Berliner Spaziergang

Kinokönig auf Zeitreise

Hans-Joachim Flebbe sitzt auf einem Sofa im Kino-Foyer, entspannte Haltung, die Füße stehen auf flauschigem, rotem Teppich. Es ist leise und halbdunkel. Nur aus dem Saal dringt goldenes Licht. Einen Moment überlegen wir, in welche Richtung dieser Spaziergang führen soll. Nach draußen, ins wirkliche Leben? Oder in den Saal, den Ort der ganz großen Geschichten?

"Kommen Sie mit", sagt Flebbe und steht auf. Natürlich entscheiden wir uns zunächst fürs Kino. Schließlich ist das seine Welt. Flebbe, 59 Jahre alt, trug lange den Beinamen Kinokönig, weil er in den 90er-Jahren mit der Multiplex-Kinokette Cinemaxx zum größten Kinobetreiber Deutschlands aufstieg. Von dem Thron stieg er schnell wieder herab, der Name blieb. Seit 2008 macht er Kinogeschichte auf andere Art. Keine modernen Lichtspielwürfel mehr, die den meist jungen Besuchern schnellen Kinogenuss bieten. In der Astor Film Lounge am Kurfürstendamm ist alles so wie in der guten, alten Zeit. Zumindest sieht es so aus.

Wir betreten den Saal. Dann liegen wir in bequemen Sesseln, ein bisschen wie in der First Class im Flugzeug, und schauen auf die geschwungenen Formen der 60er-Jahre an Decken und Wänden. Von der Leinwand kommt ein technisches Knacken. Unwillkürlich erwartet man, dass das Licht schwindet und die Vorstellung beginnt. Es ist mittags, 13 Uhr, aber Kinos sind zeitlose Orte, in denen jederzeit alles möglich erscheint.

Flebbe, ein 1,91-Meter-Mann in Jeans und Sakko, seufzt und legt die Füße hoch. Nicht auf die vordere Sitzreihe. Sondern auf einen der schwarzen Lederhocker davor. "Anfangs haben die Zuschauer sich nicht getraut, die Füße hochzulegen." Er lacht. "So etwas sollte es in allen Theatern und Konzertsälen geben." War das Multiplex die Befreiung vom "Schachtel-Kino", zu dem viele alte Filmpaläste umgebaut wurden, sind Flebbes neue Kinos eine Rückkehr zur Tradition - plus Luxus. Draußen handgemalte Filmplakate, drinnen modernste Technik. Türsteher, die auf Wunsch das Auto parken. Und Kinosessel, die keine Halterungen für Popcorn haben, sondern für Weinflaschen. "Popcorn gibt es bei uns nicht." Flebbe lächelt. Er sagt das gern.

20 Leinwände in Deutschland und zwei in der Schweiz bespiele er inzwischen wieder, sagt Flebbe. Zu Cinemaxx-Zeiten waren es bis zu 400. Doch die Suche nach weiteren Räumen sei schwierig, obwohl er seit 2008 kreuz und quer durch die Republik reise. "Es gibt kaum noch alte Kinos." Warum, will er draußen erläutern, in der wirklichen Welt.

Friseure vor der Filmleinwand

Der Weg ans Tageslicht führt durch eine überdachte Galerie. Die Astor Lounge liegt im Hinterhof, "andernfalls wäre die Miete unbezahlbar", sagt Flebbe. Inzwischen sind wir nicht mehr die Einzigen hier. Dekorateure verwandeln das altmodische Foyer mit seinen Schwingtüren und Messingvitrinen in ein Paradies aus weißen Stoffen und Folien. Eine Kosmetikfirma wird nachmittags hier ihre Produkte vorstellen. Flebbe steigt über Kartons mit Flakons und Proben. "Neulich war hier alles grün, für eine Whiskymarke." Einmal habe sogar die Friseurinnung auf der Kinobühne einen Frisierwettbewerb in Szene gesetzt. Wenn abends die ersten Kinogäste kommen, wird der weiße Zauber schon wieder vorbei sein. Das Kino als Event-Location sichert zusätzliche Einnahmen.

Als sich die letzte Schwingtür knarzend hinter uns schließt, schauen wir direkt auf das erste große Kinobild des Kurfürstendamms. Es ist ein Bild aus der Vergangenheit. "Die ehemalige Filmbühne Wien", Flebbe deutet auf die säulengeschmückte Fassade des Monumentalbaus gegenüber. "Ein wunderschönes Gebäude, ein toller Saal darin ist noch erhalten." Er hätte dort gern wieder ein Kino eröffnet. Aber ein Apple-Flagshipstore machte das Rennen.

Wir wenden uns nach links. Ecke Fasanenstraße stehen wir vor einem weiteren Flagshipstore. "Hilfiger" steht über dem riesigen Eingangsportal des Gründerzeithauses. "Das war das Astor", sagt Flebbe. Drinnen steht ein Herr zwischen den Oberhemden und grüßt höflich. "Der Doorman", sagt Flebbe zu mir, als handele es sich um einen Statisten. Flebbe ist tatsächlich ganz in seinem eigenen Film. "Hier war das Foyer", wir laufen vorbei an kurzen Hosen. Von irgendwo im Hintergrund dringen rhythmische Bässe, dann stehen wir in einem ehemaligen Kinosaal. Flebbes Stimme hallt wider in dem meterhohen Raum. "Da vorn die zurückgesetzte Bühne, rechts und links oben die Logen und" - er dreht sich um - "ein Balkon!" Von der Empore schauen Schaufensterpuppen auf uns herab. "Ein Filmtheater, das seinen Namen verdient", schwärmt Flebbe. Aber die Kinovergangenheit steht auch dem Modegeschäft gut. Die Konturen des Saals sind mit einem feinem Goldrand nachgezogen.

Flebbe sagt, er wisse nicht genau, ob es zehn oder 15 Jahre waren, die er das "Astor" selbst betrieben hat. 2008 wurde es geschlossen. Zwei Sätze wird er im Verlauf des Spaziergangs häufiger wiederholen: "Kinos können heute mit den Mieten der großen Modeketten nicht mehr mithalten." Und: "Dieses Kino hatte ich auch mal." Beides wird ohne Wehmut vorgetragen. Flebbe ist keiner, der dem Niedergang seiner Branche das Wort redet oder sich gar als Verlierer sieht. Manche haben es so dargestellt, als er 2000 mit der Cinemaxx seinen größten Konkurrenten kaufte und sich daran fast verschluckte. Die Cinemaxx trennte sich schnell wieder von der Ufa, 2008 legte Flebbe seinen Vorstandsposten nieder, blieb Gesellschafter - und zog weiter. Nicht mehr als "Kinokönig", er mag das Wort eigentlich nicht. Sondern auf Pfaden, die schon viel früher gelegt wurden.

Flebbes persönliche Kinogeschichte beginnt in einem Vorort von Hannover. Nach seinem ersten Kinobesuch fragte er als Sechsjähriger erstaunt seine Eltern, wie denn all die Leute auf die Bühne gepasst hätten. "Ich kannte bis dahin nur Kindertheater." Auch wenn die Eltern das Geheimnis schnell lüften konnten, "das Kino", sagt Flebbe, "hat seine Magie für mich bis heute behalten". Als Schüler verbrachte er seine Nachmittage im Dunkeln und schaute alles an, was das Hannoveraner Kino zu bieten hatte.

Als Student reichte ihm das nicht mehr. Er tat, was sich wohl jeder Jugendliche der 70er-Jahre gewünscht hätte: "Ich fragte einen Kinobetreiber, ob er nicht mal wieder all die Filme zeigen könne, die bei uns Studenten beliebt waren." Offenbar war dies eine gute Idee in Zeiten ohne Video und Internet. "Das Kino war schon am ersten Tag ausverkauft", erinnert sich Flebbe. "Das Kino wurde von einem älteren Ehepaar geführt, sie sahen in mir wohl ihre letzte Chance." So wurde Hans-Joachim Flebbe, der rauschbärtige, langhaarige Student, Mitinhaber seines ersten Programmkinos.

Es sollten viele weitere folgen, bald auch in Berlin. "Viele ältere Kinos suchten neue Betreiber." Schließlich schlossen sich die deutschen Programmkinos zu einem Verein zusammen, veranstalteten Filmmessen, um die Angebote zu sichten. "Manche Filme wurden erst durch uns richtig bekannt", sagt Flebbe und zählt auf: "Harold and Maude", "Rocky Horror Picture Show" oder "Blues Brothers". Dass die Multiplex-Kinos, die er von 1989 an mit der Cinemaxx in ganz Deutschland baute, auch zur Verdrängung der kleinen Programmkinos beitrugen, räumt er ein. "Ein Wermutstropfen bei allem Erfolg."

Kino als Beruf, sagt Flebbe, sei eigentlich nicht sein Kindheitstraum gewesen. "Es war Zufall. Nach der Schule wusste ich zunächst nicht, was ich werden wollte." Also studierte er, Sohn eines Kaufmanns, Germanistik und Psychologie. "Als ich schon im Kinogeschäft war, wechselte ich noch zu Betriebswirtschaft, irgendwann gab ich es auf." Er lacht. Das abgebrochene Studium ist ihm nicht peinlich. Der geschäftliche Erfolg hatte den Bildungsbedarf eingeholt. "Ich würde auch heute keinen anderen Beruf wollen."

Wir sind inzwischen am Kudamm hin- und hergelaufen. Vorbei an der Lupe 1, einst wie die Lupe 2 Flebbes Kino, heute ein Hollywood-Themenhotel. Was wäre Hollywood ohne Kinos gewesen? "Immerhin, der Saal ist wohl noch erhalten", sagt Flebbe in Bezug auf das Hotel. Am ehemaligen Gloria und Gloriette hängt Benetton-Werbung. Im Marmorhaus verkauft Zara Mode. Nur das Cinema Paris und die Astor Lounge sind noch in Betrieb.

Flebbe spricht dennoch von allen Kinos in der Gegenwartsform. Vielleicht, weil die Häuser so viele Nutzungen überdauert haben. Vielleicht auch, weil der Beruf des Kinobetreibers ein bisschen so funktioniert wie eine Art Kinoquartett. Die Kinos wandern von Hand zu Hand. Man zieht immer neue Karten und gibt sie wieder ab in der Hoffnung auf ein besseres Blatt. Man misst sich mit Konkurrenten, mit Kinomogulen wie Artur Brauner, an den Flebbe das Colosseum an der Schönhauser Allee verlor. Oder mit Heinz Riech, lange der größte deutsche Kinobetreiber - bis Flebbe seine Ufa-Gruppe übernahm. Und dann wiederum damit kein gutes Geschäft machte.

Klitschko-Brüder sind gute Freunde

Dies ist es wohl, neben den Filmen, was das Kino für Flebbe spannend macht, und weniger die Eitelkeiten des roten Teppichs. Auch wenn er natürlich ungezählte Stars und andere Größen getroffen hat. Manche sind seine Freunde geworden, wie die Box-Brüder Klitschko. Als sie aus der Ukraine nach Deutschland kamen, sagt Flebbe, "waren sie ständig bei uns in den Kinos". Kürzlich habe sich Wladimir Klitschko bedankt, "weil er und sein Bruder im Kino Deutsch gelernt hätten". Die Anekdote erzählt etwas darüber, wie Flebbe sein Gewerbe wahrnimmt. "Jeder Mensch hat ja eine emotionale Bindung zum Kino, seine ganz persönlichen Erinnerungen." Seine Lieblingsvorstellungen, sagt er, seien eigentlich Kinderfilme. "Die Reaktionen sind immer ein Erlebnis. Und das ist es ja, was Kino ausmacht."

Entdeckt hat er das mit seinen eigenen Kindern. Tom (14) und Farina (16). "Wahrscheinlich gibt es nicht viele Menschen, die als Kind so oft ins Kino durften wie die beiden." Er lächelt. "Meine Frau und ich haben viel zu Hause über die Filme gesprochen, da wollten sie eben auch mit." Farina hat im Kino dann noch etwas anderes entdeckt. "Sie träumt davon, einmal selbst Schauspielerin zu sein", sagt Flebbe. "Einige Rollen hatte sie tatsächlich schon, die bekannteste in 'Rock it', ein Teenager-Musicalfilm", erzählt der Vater stolz. Sein Sohn dagegen knüpft auf andere Weise an das Vorbild des Vaters an. Sie messen die Kräfte - auf dem Tennisplatz. "Er hat mich inzwischen überholt."

Flebbe spricht über seine Familie nicht distanziert wie manche Geschäftsleute, die viel unterwegs sind. Sondern respektvoll und beobachtend, wie über gute Freunde. Sie seien eine Art Familienbetrieb, sagt er. Seine Frau suche die Filme mit aus. "Sie hat ein geniales Gespür, wo welche Filme gut ankommen." Und die Kinder reden auch mit. "Sie wissen sowieso am besten, was bei Teenagern angesagt ist." Flebbe sagt über sich, er sei spät Vater geworden. Er war 43 Jahre alt, als Farina zur Welt kam, benannt übrigens nach einer Figur aus den "Kleinen Strolchen". Die Familie ist auch der Grund, weswegen er nach wie vor in Hamburg lebt. "Wäre ich 20 Jahre jünger, wäre ich auf jeden Fall in Berlin. Hamburg ist sehr gesetzt, das ist auch schön. Aber Berlin hat diese besondere, positive Nervosität, einen Drive, der fasziniert." Dass er dafür kaum konkrete Orte benennen kann, spricht eigentlich für diese These. Berlin ist eben überall großes Kino. Ob nun am Wannsee oder in Friedrichshain.

Der spannendste Platz dürfte für Flebbe ohnehin der Breitscheidplatz sein. Im vergangenen Jahr hat er beim Kinoquartett den ganz großen Joker gezogen, den Zoopalast. Zurzeit werden noch Nebengebäude abgerissen, dann wird denkmalgerecht saniert. "Eröffnung ist gemeinsam mit dem neuen Bikini-Haus im September 2012." Das letzte Bild unseres Spaziergangs ist eine Wolke. "Sehen Sie das?", Flebbe deutet an der Gedächtniskirche vorbei auf eine riesige Staubwolke neben dem Bikini-Haus. Als sie sich legt, taucht, etwas blass und verstaubt, der Zoopalast daraus auf wie ein Bühnenstar aus dem Trockeneisnebel. Eigentlich ein schönes Bild für jemanden, der dafür lebt, das Kino immer wieder neu in Szene zu setzen.