UBS-Affäre

Der Milliarden-Zocker

Kweku Adoboli steht auf argentinische Weine und den Musiker Fela Kuti, einen Saxofonisten aus Nigeria. Er bezeichnet sich als Hobbyfotograf. Auf seiner Facebook-Seite finden sich 419 Freunde und Links zu einigen schicken Restaurants in London.

Adoboli soll aus Ghana stammen und seit rund vier Jahren bei der UBS arbeiten. Er hat der Schweizer Großbank womöglich den größten Skandal ihrer Geschichte eingebrockt. Und die Debatte über unkontrollierte und gierige Banker neu entfacht.

Am frühen Donnerstagmorgen greift die Londoner Polizei im Finanzviertel der britischen Hauptstadt zu. Adoboli wird festgenommen. Der Vorwurf: Betrug und Missbrauch seiner Position. Der 31-Jährige soll "nicht autorisierte" Wertpapiergeschäfte getätigt haben. Das Ergebnis: zwei Milliarden Dollar (1,46 Milliarden Euro) Verlust bei der UBS, wobei das nur eine Schätzung ist, wie die Bank meldet. Kundengeld soll nicht betroffen gewesen sein, immerhin.

Das Geld hat die Bank im Investmentbanking verloren, jenem Bereich, der an den Börsen handelt, entweder im Auftrag von großen Kunden oder im eigenen. Wo genau Adoboli beschäftigt und in welcher Position er tätig war, will die UBS zunächst nicht erläutern. Aus der "Linkedin"-Internetseite des Mannes, einer vor allem in Großbritannien beliebten Plattform zum Knüpfen von beruflichen Kontakten, geht hervor, dass er für Exchange Traded Funds (ETFs) zuständig war. ETFs sind Fonds, die einen Börsenindex abbilden, etwa den Deutschen Aktienindex (Dax).

Kalt erwischt

Die große Frage lautet: Wie konnte Adoboli solch einen Verlust aufhäufen? Und die noch viel größere: Haben die Banken nichts gelernt aus der Vergangenheit? Denn 2008 hat der Wertpapierhändler Jérome Kerviel der französischen Großbank Société Générale einen Schaden von 4,9 Milliarden Euro zugefügt - bisher der Rekordwert. Kerviel soll allein gehandelt haben, was er immer bestritt. Hat er allein gehandelt, waren die Sicherheitsmechanismen nicht gut genug. Und sie sollten nach diesem Fall verschärft werden. Hat die UBS also etwas versäumt? Oder nützen die neuen Regeln nichts, weil die Computersysteme, mit denen gehandelt wird, die Händler überfordern?

Die Schweizer Bank jedenfalls ist kalt erwischt worden. Die Verluste seien im Aktienhandel in London entstanden und erst am Mittwochnachmittag entdeckt worden, meldet die Schweizer Zeitung NZZ. Aufsichtsbehörden aus der Schweiz, Großbritannien und den USA seien eingeschaltet.

Die Schweizer Bank gehört zu denen, die in der Finanzkrise besonders gelitten haben. Die UBS hat sich mit US-Ramschanleihen verspekuliert. Sie häufte 2007 und 2008 umgerechnet 28 Milliarden Franken (fast 19 Milliarden Euro) Verlust an, der Staat musste sie mit 60 Milliarden Franken retten. Mehr als 10 000 Mitarbeiter mussten gehen.

2009 kam mit Oskar Grübel ein neuer Chef, der die Bank umbauen wollte. Zuletzt hatte er im August ein Sparprogramm für die Investmentsparte verkündet, 3500 der knapp 18 000 Beschäftigten hier sollten gehen. Spareffekt: zwei Milliarden Dollar, eine Summe, die genau der jetzt verschwundenen entspricht. Das Sparprogramm ist also in den Tiefen der Finanzmärkte verschwunden, im dritten Quartal droht ein Verlust.

Auf den Fluren der UBS macht sich Wut breit. "Immer wieder diese Investmentbanker, sie machen alles kaputt", schimpft ein Mitarbeiter. Denn die nächste Sparwelle droht. UBS-Chef Grübel will weitere Stellen streichen. Wahrscheinlich trifft es auch das Topmanagement. Auf jeden Fall würden Köpfe rollen, sagt ein Analyst, der nicht genannt werden will.

Zudem ist die Bank politisch angezählt wegen eines geharnischten Steuerstreits mit den USA. In der Folge haben sich vor allem wohlhabende Amerikaner von der Bank abgewandt. Und um den Streit mit der US-Steuerbehörde zu lösen, musste letztlich das über Jahrzehnte gehütete Schweizer Bankgeheimnis aushöhlt werden. Ein schwerer Schlag für das Land.

Nicht wenige Politiker in der Schweiz wollen die Großbanken deshalb stärker an die Kandare nehmen und ihnen das Investmentbanking wegen der großen Risiken und der dort üblichen hohen Boni ganz verbieten. Die Nachricht von den Verlusten in London platzt im Berner Parlament just in eine Debatte über ein neues Bankengesetz mit scharfen Eigenkapitalvorschriften hinein. Die Abgeordneten wollen das Land gegen die Schieflage einer der beiden Großbanken (neben der UBS die Credit Suisse) absichern, schließlich sind Finanzgeschäfte eine Säule der Wirtschaft. Schärfere Regeln als international gültig sind vorgesehen. Die Banken wehren sich natürlich. Die UBS sieht gar den Finanzplatz Schweiz demontiert.

Umso gereizter reagieren manche Politiker auf den möglichen Betrugsfall in London. "Das ist ja unglaublich: Die haben nichts dazugelernt", zitiert der "Tagesanzeiger" den Aargauer Nationalrat Philipp Müller. "Und das, nachdem wir uns am Wochenende noch vom obersten Chef belehren lassen mussten." Der Grünen-Abgeordnete Daniel Vischer wirft der UBS "Selbstherrlichkeit" vor.

Das System aushebeln

Nicht nur die Schweizer sind erbost. Der Handelsskandal bei der UBS bedeute Rückenwind für das Anliegen, "Kasinogeschäfte" von Investmentsparten vom übrigen Bankgeschäft abzuschirmen, schreibt der US-Starökonom Nouriel Roubini über den Kurznachrichtendienst Twitter. Entsprechende Gesetze hat eine Kommission für Bankenreformen in Großbritannien vorgeschlagen, in den USA wurden ähnliche Regelungen bereits verabschiedet.

Obwohl noch nicht bekannt ist, wie der mutmaßliche Betrüger im Einzelnen vorgegangen ist, zeigt der Skandal nach Ansicht des Londoner Wissenschaftlers Chris Roebuck, dass alle Risikosysteme nicht verhindern können, dass ein Einzelner - gerade im Investmentbanking - das System aushebeln kann, wenn er es darauf anlegt. Ob das UBS-Risikomanagement Lücken hatte, ist derzeit noch nicht klar.

Auf jeden Fall meldet die Bank, Adoboli habe keine Erlaubnis für seine Geschäfte gehabt. Weitere Einzelheiten nennt sie nicht. Ähnlich hat die Société Générale argumentiert, als Händler Kerviel aufflog. Angeblich soll Adoboli auf den Franken spekuliert haben, vermuten Experten.

Er steht mit seinem Verlust nicht allein da: Neben dem Fall Kerviel gab es in der Vergangenheit zahlreiche andere Händler, die die Gier und die Geltungssucht dazu trieben, meist an den Kontrollen vorbei, zu spekulieren, und die große Summen verloren. Der drastischste Fall war der von Nick Leeson, der 1995 in Singapur die britische Traditionsbank Barings in die Pleite spekulierte. Im selben Jahr verlor Toshihide Iguchi durch unerlaubte Geschäfte für die japanische Daiwa-Bank 1,1 Milliarden Dollar. 1996 ging das japanische Handelshaus Sumitomo in die Knie. Yasuo Hamanaka, zuständig für den Kupferhandel, hatte über Jahre durch dubiose Geschäftspraktiken 2,6 Milliarden Dollar Verlust angehäuft.

Nicht ganz die Größenordnung der anderen Bankenskandale erreicht die Betrugsaffäre beim größten irischen Geldinstitut Allied Irish Bank 2002. Devisenhändler John Rusnak verschleierte Verluste von 691 Millionen Dollar durch eine Reihe von Scheingeschäften. In allen Fällen versagten die Kontrollen. Leeson etwa war in Singapur gleichzeitig sein eigener Aufseher.

Die Londoner Polizei meldet dann am späten Nachmittag, Adoboli bleibe in Gewahrsam, es werde weiter ermittelt. Und es gibt weitere Einzelheiten. Nach Angaben der Universität von Nottingham hat der Mann dort 2003 einen Bachelor in E-Commerce und Digitalwirtschaft gemacht. Von 1992 bis 1998 besuchte er ein Internat in West Yorkshire. Ein Foto Adobolis zeigt einen jungen Mann mit gepflegtem Bart und offenem Hemdkragen. Er wirkt entspannt und selbstbewusst. Sein Profil bei Facebook ist übrigens inzwischen abgeschaltet.