Was ja ohnehin schon lange nicht mehr stimmt. Deutschmann ist nicht nur der nette Schwiegersohn. Der 48-Jährige verkörpert genauso auch den fiesen Manager, den brutalen Ehemann, den homosexuellen Geliebten oder auch den korrupten Polizisten - und jedes Mal sehr glaubhaft. Es gibt Filme, bei denen schon in Ankündigungen in Fernsehzeitungen der Daumen nach unten geht und die dann trotzdem passable Einschaltquoten haben - weil Heikko Deutschmann mitspielt.

Sein Vorname wird tatsächlich mit Doppel-K geschrieben. Das lässt auf Eitelkeit schließen, klar doch, er ist ein Künstler. Und praktisch ist es auch. Wenn man den Namen so über die Suchmaschine Google eingibt, werden innerhalb von 0,11 Sekunden mehr als 504 000 Einträge gemeldet. Und fast alle, so scheint es, haben irgendwas mit dem Künstler Heikko Deutschmann zu tun: Mit dem Theaterschauspieler, dem TV-Mimen, dem Vorleser, dem Drehbuchautor. Im Internetlexikon Wikipedia wird er sogar als Musiker bezeichnet. Weil er singe (Bariton) und Klavier, Cello, Gitarre und Schlagzeug spiele. Deutschmann lächelt spöttisch, als er darauf angesprochen wird. "Das ist eine Mär, die ich immer wieder zu hören bekomme", sagt er. Ja doch, er habe als Kind Klavier und Cello spielen gelernt. Und später habe er sich auf der Gitarre ein paar Akkorde beigebracht: "Weil ich davon ausging, dass den Mädchen das mehr imponiert als ein Cello." Und noch später hatte er für eine Vorstellung an der Berliner Schaubühne auch mal Schlagzeug spielen geübt. Das gehörte zu seiner Rolle. "Aber ich bin weit davon entfernt, mich als Musiker zu bezeichnen", sagt er. "Und wenn ich für eine Rolle wirklich mal singen muss, packt mich die kalte Angst."

Ein verstaubtes Klavier in Dahlem

Ein Klavier indes steht auch heute noch in seiner Wohnung in Dahlem. Seiner Beschreibung nach muss sich jedoch auf dem Deckel ein Staubfilm befinden. Und auch am Heiligabend wird er geschlossen bleiben. "Hausmusik? O nein, das tue ich meiner Frau und meinen Kindern nicht an." Sagt's, lächelt spitzbübisch. Und es ist in diesem Moment schwer vorstellbar, dass dieser lockere, jugendliche Typ Vater von vier Kindern ist, von denen zwei schon erwachsen sind.

Also nichts mit Musiker. Und auch nichts mit eitler Verbrämung des Vornamens, den schlicht seine Eltern so wollten. Auch sein Nachname weist in die falsche Richtung. Deutschmann - das könnte ja durchaus ein Fingerzeig auf sein Vaterland sein. Er ist jedoch Österreicher, geboren in Innsbruck. Genau dort hatte sein Vater die aus Berlin stammende Mutter im Krankenhaus kennengelernt. Beide arbeiteten als Ärzte. Als der Sohn drei Jahre alt war, zog die Familie nach Berlin. Eine Stadt, die für den ewig auf gepackten Koffern sitzenden Künstler Deutschmann immer wichtig war. "Sie bietet unwahrscheinlich viele verschiedene Eindrücke", sagt er. "Aber sie ist auch sehr anstrengend und nicht immer nur nett. Andererseits kenne ich aber auch keine inspirierendere Stadt."

Ist Berlin inzwischen Heimat für ihn? Deutschmann hat mit diesem Wort Probleme. Er mag es nicht auf eine Stadt reduzieren. "Wenn es etwas gibt, das für mich Heimat signalisiert", sagt er, "dann sind es Lichtstimmungen oder Gerüche." In Dahlem, wo er als Kind schon einmal wohnte, sind es im Herbst die großen Laubhaufen. "Ich habe sie bestiegen und bin bis zu den Schultern darin versunken."

Als Ort für den Spaziergang hat er jedoch Charlottenburg gewählt. Und den Stuttgarter Platz als Startort, weil er hier gern eines der Cafés besucht. Und weil der Weg anschließend durch die Leonhardtstraße führt. Wir sehen gepflegte Häuser aus der Gründerzeit. Kleine Geschäfte. "Ein wunderbares Viertel", sagt er, "eine gewachsene Gegend, die wenig zerstört wurde und noch so funktioniert, wie sie mal gedacht war." Und dann gibt es noch eine ganz besondere Affinität des geborenen Tirolers zu einem Laden in der Nummer 11, in dem "Feines aus Österreich" angeboten wird. Vom klebrigen Almdudler bis zur würzigen Leberknödelsuppe, bei deren Aroma Deutschmann an eine andere Heimat denkt.

Seine Familie hatte nach dem Umzug aus Innsbruck/Tirol nur fünf Jahre in Dahlem gelebt. Anschließend zog sie in die Steiermark nach Graz. Sein Vater, ein Spezialist für die Behandlung von Brandopfern, hatte im Spital eine Anstellung gefunden. Und Sohn Heikko entwickelte sich zu einer Art Multitalent. Erwähnt wurde ja schon der Klavierunterricht, der ihn immerhin bis ins Konservatorium führte. Aber es gab auch den Sportler Heikko Deutschmann, der es bis zum österreichischen Meister im Säbelfechten und zum Mitglied der Nationalmannschaft brachte. Und es gab den Jungen, "der sich schon seit frühester Kindheit dem geschriebenen und gesprochenen Wort verbundenen" fühlte. Ein Teenager, wie er es selber beschreibt, "der eines Tages mitbekam, dass es im Radio Österreich eins von 14.30 bis 15 Uhr Lesungen gab". Stimmen von großen Schauspielern, die ganze Romane vorlasen. "Ich habe das für mich als einen unglaublich schönen Vorgang entdeckt", erinnert er sich. "Ich bin jeden Tag nach Hause gehetzt, habe mich die halbe Stunde aufs Bett gelegt und zugehört."

Er hat dann auch selber vorgetragen, hat erst in Graz und später beim Ausscheid des Bundeslandes Steiermark Rezitationswettbewerbe gewonnen. Parallel spielte er in einer Theatergruppe seiner Schule. "Ich wusste schon mit zwölf, dass ich Schauspieler werden will", sagt er - und versucht, was offenbar typisch für ihn ist, die große Feststellung sofort zu relativieren: "Wie auch immer einem Zwölfjährigen das klar sein kann."

Würde Deutschmann mit seinem heutigen Wissen noch einmal Schauspieler werden wollen? Er wirkt verblüfft. Zögert. Sagt erst nach einigen Sekunden: "Ja, auf jeden Fall". Und relativiert wieder ein wenig: "Heute könnten mir auch andere Berufe gefallen." Schriftsteller. Oder Mediziner, obwohl ihn die Fachgespräche der Eltern am Essenstisch früher manchmal genervt hätten. Und großes Interesse hat er auch für Fotografie und Architektur. So kann ihn auch die klirrende Kälte nicht abhalten, den Reporter und den Fotografen durch die Witzlebenstraße zum zugigen Vorplatz der Sankt Canisius Kirche zu führen. Er ist begeistert von der kubischen Form aus glattem Beton, die so gar nicht zu einem katholischen Sakralbau passen will. "Ist das nicht toll", sagt er begeistert. "Ich halte die Kirche für extrem gelungen. Sie gleicht einem Tor zum Himmel."

Als der Fotograf Reto Klar seine Kamera zückt, ist er jedoch sofort wieder der Schauspieler. Es bedarf keiner Anweisungen. Er weiß, wie er sich effektvoll hinstellen, hinkauern, hinhocken muss.

Dass er auf die Bühne will, war für ihn auch noch klar, als er das Abitur seines Grazer Gymnasiums in der Tasche hatte. Einziges Hindernis war der Sport. Der 18-Jährige stand vor der Entscheidung: weiter Leistungssport und Erfolge, die die Seele streicheln. Oder doch sofort der etwas steinigere Weg zur Schauspielschule. Letztlich hat er es nicht direkt entscheiden müssen. Das Schicksal kam dazwischen: ein schwerer Sportunfall, bei dem "sämtliche Bänder am linken Bein zerrissen" wurden. So blieb die Schauspielschule. Und es gab für ihn keinen Zweifel, dass es die Hochschule der Künste in Berlin sein musste. "Die Stadt hat mich magisch angezogen. Dahin wollte ich zurück."

Er blieb dann auch nach dem Studium in Berlin. Gleich das erste Engagement führte ihn zur Schaubühne, wo Peter Stein Regie führte. Später arbeitete Deutschmann am Hamburger Thalia Theater unter Regisseuren wie Jürgen Flimm, Robert Wilson, Ruth Berghaus und Alexander Lang. Es folgten Stationen am Schauspielhaus Köln und am Schauspielhaus Zürich.

Alles schien also klar, und nichts war klar, denn Deutschmann wollte nach 15 Jahren Theaterarbeit plötzlich weg von der Bühne. "Ich gehörte nie zu denen, die schon mit 18 gesagt haben, ich will in Hollywood enden", sagt er. Er habe "eigentlich immer Theater machen" wollen, sei am Ende aber "in einer gewissen Weise gelangweilt und auch enttäuscht" gewesen. "Mir haben die Diskussion und Inhalte gefehlt. Es war zunehmend wichtiger, wie ich etwas spiele, als das, was ich spiele", versucht er die damalige Situation zu beschreiben. "Das Theater begann, sich mit dem Film zu messen. Was ich für einen extremen Fehler hielt, weil das Theater nie die Möglichkeiten haben kann, die der Film hat - und weil das Theater dabei seine eigenen Möglichkeiten aufgibt."

Neue Karriere beim Fernsehen

Er hatte dann einfach Schluss gemacht und seinen Vertrag am Schauspiel Köln gekündigt. "Ich war optimistisch und habe gedacht: Okay, ich werde schon etwas anderes finden, was der Beruf sonst noch so hergibt." Und es ging dann ja auch wirklich fast nahtlos weiter. Er wurde zu einem Casting eingeladen, spielte zwei Jahre lang einen netten jungen Mann in der ZDF-Serie "Der Mond scheint auch für Untermieter". Keine Traumrolle, aber ein Anfang. "Als Türöffner war diese Rolle sehr gut", sagt er. Es folgten anspruchsvollere Produktionen. Hervorzuheben ist seine Rolle als erblindeter Manager in dem Streifen "Blindes Vertrauen" oder auch sein Part in dem ZDF-Mehrteiler "Kanzleramt", in dem er einen Redenschreiber verkörperte. Am 3. Januar wird, wieder im ZDF, der neueste Streifen mit Deutschmann gezeigt: "Rottmann schlägt zurück", ein Polizei-Thriller. Kollege Heino Ferch spielt einen SEK-Chef, der im Gefängnis landet. Und Deutschmann ist sein bester Freund, der vielleicht doch nicht sein bester Freund ist - aber mehr will er jetzt noch nicht verraten. Deutschmann selbst schreibt auch schon seit mehreren Jahren. Er hat nach seiner Zeit als Bühnendarsteller - wieder in Berlin - an der Drehbuchakademie der Deutschen Film- und Fernsehakademie studiert. Ihn interessiert fast jedes Genre: Historische Stoffe, Tragödien, Komödien. "Aber letztlich geht es immer um Menschen und ihre Geschichten", sagt er. Die meisten Drehbücher konnte er verkaufen. Ein Kinofilm ist aber noch nicht daraus entstanden. "Das ist natürlich auf eine gewisse Weise frustrierend", gibt er zu. "Aber das hat auch damit zu tun, dass ich es mir leiste, etwas zu schreiben, was man mit diesem Anspruch nicht schreiben würde, wenn man davon leben müsste."

Er will das aber nicht als künstlerischen Ersatz verstanden wissen oder als Zubrot. Es ist für ihn eine Bereicherung, vielleicht sogar eine berufliche Perspektive. Ähnlich wie die Produktion von Hörbüchern. Er gilt als viel beschäftigter Vorleser. Kritiker loben sein Einfühlungsvermögen und seine unverwechselbare Stimme. Insider sagen, Deutschmann könne auch aus einem Telefonbuch wirkungsvoll vortragen.

An diesem Morgen beim Spaziergang jedoch wäre es schlecht mit einem sonoren Vortrag. Die gefühlte Temperatur beträgt am Lietzensee, an dessen Ufer wir entlangspazieren, minus 20 Grad. Das legt sich auf Hals und Stimme. Deutschmann steckt sich eine Zigarette an. Bemerkt den fragenden Blick. In einem Boulevardblatt stand, er habe aufgehört. "Finde ich selber blöd", erwidert er. "Dabei habe ich fünf Jahre ohne Rauchen durchgehalten." Als er das sagt, fast entschuldigend, sieht er aus wie ein schlaksiger Junge. Die Strickmütze sitzt noch immer locker auf dem Kopf. Die Jacke ist zu dünn, betont aber seine schlanke Figur. Er wirkt verletzlich. Aber vielleicht liegt das ja auch nur an der elenden Kälte.