Beate Klarsfeld

Von zweien,die Nazis unter die Lupe nahmen

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Eigentlich müssten Beate Klarsfeld und Olaf Kappelt viel gemeinsam haben. Denn beide forschen seit Jahrzehnten nach braunen Altlasten in Deutschland.

Doch während die 73 Jahre alte Wahlfranzösin international bekannt wurde, Auszeichnungen erhielt und jetzt für das höchste Staatsamt Deutschlands kandidiert, erscheinen die Bücher des Wahlberliners Kappelt in niedrigen Auflagen bei Kleinverlagen. Außer wenigen Spezialisten kennt kaum jemand den 58-Jährigen.

Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Nazi-Jägern liegt in ihrer Blickrichtung: Klarsfeld kümmert sich um frühere NSDAP-Mitglieder in der Bundesrepublik. Ohne die diskrete Unterstützung von Stasi und SED wäre ihre Mission weniger erfolgreich gewesen. Kappelt dagegen interessiert sich für alte Nazis im vermeintlich antifaschistischen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Deshalb wurde er systematisch "zersetzt": von der SED-Geheimpolizei, die ihn sogar von einem späteren Mörder ins Visier nehmen ließ.

Dabei war es Klarsfelds berühmte Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, die auch Olaf Kappelt zum "Nazi-Jäger" machte. Der damals 15-Jährige schrieb daraufhin einen kritischen Aufsatz in der Schülerzeitung - über Alt-Nazis in der DDR. Das Material dazu fand er in Broschüren, die der West-Berliner Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen ab 1958 veröffentlicht hatte. Darin wurden DDR-Funktionäre aufgeführt, die bis 1945 Parteigänger Hitlers gewesen waren. Denn die Staatspartei SED war regelrecht durchsetzt von Hitlers ehemaligen Parteigängern (siehe Text unten).

"Die Diskussion ist mir schon damals sehr einseitig vorgekommen. Die Bundesrepublik wurde als Hort des Faschismus dargestellt, die DDR als Insel der Glückseligen. Das hat meinen kritischen Geist als Jugendlicher geweckt", erinnert sich Kappelt. Er ahnte: "Das Thema Nazis in der DDR gibt Stoff für ein ganzes Buch her." Und er begann, Material zu sammeln, mit großer Beharrlichkeit. 13 Jahre nach seinem ersten Aufsatz war es so weit: Sein "Braunbuch DDR" erschien 1981 mit Kurzporträts von 876 mit dem NS-Regime verstrickten Personen, die in der DDR teilweise in höchste Funktionen aufgerückt waren. Bereits der Titel war eine Provokation für die SED. Denn die Staatspartei hatte selbst mit riesigem Aufwand erstellte "Braunbücher" präsentiert, in denen "Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik" attackiert wurden und gezeigt werden sollte, dass es so etwas bei ihr nicht gab. Kappelt beschränkte sich auf sachliche, in den Akten des Berlin Document Center überprüfbare Schilderungen.

Nach dem Erscheinen des "Braunbuchs DDR" setzte Stasi-Chef Erich Mielke eine Sondereinheit ein um Kappelts Erkenntnisse "gründlich durchzuprüfen". Das Ergebnis umfasste Dutzende Aktenordner und ein zähneknirschend eingeräumtes Lob: Dem "Braunbuch DDR" sei "eine gewisse neue Qualität nicht abzusprechen".

Gleichzeitig begannen "aktive Maßnahmen" gegen den Kritiker: "Das MfS hatte bis in meine engste Umgebung geheime Mitarbeiter platziert", bilanziert Kappelt. Obwohl er in der Bundesrepublik lebte, entging Mielkes Agenten fast nichts, wie seine umfangreiche Stasi-Akte beweist: "Die Spione in meiner Umgebung hatten sogar einen Lageplan meiner Wohnung erstellt und den Weg meiner Kinder zum Kindergarten observiert. Selbst bei Familienfeiern und am Badestrand waren MfS-Kundschafter anwesend." Einmal lauerte ihm nachts ein Schlägerkommando auf, dem er mit knapper Not entkommen konnte. Am nächsten Tag lag ein Trauerkranz vor seiner Tür, mit der Aufschrift "Als letzter Gruß an Olaf".

Ungefähr zur selben Zeit hielt Beate Klarsfeld, so jedenfalls erinnert sich der frühere MfS-Oberstleutnant Günter Bohnsack, regelmäßig Kontakt mit einer getarnten Stasi-Filiale in Ost-Berlin. Was dabei genau besprochen wurde, ist unbekannt. Bohnsack sagte aber Anfang der 90er-Jahre, Klarsfeld hätte "stapelweise Dokumente von uns bekommen". Solche Hilfe wurde Kappelt nicht zuteil. Seine Recherchen hat Klarsfeld offenbar nie zur Kenntnis genommen. Denn noch immer kolportiert sie ein weitverbreitetes Vorurteil: In der DDR habe es nur "ein paar Fälle" von Alt-Nazis gegeben, "die man verurteilen muss". Und darunter sei niemand gewesen, dem man gleich Kiesinger eine spektakuläre Ohrfeige hätte verpassen müssen, so Klarsfeld jüngst im "Spiegel".

Sie mag die große Geste, er weniger

Ihr Antipode Kappelt allerdings kann stundenlang genau solche "Einzelfälle" aufzählen. Da ist zum Beispiel Arno von Lenski, ehemaliger Generalmajor der Wehrmacht, der bis 1942 als ehrenamtlicher Richter am berüchtigten Volksgerichtshof tätig war - und an mindestens 20 Todesurteilen mitwirkte. Das aber spielte keine Rolle in der DDR, denn in sowjetischer Kriegsgefangenschaft hatte er sich den neuen kommunistischen Herren angedient. Ab 1952 diente von Lenski wieder als Generalmajor. Obwohl seine Tätigkeit am Gerichtshof spätestens 1965 bekannt war, erhielt er den Vaterländischen Verdienstorden und die Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus.

Klarsfeld und Kappelt unterscheiden sich noch in weiterer Hinsicht. Sie ist beseelt von ihrer Mission und mag die große Geste. Wenn Klarsfeld beginnt, von ihrem Leben und ihren Verdiensten zu sprechen, ist sie kaum zu stoppen und reiht Sätze in wildem Stakkatostil aneinander. Kappelt ist da anders. Für ihn ist es zwar ebenfalls ein inneres Anliegen, die Gesellschaft über die oftmals verblüffenden Nachkriegskarrieren alter Nazis aufzuklären. Doch dabei macht er um seine eigene Person nur wenig Aufheben. "Er widmet sich Aufgaben mit viel Akribie, stellt sich aber nie in den Vordergrund", sagt sein Freund Wieland Giebel. Der Geschäftsführer der Buchhandlung "Berlin Story" Unter den Linden lernte Kappelt vor gut zehn Jahren kennen. Beide verbindet ein Interesse, die preußische Geschichte. Über sie hat Kappelt etliche Bücher geschrieben, und oft lässt er Preußens Glanz und Gloria als Geschichtenerzähler aufleben: Verkleidet als Friedrich der Große führt er Touristen durch Berlin.

Aufschlussreich sind auch zwei Beispiele, an denen sich die unterschiedliche Arbeitsweise der beiden Nazi-Jäger ablesen lässt. Klarsfeld begründete ihre Attacke auf Kiesinger, der mit Wirkung zum 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten und im Zweiten Weltkrieg stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt war, mit Argumenten, die die "Zeit" schon damals als "peinlich für die Autorin" bewertete. In der 1969 veröffentlichten Broschüre "Die Geschichte des PG 2.633.930 Kiesinger" wirft Klarsfeld diesem vor: "Kiesinger begünstigt versteckt und offen die neonazistische Entwicklung in der Bundesrepublik und beweist sich nach innen als Feind der Demokratie und nach außen als Feind der Entspannung und der friedlichen Sicherheit." Deshalb hätten die Völker, die unter dem Nationalsozialismus zu leiden gehabt hätten, allen Grund, das Deutschland Bonns zu fürchten. Kiesinger sei Repräsentant einer "dummen und grausamen Ideologie", wobei er sich "ähnlich wie Hitler" von den gleichen Macht- und Interessengruppen gestützt wisse.

Eine Funktion ähnlichen Ranges wie Kiesinger hatte im Dritten Reich Karl-Heinz Gerstner inne. Auch er war Mitarbeiter im Auswärtigen Amt - und zuvor sogar Propagandaleiter der NSDAP-Auslandsorganisation. Eine von ihm für die Wehrmacht verfasste Agitationsschrift trägt den Titel "Verniggertes Frankreich". Gerstner war ebenfalls zum 1. Mai 1933 PG (NSDAP-Mitgliedsnummer 2.673.178) geworden. Nach 1945 gehörte er erst der KPD, dann der SED an und arbeitete bis 1982 als Journalist bei der "Berliner Zeitung", dem SED-Blatt für Ost-Berlin, außerdem als Fernsehmoderator und Radiokommentator. Obwohl das MfS in seinem eigenen, streng geheimen NS-Archiv Unterlagen zu dem prominenten Journalisten verwahrte, blieb er unbehelligt.

Diesen braunen Bodensatz in ihrer Vorgängerpartei hat die Linke noch weniger aufgearbeitet als ihre stalinistische Vergangenheit. Das ist bemerkenswert für eine Partei, die sich ständig mit dem Attribut "antifaschistisch" schmückt. Gysi, Lötzsch & Co. schweigen auch darüber, dass nicht wenige der Alt-Nazis in der SED nach 1990 in die PDS wechselten - und heute in der Linkspartei sind. Dazu zählt beispielsweise der Jurist Hermann Klenner. Er war im Februar 1944 als 18-Jähriger in die NDAP eingetreten und hatte sich später als IM "Klee" in die Kampagne gegen den DDR-Dissidenten Rudolf Bahro einbinden lassen. 1986 musste er wegen antiisraelischer Äußerungen von seinem Posten als Leiter der DDR-Delegation bei der UN-Menschenrechtskommission zurücktreten. Seit 2007 gehört Klenner dem Ältestenrat der Linken an.

Klarsfeld hat zu Zeiten der deutsch-deutschen Teilung über die Verhältnisse im vermeintlich "besseren Deutschland" hinweggesehen. Auf einer Veranstaltung der Linkspartei am Sonntag in Berlin begründete sie diese Haltung erstmals. Ihr sei es um solche Fälle gegangen, in denen NS-Verbrecher auch vor Gericht hätten gestellt werden können. Dafür habe sie in der DDR keine Möglichkeit gesehen.

Nazi-Aufklärer Kappelt, der die Karrieren in seinem "Braunbuch DDR" ohne schrille Tonlage und moralische Empörung schildert, kann diese Position nicht nachvollziehen. "Klarsfelds Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wäre glaubwürdiger, wenn sie die braunen Spuren in den Führungsetagen der DDR nicht ausblenden würde." Und die berühmte Ohrfeige sieht der Autor auch im Nachhinein kritisch: "Im Westen war es ohne Risiko, einen Politiker wie Kiesinger zu ohrfeigen. Hätte Klarsfeld in der DDR einen SED-Funktionär mit NSDAP-Biografie geohrfeigt, wäre sie ins Gefängnis gesteckt worden."