Krankenhauskeime

Die unsichtbare Gefahr

Krankenhauskeime: Resistente Erreger können schwere Erkrankungen verursachen oder gar töten. Zwei betroffene Berlinerinnen erzählen

- Ricky muss raus. Das ist das Problem. Ihr Hund. Vielleicht ist er aber auch ihre Rettung. Es kommt auf den Blickwinkel an.

Monika R. sitzt im Rollstuhl, seit ihr die linke Hüfte förmlich weggebröselt ist, ohne dass ein Arzt das gemerkt haben will. Sie hat jetzt ein künstliches Hüftgelenk, das linke Bein ist kürzer als das rechte. Sie kann nicht richtig laufen, nur tippeln.

Aber wenn der Hund muss, dann muss er, jetzt und nicht erst in einer Stunde. Dann muss sie sich aufraffen und es schaffen, ihm die Tür zu öffnen. Ihr winziges Appartement liegt im Erdgeschoss eines Wohnblocks in Buckow. Fünf Stufen führen nach unten. Ein Hindernis für jemanden wie sie. Doch Monika R. (62) hat schon größere Hürden genommen.

So steht es zwischen den Zeilen in dem DIN-A4-Ordner, der auf ihren Knien liegt, ihre Krankengeschichte, dokumentiert in Berichten und Protokollen. Ein nicht enden wollender Albtraum.

Er beginnt ganz harmlos, an einem Tag im Juli 2009. Die ehemalige Verwaltungsangestellte rutscht morgens beim Aufstehen aus. Sie kommt nicht mehr hoch, das linke Bein knickt weg. Ein Notarztwagen bringt sie ins Vivantes-Klinikum Neukölln. Diagnose: Oberschenkelhalsbruch.

Der Knochen wird genagelt. Ein Routine-Eingriff. An dieser Stelle wäre die Geschichte eigentlich zu Ende. Normalerweise. Doch normal ist seit der Operation gar nichts mehr im Leben von Monika R.

Sie sitzt jetzt im Rollstuhl, und die Frage, warum ein an sich harmloser Bruch damit endet, dass eine Patientin plötzlich nur noch eine Hüfte hat, weist über den Einzelfall hinaus. Sie wirft ein Licht auf ein Thema, das immer dann diskutiert wird, wenn Bakterien, wie in Bremen geschehen, auf einer Frühchenstation gleich mehrere Menschenleben fordern.

Von "Killerkeimen" ist dann gerne die Rede. Mikrobiologen und Hygieneärzte haben dann Mühe, die unsichtbare Gefahr zu entzaubern und die Diskussion über die Risiken und Nebenwirkungen zu versachlichen. Viele Menschen tragen diese Erreger in der Nase, ohne es zu merken. Zur Gefahr werden die Keime erst für Patienten mit schwachem Immunsystem, wenn sie bei einer Operation oder bei einem Verbandswechsel in offene Wunden geraten. Im schlimmsten Fall kann das zur Blutvergiftung, zum Multi-Organversagen, zum toxischen Schock führen. Ungefähr 40.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen einer solchen Infektion. Genaue Zahlen gibt es jedoch nicht, denn namentlich tauchen Methicillin-resistente Bakterienstämme wie der Staphylococcus aureus (MRSA) nur selten auf Leichenschauscheinen auf.

Auch Monika R. hat sich mit MRSA-Keimen infiziert. Von der Existenz dieser Bakterien will sie jedoch erst erfahren haben, bevor ihr ein Berliner Orthopäde im September 2010 ein Spezialhüftgelenk eingesetzt hatte. Ein halbes Jahr hatte sie zuvor im Neuköllner Vivantes-Klinikum verbracht. Von ihrer linken Hüfte war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel übrig. MRSA-Bakterien hatten sie "zersetzt". So jedenfalls steht es in dem Bericht des Krankenhauses, in das sie der Notarzt im November 2009 wieder einwies, weil sie plötzlich nicht mehr ansprechbar war. Eine "postoperative Wundheilungsstörung" wurde bei ihr diagnostiziert, eine Blutvergiftung und "laborchemisch erhöhte Entzündungswerte". 15 Mal musste die Wunde geöffnet und gereinigt werden. In einem "intra-operativ genommenen Abstrich" fanden Ärzte die Ursache für diese Beschwerden: die umstrittenen Staphylococcus-aureus-Erreger.

Dieser Bericht wirft Fragen auf, die jetzt die Verantwortlichen in einer Einrichtung beantworten müssen, in die Monika R. zehn Tage nach der ersten Operation im Juli 2009 verlegt wurde - zur Reha: wegen ihrer Depressionen in das Ida-Wolff-Geriatriezentrum in Neukölln. Schon damals klagte sie über unerträgliche Schmerzen in der Hüfte. Sie sagt, einen halben Liter Eiter habe der behandelnde Arzt daraufhin aus der Wunde gedrückt. Warum die eiterte und nicht wieder geöffnet wurde, habe sie nicht gefragt "Ich habe in der Zeit viel geheult."

Ein beängstigendes Szenario. Auf ihrer Homepage weist die Einrichtung darauf hin, dass sie sich "trotz knapper werdender finanzieller Mittel" um einen optimalen Output bemühe. Regelmäßige Hygienezirkel seien fester Bestandteil des Qualitätsmanagements. An den Fall Monika R. kann sich die zuständige Chefärztin noch gut erinnern. Eine tragische Geschichte, sagt sie auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Sie gibt zu, dass bei Monika R. Staphylokokken nachgewiesen wurden - allerdings keine vom gefährlichen Typ aureus.

In einem Gutachten, das ein Sachverständiger der Barmer Ersatzkasse im Auftrag von Monika R.s Anwältin nach Einsicht in die Pflegedokumentation des Ida-Wolff-Hauses angefertigt hat, steht etwas anderes. Der Gutachter zitiert daraus den Satz: "Die bakteriologische Auswertung ergab am 18.7.2009 vereinzelt Wachstum von Staphylococcus aureus."

Dagegen beruft sich die Einrichtung heute auf die Entzündungswerte der Patientin. Sie seien während der Reha gesunken. Einer möglichen Klage sieht die Chefärztin nach eigenen Worten daher gelassen entgegen. Sie sagt, Monika R. habe sich einer weiteren Diagnostik entzogen, als sie die Einrichtung vorzeitig verließ - gegen ärztlichen Rat. Weil die Bedingungen für Monika R. unerträglich waren.

Monate später öffnete ihr eine TV-Reportage über MRSA-Patienten die Augen. Sie schaltete eine Anwältin ein. Sie hatte gehofft, der Albtraum wäre zu Ende. Es schien, als ginge er erst los. Die neue Hüfte sprang regelmäßig aus der Gelenkpfanne, weil die Muskeln zu schwach geworden waren, sie zu halten.

Fast alles ist verloren

Ihr fehlen die Worte, um den Schmerz zu beschreiben. Monika R. angelt sich das Feuerzeug, um sich eine Zigarette anzuzünden, die dritte innerhalb von einer halben Stunde. Sie hat sich Jeans und Wollpullover angezogen und dezent geschminkt. Ein ungewohnter Anblick. Sie verbringt jetzt ganze Tage im Bett. Ihr Sohn riet ihr, den Hund abzuschaffen. Sie hat ihn davon überzeugt, dass das keine gute Idee ist: "Was bleibt mir noch?"

Eine Singlefrau, die gern tanzen und schwimmen ging und in den Süden reiste. Nach dem Sturz erkannten sie ihre Freunde kaum wieder. Viele sind es nicht mehr, die noch vorbeikommen. "Für viele bin ich ein Klotz am Bein." Ihre Ersparnisse sind aufgebraucht. Sie hat sich einen Automatikwagen gekauft für Behördengänge und Arzttermine. Sie sagt: "Ohne das Auto wäre ich schon verrückt geworden."

Ihre Anwältin Kornelia Punk hält ein Schmerzensgeld von 50.000 Euro und eine monatliche Haushaltsführungspauschale von 400 Euro für angemessen. Der Verlust der Hüfte gehe mit "50-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf die fehlerhafte Behandlung im Ida-Wolff-Geriatriezentrum zurück", glaubt Punk.

Die Ärzte hätten die eiternde Narbe auf jeden Fall noch einmal öffnen müssen, angesichts der unerträglichen Schmerzen ihrer Mandantin. Vor anderthalb Jahren hat Punk den Schadensversicherer der Einrichtung angeschrieben. Seither ist nichts passiert. Klaus-Dieter Zastrow, den Chefarzt für Hygiene am Vivantes-Klinikum in Neukölln und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, wundert das nicht.

Er sagt, dass Versicherer auf Zeit spielten, sei eher die Regel als die Ausnahme. Dabei, sagt Zastrow, habe sich die rechtliche Situation MRSA-infizierter Patienten schon erheblich verbessert, seit im Sommer 2011 das reformierte Infektionsschutzgesetz in Kraft getreten sei. Zehn MRSA-Ausbrüche mit jeweils drei bis acht Patienten sind in Berlin immerhin seit Inkrafttreten des neuen Infektionsschutzgesetzes bekanntgeworden, heißt es beim Senat für Gesundheit. Viel zu viel, kritisiert Zastrow. "Wenn mehrere Personen erkrankt sind, ist der Erreger weitergegeben worden. Das deutet auf eine Lücke im Hygienesystem hin."

Immerhin verpflichtet das neue Gesetz Krankenhäuser und Pflegeheime, den Erreger dem zuständigen Gesundheitsamt zu melden, sofern mehrere Patienten davon betroffen sind. Die Ämter leiten die Daten an das Landesamt für Gesundheit und Soziales und das Robert-Koch-Institut weiter - allerdings anonymisiert. Weder die Namen der betroffenen Patienten noch die Namen der verantwortlichen Krankenhäuser werden erfasst.

Genau das kritisieren Patientenanwälte wie Punk. Sie sagt, die Patienten hätten einen Anspruch darauf zu erfahren, ob es in Krankenhäusern schon MRSA-Infektionen gegeben habe und wie hoch die Quote sei. Hätte eine solche Auskunft Waltraud W. das Leben gerettet? Darüber zermartert sich ihre Tochter Tamara O. noch heute den Kopf. Waltraud W. starb am 28. Januar 2010 an Multi-Organversagen und einer Blutvergiftung. So steht es in ihrem Leichenschauschein.

MRSA-Keime werden auch hier nicht explizit erwähnt, doch sie waren das letzte Glied in einer Kette von Pannen, die der 84-Jährigen das Leben kosteten. So sieht es ihre Familie. Tamara O. sagt, ihre Mutter hätte sich gerade von den Folgen einer Darmkrebsoperation erholt, als sie am 16. Januar 2010 ins katholische St.-Josef-Krankenhaus in Tempelhof eingeliefert wurde. Waltraud W. litt an Anämie.

Nach einigen Tagen hatte sich Waltraud W. mit dem Norovirus infiziert. Ihre Nieren versagten. Sie bekam eine Dialyse. Nach der zweiten Blutwäsche am 21. Januar wiesen Ärzte den MRSA-Erreger nach. Sie kam auf die Intensivstation.

Als eine Nichte sie besuchte, blutete sie stark aus einer Wunde am Hals. So steht es auch in ihrer Akte, allerdings ohne Angabe einer Ursache. Tamara O. sagt, eine Krankenschwester habe aus Versehen den Zugang am Hals herausgerissen. So hat es ihr ihre anämiekranke Mutter erzählt. Erst nach zwei Stunden sei es der Schwester gelungen, die Blutung zu stoppen. Sieben Tage später war ihre Mutter tot.

Waren ihre MRSA-Erreger beim Wechseln des Zugangs ins Blut gelangt? Das Krankenhaus will das immerhin nicht ausschließen. In einer Stellungnahme bestreitet die Krankenhausleitung zwar, dass der Zugang nicht fachgerecht gewechselt wurde und sich Waltraud W. im Viererzimmer mit dem Norovirus infiziert habe. Sie gibt aber zu, dass solche "katheter-assoziierten Infektionen mit multiresistenten Keimen" auftauchen könnten, weil ein Fremdkörper in die Haut eingebracht werden müsse. Abwehrgeschwächte Patienten seien anfällig dafür. Beim Gesundheitsamt Tempelhof heißt es, die Einrichtung sei für ihr sorgfältiges Screening bekannt. Auffälligkeiten oder Beschwerden? Keine.

Tamara O. erstattete Anzeige, vor dem Landgericht Berlin läuft ein zivilrechtliches Verfahren wegen Schadenersatz. Sie sagt: "Erst wenn meiner Mutter Gerechtigkeit widerfährt, bin ich befreit."