Doch der Ort, an den sie dann zurückgeholt wurde, sieht nicht nach Krankenhaus oder Psychiatrie aus. Im hellen Zimmer stehen antike Möbel aus Familienbesitz, an den Wänden hängen Masken und eine imposante Schlangenhaut, die sie von Missionsaufenthalten in Afrika mitgebracht hat. Bürgerlich gepflegt wirkt hier alles. Aber es gibt Tage, an denen die Schreie der Gabriele Piel durchs Zimmer gellen.

Borderline-Syndrom nennt sie ihr Leiden. "Manchmal verletze ich mich selbst. Ich kann nicht in normaler Umgebung leben." Auch nicht in dem Berliner Diakonissenhaus, in dem sie zuletzt wohnte. "Die anderen Schwestern waren überaus freundlich und hilfsbereit, aber sie waren mit mir überfordert." Sicherheit hat sie erst in diesem Altenheim gefunden. Im Altenheim? Mit 47 Jahren?

Es wirkt zunächst befremdlich, was im Berliner Sanatorium West, einem 180-Bewohner-Haus des privaten Trägers HPW-Seniorenresidenzen, erprobt wird: dass pflegebedürftige Menschen ab 20 Jahren unter einem Dach mit greisen und oft dementen Alten leben. Gibt es nicht erschütternde Berichte über junge Behinderte, die mangels angemessener Wohngemeinschaften in Altenheime abgeschoben werden? Ja, die gibt es. Doch im Sanatorium West sind die Verhältnisse auf dieser für 16 jüngere Pflegebedürftige ausgelegten und derzeit von 14 Menschen bewohnten Station anders.

Dies fängt mit dem Krankheitszustand der Patienten an. "Einige hatten Schlaganfälle, andere haben nach einem Unfall eine hohe Querschnittslähmung, es gibt Bewohner mit multipler Sklerose oder Krebserkrankungen, die zu schweren körperlichen Einschränkungen führen", sagt Carola Focke, die Leiterin des Sanatoriums. Diese Menschen "werden normalerweise und richtigerweise zu Hause gepflegt, aber manche Familien schaffen das nicht".

Ein Beispiel ist der ehemalige Einkäufer einer Modekette, der nach einer Hirnblutung nur noch stockend sprechen kann, seine Bewegungen schlecht zu koordinieren vermag und einen Teil seiner geistigen Fähigkeiten verloren hat. Dass er mittlerweile Großvater geworden ist, kann er zutreffend mitteilen, freudig zeigt er auf Bilder des Enkelkinds. Doch im Gespräch scheint es, als meine er, noch in der Modebranche tätig oder nur im Urlaub zu sein.

Menschen wie er haben die typischen Zickzackkarrieren des Gesundheitssystems hinter sich. "Aus dem Krankenhaus kommen sie in die Reha", sagt Focke, "dann nach Hause, dann wegen Komplikationen in die Klinik, später wieder in die Reha, nach Hause - und am Ende weiß niemand, wohin es gehen soll." Sozialrechtlich gelten sie nicht als Behinderte, sondern als Pflegebedürftige, zuständig ist die Pflegeversicherung. Und was passiert mit solchen Menschen, wenn die Familie es nicht mehr schafft? Sie kommen in ein Pflegeheim, in dem Hochbetagte leben. "Diese Menschen fallen in eine Versorgungslücke", beschreibt Focke das Dilemma.

Das Berliner Sanatorium ist eine der ganz wenigen Einrichtungen in Deutschland, die diese Lücke zu schließen versuchen. Mit individuellen Freiheiten. Die Mahlzeiten finden nicht nach dem üblichen Tagesrhythmus einer Pflegestation statt, vielmehr können die Bewohner der Station für junge Menschen länger schlafen und frühstücken. "Diese Leute haben viel größere Autonomie-Ansprüche", sagt Focke, "und denen müssen wir gerecht werden." Vor allem durch spezielle therapeutische Maßnahmen. Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden arbeiten mit den Bewohnern. Der Personalschlüssel der vom Pflegeheim weitgehend getrennten Station ist besser als andernorts. Das zeigt Erfolge. Der 37-jährige Patrick, ein ehemaliger American-Football-Profi, kam im April nach einer untypisch verlaufenen Hirnhautentzündung als Schwerstpflegebedürftiger auf die Station. Vollgepumpt mit Medikamenten, des Sprechens nicht mächtig. Jetzt aber weiß er schon einigermaßen fließend über seinen Sport und seine Tochter zu erzählen, und mit dem Laufen geht es ganz gut. Solche Fortschritte sind unvorstellbar auf einer normalen Pflegestation, aber notwendig. Denn Ziel der Arbeit ist es, die Menschen so weit wieder zu ertüchtigen, dass sie in ihre Familien oder in betreute Wohngemeinschaften ziehen können. Der hierfür erforderliche Einsatz aber ist für den Heimträger ein Zuschussgeschäft. Mit der Pflegeversicherung abgerechnet werden bislang die normalen Sätze je nach Pflegestufe der Bewohner, doch für die zusätzlichen Therapieangebote und den größeren Personalschlüssel tritt man erst einmal in Vorkasse. "Wir sehen das als ein Pilotprojekt", betont Carola Focke, "mit dem wir zeigen wollen, dass eine angemessene Betreuung von jüngeren Pflegebedürftigen möglich ist. Aber natürlich verhandeln wir über eine Kostenerstattung."

Für manche ist der Aufenthalt auf der Station alternativlos. Für die Pastorin Gabriele Piel etwa, die im Diakonissenhaus nicht mehr wohnen konnte. Jeder denkbare Umzug wäre für sie eine Verschlechterung. "Soweit es meine Krankheit zulässt, geht es mir hier sehr gut."

"Diese Menschen fallen in eine Versorgungslücke"

Carola Focke, Leiterin des Sanatoriums West