder getötet haben. Frank Häßler: "Kindstötung ist das einzige Delikt, bei dem es nach einer Aufdeckung und Bestrafung keine Wiederholungstaten gibt." Ein Trost ist das kaum.

