"Machen wir heute Kanzleramt oder Bundespräsident?", fragt der Bundeswehr-"Schauspieler", als er aus dem Wagen steigt. Rund 100 Soldaten salutieren auf dem Übungsgelände der Julius-Leber-Kaserne in Wedding vor ihm - gerade so, als würde die echte Regierungschefin vorfahren. Die Formation "Kanzleramt" steht also auf dem Programm, als die achte Kompanie des Wachbataillons ihren Termin zur "Protokollbesichtigung" hat.

Im Blick der Gäste

Auch Tilman Kohls (19) absolviert diese erste formelle Prüfung nach der Halbzeit seines sechsmonatigen Wehrdienstes, bei dem ihn die Morgenpost begleitet. Alles klappt. Flieger Kohls besteht. Damit darf er auch am Großen Zapfenstreich nach der Bundeswehrtagung in Dresden teilnehmen. Sein zweiter großer Auftritt, nachdem Kohls schon beim Feierlichen Gelöbnis als einer von vier Rekruten den Eid auf die Fahne leisten durfte, ist sein erster großer Einsatz schließlich der Große Zapfenstreich zum 20. Jahrestag der Einheit am Dresdner Elbufer. Sein "Epo" ist dafür eingeteilt, das Podest, auf dem der Minister steht, mit Fackeln zu beleuchten. Und wieder steht er genau im Blickfeld der Gäste. Knie durchdrücken, Brust raus, den Blick frei geradeaus - als guckte man durch seinen Gegenüber hindurch: Dieser Drill war für Tilman Kohls nach dem Abitur schon eine neue Erfahrung. Mittlerweile aber schätzt er die klaren Ansagen, die alle höchste Konzentration erfordern - und Disziplin, die er später im Jura-Studium gut gebrauchen kann. Bisher hat der 19-Jährige aus Erkner auch vor, im Sommer 2011 an die Universität Potsdam zu gehen, so unerwartet gut ihm der Job bei der Bundeswehr gefällt. Offiziell endet seine Zeit in der Kaserne am 31. Dezember 2010, Kohls gehört zur ersten Generation von Wehrdienstleistenden, die statt neun nur noch sechs Monate zum Bund müssen.

Theoretisch könnte der Gefreite Kohls immer noch verlängern. Denn zum Wachbataillon gehören außer den 900 Wehrdienstleistenden und 450 Mann Stammpersonal auch 450 freiwillig länger Wehrdienstleistende, die ihre Dienstzeit auf maximal 23 Monate ausdehnen können. Doch im Zuge der Bundeswehr-Reform ist derzeit überhaupt noch nicht klar, wie viele Stellen dafür künftig übrig bleiben werden. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat angekündigt, dass die Truppe auf bis zu 185 000 Mann schrumpfen könnte.

Weil nach den Vorstellungen des Verteidigungsministers im nächsten Sommer auch die Wehrpflicht ausgesetzt werden soll, ergibt sich für das Wachbataillon - das mit Abstand größte Bataillon der Bundeswehr - ein weiteres Problem: Woher kommt der optisch passende Nachwuchs? Wehrdienstleistende wie Kohls sind nicht nur mit dem höchsten Tauglichkeitsgrad T1 gemustert, für sie gilt auch der Zusatz X1 - keine Brille, keinen Bart, keinen Bauch. "Die müssen nicht nur gesund sein, sondern auch noch gut aussehen", so definiert Bataillonskommandeur Marcus Göttelmann den Musterungsgrad T1X1.

Und ob in der neuen Generation von Wehrdienstleistenden überhaupt so viele diesen Anforderungen entsprechen, kann heute niemand sagen. Für das Wachbataillon ist das insofern ein Problem, als es zu 80 Prozent aus Wehrdienstleistenden besteht. Schätzungen gehen von 7000 bis 9000 Freiwilligen aus, darin sind aber auch Soldatinnen einkalkuliert. Die Bundeswehr hat sich auf diese neuen Personalstrukturen kurzfristig schon vorbereitet: Seit wenigen Tagen sind im Wachbataillon auch Frauen zugelassen.

Geänderte Gewohnheiten

"Das hier muss man wollen", sagt Göttelmann über die Ausbildung in seinem Bataillon. "Und wenn sie es nicht wollen, haben sie eben Knieschmerzen und gehen zum Arzt." In der Tat: Das alte Vorurteil, beim Bund werde nur rumgegammelt, trifft beim Wachbataillon nicht zu. "Still stehen heißt hart arbeiten", sagt Göttelmann.

Die Vorzeigesoldaten haben oft bis zu vier Termine pro Woche, dafür reisen sie quer durch die Bundesrepublik. Und davor gilt es wie jedes Mal: Uniformen bügeln, Knöpfe verstärken, Ledergurte einstellen, Schuhe putzen und was die perfekte Erscheinung sonst noch erfordert. Tilman Kohls hat durch die neue Kasernen- Routine schon einige Veränderungen an sich bemerkt: Zum Beispiel wenn er am Wochenende nach Hause kommt, wirft er seine Wäsche sofort in die Maschine und wartet nicht, bis seine Mutter das macht.

"Das hier muss man wirklich wollen. Stillstehen heißt, hart arbeiten"

Marcus Göttelmann, Bataillonskommandeur