Abschied von einem Steuermann der Bonner Republik

Kaum einer prägte die deutsche Nachkriegswirtschaft mehr als er: Eberhard von Brauchitsch. Er saß in den Aufsichtsräten der größten Konzerne des Landes und sprach in den Verbänden der Wirtschaft ein gewichtiges Wort mit. Doch in Erinnerung ist der Name Eberhard von Brauchitsch den meisten Deutschen im Zusammenhang mit der Flick-Affäre. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung ist der gebürtige Berliner im Alter von 83 Jahren vor wenigen Tagen gemeinsam mit seiner Frau Helga nach schwerer Krankheit in den Tod gegangen.

Ein Skandal besonders peinlicher Art erschütterte in den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts die Bonner Republik. Die Druckwellen der turbulenten Parteispendenaffäre erfassten Unternehmen, Parteien, Abgeordnete und Minister. Eine zentrale Rolle in diesem Politkrimi spielte Eberhard von Brauchitsch, Gesellschafter und Majordomus im Flick-Konzern.

Es begann in Sankt Augustin in den Siebzigern am Rande der Bundeshauptstadt Bonn. Steuerfahnder deckten ein Netz illegaler Parteispenden auf. Als eine der Spendenwaschanlagen fungierte die von der Union initiierte "Staatsbürgerliche Vereinigung von 1954". 1975 ertappte die Steuerfahndung die CDU dabei, wie sie über eine Scheinfirma in Liechtenstein Spenden sammelte. Damit wurde die Vorschrift umgangen, dass Spenden an Parteien erstens nicht aus Schwarzgeld stammen durften und zweitens offen gelegt werden mussten, wenn sie 20 000 D-Mark überstiegen. Da lag es nahe, über getarnte Organisationen beides zu umgehen.

Die Flick-Affäre

Am 11. November 1981 wurden die Flick-Büros von der Steuerfahndung durchsucht. Dieser Tag, der 11.11, an dem im Rheinland der Karneval auszubrechen pflegt, "war für mich alles andere als lustig", gestand von Brauchitsch später. Bereits eine Woche zuvor, am 4. November, hatten die Steuerfahnder, die wegen privater Steuerhinterziehung gegen den Flick-Buchhalter Diehl ermittelten, in einer Aktentasche Hinweise auf Bank-Schließfächer mit den Spendenlisten des Hauses Flick gefunden.

Damit geriet ein gewaltiger Mischkonzern ins Visier der Strafbehörden. Friedrich Flick hatte schon zu Weimarer Zeiten ein riesiges Konglomerat zusammengekauft: Firmen der Metallverarbeitung und des Fahrzeugbaus, Papier und Kunststoffe bildeten das Fundament. Eine der Perlen, die später eine zentrale Rolle bei der Parteispenden-Affäre spielen sollte, war ein 40prozentiges Aktienpaket an Daimler-Benz. Bei seinem Tod hinterließ der Vater seinem Sohn Friedrich Karl, internes Kürzel FKF, einen der größten deutschen Konzerne: Mehr als 300 Unternehmen, die mit rund 300 000 Beschäftigten einen Umsatz von 18 Milliarden Mark erarbeiteten.

1975 verkaufte Flick sein Daimler-Paket an die Deutsche Bank. Eigentlich wären hierfür Steuern von rund einer Milliarde Mark fällig geworden. Aber da gab es den Paragraphen 6b des Einkommensteuergesetzes. Danach wäre der Deal steuerfrei, wenn der Nachweis gelänge, der Erlös aus dem Aktienverkauf werde "volkswirtschaftlich besonders förderungswürdig" angelegt.

Ob diese Voraussetzung erfüllt sei, war Sache der zuständigen Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen. Das waren Otto Graf Lambsdorff und Hans Friderichs (beide FDP), sowie die SPD-Minister Hans Apel und Hans Matthöfer. Am 14. September 1976 traf die ministerielle Genehmigung für die Flickschen 6b-Anträge ein. Vorausgegangen war freilich ein jahrelanger Streit um die Förderungswürdigkeit, also die Steuerbefreiung des Deals.

Hier griffen Abgesandte des Flick-Konzerns ein, um die Politik wohlwollend zu stimmen. An verschiedene Politiker und Parteien wurde Bares gestiftet, um sie 6b-geneigt zu machen. Summen zwischen 40 000 und 250 000 flossen an Leisler Kiep, Strauß, Brandt und andere Spitzenpolitiker. Übergabe in Umschlägen oder Plastiktüten an verschwiegenen Orten. Von Brauchitsch hatte diese Spenden schriftlich und minutiös festgehalten. Begründung: Sie dienten der "besonderen Pflege der Bonner Landschaft". Dieser Metapher wuchsen in der Bonner Republik Flügel. Die "gekaufte Republik" zog mit ständig neuen Enthüllungen durch die Medien.

Es gehörte zu "meinen bittersten Erfahrungen", bekannte von Brauchitsch zwei Jahrzehnte später, dass sich die Flick KG 1975 entschieden hatte, bei dem Verkauf des Daimler-Pakets den bekannten Paragrafen in Anspruch zu nehmen, "den der Gesetzgeber für alle eingerichtet hatte". Und: "Was für den Bäckermeister um die Ecke galt, sollte für uns plötzlich nicht gelten, nur weil wir groß waren", beschwerte sich von Brauchitsch, der 1973 als persönlich haftender Gesellschafter in die Verwaltungsgesellschaft Friedrich Flick zurückgekehrt war.

Gewürzt wurde der Skandal durch eine Spionageaffäre. Hans-Adolf Kanter, Stasi-Topspion mit dem Decknamen "Fichtel" aus der Truppe von Markus Wolf, war Prokurist und stellvertretender Leiter des Bonner Flick-Büros. "Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flick-Konzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde, waren wir bis in die Details informiert", gestand DDR-Geheimdienstchef Wolf 1997. Kanter wurde 1995 wegen Landesverrats zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Über seine Beteiligung an der Spendenpraxis gibt es nur Vermutungen. von Brauchitsch beschränkte sich auf den kryptischen Hinweis, dass Ost-Berlin immer ein "besonderes Interesse" an seinen vertraulichen Aufzeichnungen gehabt hatte.

Der 1926 in Berlin geborene von Brauchitsch war als Flakhelfer aus dem Krieg zurückgekehrt und studierte Rechtswissenschaften in Mainz, Amsterdam, London und Den Haag. Seine zweite juristische Staatsprüfung legte er in Berlin ab. Seine Karriere begann er als 30-Jähriger Mitte der fünfziger Jahre bei der Lufthansa. Als er noch zögerte, ein Angebot des Norddeutschen Lloyd anzunehmen, rief ihn Friedrich Karl Flick, mit dessen Familie er seit Jugendtagen befreundet war, an, ob er nicht als persönlicher Mitarbeiter in den Flick-Konzern einsteigen wollte. Er wollte.

Rückkehr in den Konzern

Von 1971 bis 1973 war er kurzzeitig Generalbevollmächtigter des Verlegers Axel Springer. Aber 1973 kehrte er, dem testamentarischen Wunsch des alten Flick folgend, in den Flick-Konzern zurück. Dort begann sein Aufstieg zu einem der mächtigsten Industriekapitäne der Republik. Er sollte vor allem FKF, Friedrich Karl Flick, bei dessen Lebensziel helfen, das verschachtelte Familienunternehmen der Flick-Gruppe über die Generationen zu erhalten. Der preußische Edelmann mit Gardemaß und der dröhnenden Stimme - mit Berliner Akzent - schien dem alten Flick der richtige Mann für die schwere Aufgabe.

Aber diese Blitzkarriere endete mit der Spendenaffäre jäh. Flick trennte sich 1982 von ihm. Nach einem eineinhalbjährigen Prozess wurde von Brauchitsch zwar vom Vorwurf der Bestechung freigesprochen, aber wegen Steuerhinterziehung zu zweijähriger Haft verurteilt. Die Strafe wurde gegen eine Geldbuße von 550 000 Mark zur Bewährung ausgesetzt.

Mit ihm waren Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff ins Zentrum der schlagzeilenträchtigen Affäre und vor Gericht geraten. Auch sie wurden vom Vorwurf der Bestechung und Bestechlichkeit freigesprochen, erhielten jedoch Geldstrafen wegen Steuerhinterziehung. Lambsdorff trat als Wirtschaftsminister zurück, Ex-Minister Friderichs verlor seinen Job als Vorstandssprecher der Dresdner Bank. Der publizitätsscheue Milliardär und Konzernchef Friedrich Karl Flick kam übrigens nicht vor Gericht.

Persona non grata

Der Manager von Brauchitsch, begeisterter Sportler, Boxer und Pferdenarr, verzichtete auf das Amt des Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie, in das er bereits gewählt worden war. Auch aus dem Nationalen Olympischen Komitee und der Reiterlichen Vereinigung zog er sich zurück. In seiner 1999 veröffentlichten Autobiografie "Der Preis des Schweigens" nennt er die Spendenaffäre eine "Schutzgeldaffäre".

Im Interesse seines Unternehmens habe Flick dem ständigen Buhlen der Parteien und ihrer Schatzmeister um Spenden nachgegeben. Diese Gelder hätten dazu gedient, eine wirtschaftsfeindliche Politik zu verhindern und seien nichts anderes "als eine Form der indirekten Steuern" gewesen - so die späte Rechtfertigung.

Nach dem Prozess war von Brauchitsch die ersten Jahre Persona non grata für seine ehemaligen Freunde aus der Industrie. Sein Buch enthält deshalb manche ironische Spitze oder abschätzige Bemerkung über Spitzenpolitiker - übrigens auch über Helmut Kohl, mit dem er befreundet und per du war. Man grüßte sich halt nicht mehr Unter den Linden.

Skandalstück der Bundesrepublik

Im Mai 1993 nutzte Kohl jedoch einem Empfang im Neuen Schloss in Stuttgart, Frieden mit dem Verfemten zu schließen. Brauchitsch schildert es so: "Helmut Kohl stand dort mit Waltrude Schleyer. 'Eberhard, stell dich zu uns und lass uns einen Schluck trinken' rief Kohl, wie immer laut und mit ausladender Geste. Er goss etwas von seinem Rotwein in mein Glas und stieß mit mir an. 'Man hört ja gar nichts mehr von dir', meinte Kohl. Der altvertraute Ton in seiner Stimme überraschte mich", stellt von Brauchitsch kühl fest. Vermutlich sei dem Kanzler aufgefallen, dass er von den anderen Ehrengästen weit herzlicher begrüßt worden war, kommentierte von Brauchitsch spitz.

Die Affäre, die sich um seinen Namen rankt, ist nicht nur ein pralles Skandalstück der Bonner Republik mit vielen Schurken, Mitwissern, Nichtwissern und Gedächtnislosen. Eberhard von Brauchitsch steht auch in einem Kapitel deutscher Industriegeschichte verzeichnet. Die juristische Aufarbeitung der Parteispendenaffäre leitete einen Reinigungsprozess ein, ohne dass die Grauzone dieses Gewerbes bis heute völlig ausgeleuchtet wäre.

Während dieser turbulenten Jahre habe er es stets abgelehnt, andere hineinzuziehen, zu denunzieren, den Mächtigen zu drohen oder schmutzige Wäsche zu waschen, schreibt er 1999. Trotzig-resignierend fügt er an: "Der Preis des Schweigens waren Jahre der Einsamkeit". In seiner Abrechnung mit den Vorgängen registriert er verbittert, dass jene, denen er geholfen hatte, plötzlich Gedächtnislücken hatten, wenn der Name von Brauchitsch fiel. Als Unternehmensberater versuchte er seine langjährigen Managementerfahrungen zu nutzen. Aber bis auf einige Jobs, beispielsweise bei der Treuhandanstalt oder beim Verleger Burda, misslang seine Rückkehr auf die große Bühne.

Mit seiner Frau zog er sich ins Ausland zurück. Sie waren 58 Jahre miteinander verheiratet. Nun sind sie auch miteinander gestorben.