Berliner Spaziergang mit Brigitte Grothum

"Ich bin eine Versteckerin"

Der Mann unter dem Kreuz sieht erbärmlich aus. Augenringe, wirres Haar, verrutschter Anzug und eine baumelnde, rote Krawatte, so taumelt er durch die Kirche. Er schaut sich mit wirrem Blick in alle Richtungen um und murmelt vor sich hin: "Wer ruft da so nach mir?" Seine Gesichtsfarbe sieht ungesund aus. Ich starre erschrocken auf den Mann und die Menschen rundum und überlege, ob der Krankenwagen schon gerufen ist, als von hinten eine tiefe Stimme heult: "Jeeeedermann!"

Ah, okay, das ist eine Probe. Hier bin ich richtig. Der Elende unterm Kreuz ist der Schauspieler Winfried Glatzeder, der den Jedermann in dem gleichnamigen Stück vom Sterben des reichen Mannes verkörpert. An seiner Seite: Barbara Wussow als Buhlschaft. Am 20. Oktober ist Premiere der "Jedermann-Festspiele" im Berliner Dom. Noch aber wird in Charlottenburg geprobt, in der Luisenkirche am Gierkeplatz, wo jetzt eine kleine, rote Gestalt nach vorn läuft: Brigitte Grothum, Schauspielerin und Regisseurin des Berliner "Jedermann". Die roten Haare und der noch rotere Pulli sind kein Kostüm, auch wenn sie in ihrer eigenen Inszenierung traditionell mitspielt (als Glaube). Aber jetzt ist sie ja mit uns zum Spaziergang verabredet. Rot, meint sie, sei doch gut für die Fotos - oder nicht? Schauspieler sind immer offen für Regieanweisungen.

Die Gruppe um Glatzeder nimmt noch einmal Aufstellung für die unheimliche Szene. Die Grothum ermahnt ihren Jedermann mütterlich-streng, sich nicht dauernd zu unterbrechen. Diesmal übertönt Kindergeschrei von draußen den Gott vom Tonband. Es ist die Stelle, als Gott den reichen Jedermann anruft, bevor dieser sterben muss. Die Moral des Stücks: Die Menschen sollen sich ihrer Taten bewusst werden - und im Angesicht des Todes erkennen, was wirklich wichtig ist. Nicht Reichtum, sondern Freunde, nicht Ansehen, sondern gute Taten. Seit 25 Jahren ist das Stück eine Berliner Institution, nicht nur, weil es immer neue Aktualität gewinnt. Sondern auch wegen der Regisseurin.

Brigitte Grothum, 76 Jahre alt, auch wenn man es ihr nicht ansieht, hat auf so gut wie allen Bühnen West-Berlins gestanden. Sie hat in unzähligen Filmen und Serien gespielt. 16 Jahre lang war sie eine der drei Damen vom Grill neben Brigitte Mira in der gleichnamigen Serie. Sie hat mit Klaus Kinski, Günter Pfitzmann, Harald Juhnke vor der Kamera und auf der Bühne gestanden. Jetzt wuselt sie in der Kirche hin und her, sammelt Aktenordner ein, eine große Ledertasche und eine Hundeleine. Dann läuft sie so schnell nach draußen, dass ich kaum hinterherkomme. Ich verstehe, warum sie Laufschuhe zum Hosenanzug trägt.

"Komm, Grete", sagt sie, und ein großer, braun-weiß gefleckter Hund kommt zwischen den Kirchenbänken hervor. Irgendwo hatte ich schon von diesem folgsamen Schauspielerhund gelesen. Grete ist, wie sich herausstellt, außerdem sehr freundlich. Kein aufdringliches Geschlabber, kein nerviges Herumgerenne, nur ein geduldiger Blick, der sagt: Schon verstanden. Dies wird kein Spaziergang nach Hundegeschmack. "Heute Nachmittag ist noch Kostümprobe", erläutert Brigitte Grothum ihre dicht gedrängten Termine. Abends wird sie dann im Theater am Kurfürstendamm auf der Bühne stehen. Also gehen wir nur kurz um die Ecke in den verträumten Hof des Keramikmuseums. Darin stehen Bänke, es ist grün und still. Ein guter Ort, um unter Büschen zu scharren (Grete) und über die wichtigen Dinge des Lebens zu sprechen (wir).

Seit 41 Jahren verheiratet - glücklich

Ein Spaziergang war dieses Leben sicher nicht, auch wenn sie es gern so schildert. Mit Anekdoten, die gern wiederholt werden. Wie jene von gebrochenen Gliedmaßen, die zweimal zu einer Wendung im Leben führten: In der Schule brach sie sich beim Handball einen kleinen Finger. Seit Kinderzeiten wollte sie Pianistin werden. "So änderte ich nahtlos meinen Wunsch und wollte auf die Schauspielschule." Offenbar eine gute Entscheidung. Oder der gebrochene Fuß, der sie zu dem Orthopäden Manfred Weigert in Behandlung brachte: Seit 41 Jahren sind die beiden verheiratet. Glücklich.

Das sagt sie nicht, es spricht aus ihrem gesamten Leben. "Wir sind uns sehr nahe, was unter anderem auch daran liegt, dass jeder die Arbeit des anderen respektiert", sagt sie. Weigert war 30 Jahre Chefarzt im Urbankrankenhaus, er betreute die Fußballer von Hertha BSC und die Eishockeyspieler der Berlin Capitals. "Er operierte selbst an Weihnachten, Silvester und Ostern. Umgekehrt hatte ich an den Wochenenden und Feiertagen ja auch meine Vorstellungen. Unser ganzes Leben lang war das so." Es ist so, bis heute. Wer Brigitte Grothum anruft, landet schon mal in der Praxis ihres Mannes, der, obgleich 81 Jahre alt, noch praktiziert. Auch die Kinder, Debora und Tobias, geboren 1960 und 1970, gehören in das System Grothum. Sie erzählt, wie viel Zeit die beiden als Kinder hinter und auch auf der Bühne verbracht haben. Sohn Tobias ist heute Produktionsleiter im Fernsehen. Debora Weigert ist Schauspielerin, sie arbeitet mit der Mutter und lebt im Haus der Eltern in Nikolassee. Eine Familie, ein Team? Ohne Meinungsverschiedenheiten gehe es nicht, gerade mit den Kindern. Zuletzt hat sie gegen deren fürsorglichen Rat ihre eigene Facebook-Seite eröffnet. 400 "Freunde" hat sie dort, "und ich weiß auch, wie man Nachrichten so postet, dass sie nicht alle lesen können". Sie grinst spitzbübisch. Auch das Internet ist eine Bühne.

Und mit Öffentlichkeit umzugehen ist ihr Beruf. 76 Jahre hin oder her, Brigitte Grothum steht, wenn es sein muss, zweimal am Tag auf der Bühne, sie organisiert ihren "Jedermann" wie jedes Jahr. Sie macht ihre Termine selbst, beantwortet Mails per iPhone, fährt natürlich Auto und am Morgen gern Rad mit Mann und Hund. Nur zum Tennis komme sie momentan viel zu selten, sagt sie. Manch 40-Jährigem würde bei so einem Leben ein Burn-out drohen.

Wünscht sie sich nicht manchmal ein schönes Rentnerleben? "Was? Nein! Grauenhaft!" Wieder das freche Lächeln. Wir sitzen immer noch auf der schattigen Bank im Hof, Hund Grete lehnt sich an meine Knie und bietet zwei weiche Ohren zum Kraulen an. Wir sprechen von ihren Zeiten als Dame vom Grill, jener Vorabendserie, die 20 Jahre lang der Republik das wahre West-Berlin erzählte: drei Frauenschicksale zwischen Currywurst, grauen Fassaden und Berliner Schnauze.

Sie sagt: Sie werde auch heute, 20 Jahre danach, darauf angesprochen. "Die Serie war volkstümlich im besten Sinne, sie hat die Menschen angesprochen." Auch wenn die Magda ganz anders war als sie selbst. "Ich machte mir ja nie viel aus Haushalt und Kochen." Wie man Currywurst zubereitet, sagt sie, habe sie erst am Fernsehgrill gelernt. "Später mussten wir sogar Crêpes backen, das fand ich wirklich schwierig."

Nach der Serie war sie lange auf lustige Figuren festgelegt, darauf, Frauenklischees auf die Schippe zu nehmen. Wie in "Kalendergirls", dem Stück, das momentan (bis 15. Oktober) im Theater am Kurfürstendamm läuft. Es dauerte lange, bis sie wieder für ernstere Rollen besetzt wurde. 2006 spielte sie dann in Joseph Vilsmaiers "Der letzte Zug" die Frau eines Pianisten, die mit anderen Juden mit dem letzten Zug aus Berlin nach Auschwitz deportiert werden soll. Der Film wurde kein großer Erfolg, doch für die Schauspielerin hat er etwas Entscheidendes verändert. Die Dreharbeiten seien ein intensives, bedrückendes Erlebnis gewesen, sagte sie später. "Ich habe lange gedacht, das Thema Holocaust müsse irgendwann abgeschlossen werden. "Heute weiß ich: Man darf nie aufhören, darüber zu reden."

Es ist ein nachdenklicher Satz. Die Generation der Kriegskinder, sagt sie, sei mit Eltern aufgewachsen, "die nicht über diese Zeit sprachen - vielleicht auch, weil sie zu viel mit den eigenen Problemen zu tun hatten". Brigitte Grothum hat die Folgen des Krieges als Kind selbst erlebt. 1935 in Dessau geboren, musste sie mit sechs mit der Mutter zu Verwandten nach Thüringen ziehen, weil Dessau stark bombardiert wurde. Auch das Wohnhaus der Familie wurde getroffen. Der Vater, fast 50, wurde in den Krieg abkommandiert. Weitere Umzüge folgten. 1946 zog die Familie nach Borkheide bei Schönefeld in das Haus eines verstorbenen Onkels. Hans Grade, einst Flugpionier, hatte dort eine Autofabrik, die der Vater Grothums als Ingenieur übernahm. Doch vier Jahre später entschlossen sich die Eltern zur Flucht vor dem Sozialismus nach West-Berlin.

"Als ich 15 war, lebten wir dann zu dritt in einem Zimmer in Charlottenburg", sagt Brigitte Grothum. Es ist keine Klage, sondern eine Feststellung. Der Vater bestritt den Lebensunterhalt zunächst als Vertreter für Kühlschränke. Die Tochter bekam trotz aller Widrigkeiten weiter Klavierunterricht. "Meine Eltern haben mich einfach abgöttisch geliebt und alles für mich getan." So haben sie wohl auch die waghalsige Entscheidung der Tochter mitgetragen, Schauspielerin zu werden. Und das, obwohl sie als Kind "schüchtern und ängstlich" gewesen sei.

Fast nackt auf der Bühne

Warum wünscht sich ein schüchternes Mädchen, auf der Bühne zu stehen? Die Magie des Theaters ist nicht ganz einfach zu erklären. "Ich hätte ja nicht den Mut gehabt, als Brigitte auf die Bühne zu treten", sagt sie. "Aber in der anderen Figur war ich ja immer ,die andere'. Wenn die sich da oben blamierte, war das ja nicht ich." Das sei bis heute so. "Auch wenn ich mir vor jeder Premiere wünsche, dass das ganze Theater abbrennt." Auch mehr als 60 Jahre Bühnenerfahrung haben das Lampenfieber nicht vertrieben. "Da ist man einsam, das kann man mit niemandem teilen. Ich muss da immer wieder durch. Allein."

Jeder Schauspieler müsse seinen eigenen Weg in die Rolle finden. "Harald Juhnke, den ich gut kannte, ging immer als er selbst auf die Bühne hinaus. Er war grandios, aber er war immer er selbst. Ich dagegen verkrieche mich ganz in die Rolle. Ich bin eine Versteckerin. Und wenn ich dann oben stehe, bin ich ja nicht mehr ich, sondern 'die'". Um diesen Übergang zu schaffen, sagt sie, brauche sie Ruhe.

Zwei Stunden schläft sie am Nachmittag vor der Vorstellung, um ausgeruht zu sein. Damit der Terminplan eingehalten werden kann, verlassen wir den stillen Hof und laufen zurück zur Kirche, wo erst noch die Kostümprobe für den "Jedermann" stattfindet.

Abends, als Jessie in den "Kalendergirls", trägt Brigitte Grothum wieder Rot. Das Stück, eine Komödie nach dem Film mit Helen Mirren, wird in ehrwürdiger Umgebung gegeben. Der historische Saal ist Max Reinhardts einstige Bühne - die jetzt ihrem Ende entgegensieht. Seit Jahren wird über Abriss und Schließung gestritten. Brigitte Grothum stand hier 1957 das erste Mal auf der Bühne. Heute gehört sie zum Freundeskreis prominenter Berliner, die das Theater retten wollen. Es durchlebt schwere Zeiten, nicht nur, was die bauliche Situation betrifft. "Volkstheater" ist im neuen Berlin ein Schmähruf. Die Liste der großen Künstler, die hier auftraten, ist zwar fast endlos. Sehr viele sind aber inzwischen gestorben. Das Stammpublikum ist im Rentenalter.

Im Saal sind jedoch zwischen vielen älteren auch junge Gesichter zu sehen. Viele sind mit der Familie gekommen. Es geht um einen britischen Hausfrauenklub, der beschließt, für den guten Zweck einen Pin-up-Kalender herauszugeben - mit den Damen als Models. Komödie und Publikum freunden sich schnell an. Es gibt Zwischenapplaus, viel Gelächter und Bravo-Rufe bei den berühmten Fast-nackt-Szenen, die bei der Premiere für Schlagzeilen sorgten. Und am Schluss drei Vorhänge.

Die Grothum hat in dem Stück einen Monolog über das Alter, in dem sie sinngemäß dasselbe sagt wie mittags im Interview: dass Alter nicht adelt. "Natürlich wär ich lieber jünger", hat sie gesagt. Und dann gibt es einen Moment, in dem sie auf der Bühne sitzt und lächelt wie ein Kind. Glücklich. Es ist ein Moment, in dem "die" und sie eins sind, aufgehoben in der magischen Welt des Theaters.