- MRSA - viele Patienten hören den Begriff zum ersten Mal, wenn sie sich selbst mit diesem multi-resistenten Keim infiziert haben. Dabei hat der Gesetzgeber die Hygienevorschriften für Krankenhäuser gerade erheblich verschärft, sagt Klaus-Dieter Zastrow, Chefarzt für Hygiene- und Umweltmedizin am Vivantes-Klinikum und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, im Gespräch mit Antje Hildebrandt.

Berliner Morgenpost:

Eine Patientin, die nach einer OP ihre Hüfte verliert, eine alte Dame, die an einer Blutvergiftung stirbt: Wie hoch ist das Risiko in Berlin, dass man sich in einem Krankenhaus mit dem MRSA-Bakterium infiziert?

Das spezielle Risiko für Berliner Kliniken kann man nicht benennen. Die Daten werden nur bundesweit erfasst. Pro Jahr gibt es etwa 800.000 Infektionen und bis zu 40.000 Todesfälle. Ich gehe davon aus, dass wir in Berlin günstiger dran sind als im Rest der Republik - einfach deshalb, weil es hier bereits seit 1985 eine Krankenhaushygieneverordnung gibt, die in anderen Ländern gerade eingeführt wird.

In Berlin wurden seit Inkrafttreten des reformierten Infektionsschutzgesetzes im Sommer 2011 nur zehn Fälle registriert, bei denen jeweils drei bis acht Patienten von demselben Keim befallen waren. Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Ich halte diese Zahl für realistisch. Eigentlich müsste sie bei null liegen. Ausbrüche dürfte es gar nicht mehr geben, weil man so etwas frühzeitig erkennt. Wenn mehrere Personen erkrankt sind, ist der Erreger weitergegeben worden. Das deutet auf eine Lücke im Hygienesystem hin - falls es überhaupt eines gibt.

Was sind denn die typischen Infektionsquellen?

Die Quelle kann im OP liegen, aber heute erfolgen Übertragungen noch viel häufiger auf den Stationen, insbesondere nach Operationen: beim Verbandswechsel oder beim Legen von Venen-Kathetern. Das hängt von der Arbeitsweise des Personals ab.

... also der Frage, ob sich Pfleger oder Ärzte vorher die Hände desinfiziert haben?

Richtig, das kann von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich sein.

Stimmt es, dass dieser Vorgang 30 Sekunden dauern sollte?

Ja, so lange braucht der Alkohol als Wirkstoff, um Viren und Bakterien abzutöten. Sonst passiert gar nichts.

Zeitmangel als Argument lassen Sie nicht gelten?

Nein, eine Schwester muss sich täglich zwischen 30 und 60 Mal die Hände desinfizieren - das dauert also 15 bis 30 Minuten. Das gehört zum Geschäft. Sie können einem Taxifahrer auch nicht vorwerfen, dass er zu viel Zeit verliert, weil er bei Rot vor einer Ampel stehen muss.

Kann sich Personal in der Gewissheit ausruhen, dass die Beweislast im Falle einer Infektion beim Patienten liegt?

So war das bisher. Aber seit das neue Infektionsschutzgesetz in Kraft getreten ist, hat sich das geändert. Jetzt müssen die Krankenhäuser beweisen, dass sich der Patient diese Infektion nicht bei ihnen geholt haben kann.

Renommierte Krankenhäuser screenen Patienten vor der Aufnahme auf die Keime.

Auch das ist ein Indiz für ein gutes Hygienemanagement. Das macht man mit einem Tupferabstrich aus Nase und Rachen, um zu testen, ob der Patient den Erreger hat. Dann können sich die Ärzte entscheiden, ob sie den Patienten operieren wollen oder erst den MRSA beseitigen.

Ein wirksamer Schutz?

So ein Screening empfiehlt sich, denn Sie können sich selber als Quelle ausschließen. Wenn Sie das MRSA-Bakterium in der Nase mitbringen, heißt das aber nicht, dass Sie automatisch erkranken. Es muss im Krankenhaus schon geschlampt werden, damit sich der Erreger hinterher in einer Wunde wiederfindet.

Der Gesetzgeber hofft, dass sich die Zahl der Infektionen um 30 Prozent reduzieren lässt. Teilen Sie den Optimismus?

Auf jeden Fall. Wir haben sogar gesagt: Bis zu 50 Prozent der Infektionen sind vermeidbar. Der Rest bleibt ein Risiko. Nehmen Sie zum Beispiel eine Magen-Darm-Operation. Magen und Darm können Sie nicht keimfrei machen, auch Mund, Nase und Rachen können Sie bisher nicht richtig desinfizieren.

In Holland kommt der MRSA-Erreger in Krankenhäusern so gut wie gar nicht vor. Was machen die Holländer anders?

Die holländischen Krankenhäuser schotten Patienten, die diesen Erreger haben, besser ab. Es war höchste Zeit, dass das jetzt auch bei uns gesetzliche Vorschrift geworden ist.