Zeitgeschichte

Wie Gorbatschow Honecker loswerden wollte

Als die Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN am 5. Februar 1987 die Nachricht vom Rücktritt des Stasi-Spionagechefs Markus Wolf verkündete, war die Verwunderung vor allem in der westdeutschen Öffentlichkeit groß. Warum, so wurde in den Medien gefragt, beendete der damals 64 Jahre alte Generaloberst nach mehr als 30 Jahren an der Spitze des Auslandsnachrichtendienstes der DDR seine Karriere so abrupt?

- Während die WELT wegen der Enttarnung zahlreicher Stasi-Spione im Westen "Risse am Lack des Agentenruhms von Wolf" ausmachte, spekulierte die "Bild"-Zeitung über eine schwere Erkrankung des ebenso umstrittenen wie legendären Geheimdienst-Strategen. Wolf selbst, der bereits 1986 sein Büro in der Stasi-Zentrale geräumt hatte, verbreitete die Version, er habe die Macht nur deshalb abgegeben, um sich schriftstellerisch betätigen und dem künstlerischen Nachlass seines Bruders Konrad widmen zu können.

Nichts von alledem scheint nach den Aussagen früherer Weggefährten des Spionage-Generals und anderer Zeitzeugen zuzutreffen. Laut dem ehemaligen Berliner SED-Chef Günter Schabowski war Wolf von Moskau dafür vorgesehen, die Entmachtung des damaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR und Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED, Erich Honecker, vorzubereiten. Der neue starke Mann in der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, habe Verbündete gesucht, die ihm dabei helfen sollten, seine Reformvorhaben in der DDR umzusetzen. Deshalb sei Wolf, der von 1934 bis 1945 in der UdSSR gelebt hatte, in Absprache mit dem sowjetischen Geheimdienst KGB als Spionagechef zurückgetreten und habe sich bei Künstlern und Intellektuellen in der DDR als möglicher Honecker-Nachfolger ins Gespräch gebracht.

"Bereits im Frühjahr 1987 gab es ein Geheimtreffen in Dresden, an dem Wolf, der stellvertretende KGB-Vorsitzende und Gorbatschow-Vertraute Wladimir Krjutschkow sowie Dresdens SED-Chef Hans Modrow teilnahmen", sagte Schabowski dem in Berlin lebenden Historiker Dmitrij Chmelnizki, der das Gespräch im Auftrag der Berliner Morgenpost führte. Bei dem Treffen in Dresden sei es darum gegangen, welche Rolle der Wolf-Freund Modrow dabei spielen könnte, die Gorbatschow-Reformen in die DDR zu tragen. Darüber berichtet Schabowski, der mit seinen Aussagen zu Reiseerleichterungen für DDR-Bürger am 9. November 1989 unfreiwillig den Fall der Mauer eingeleitet hatte, auch in seinem Buch mit dem Titel "Wir haben fast alles falsch gemacht".

Besuch als Urlaubsreise getarnt

Die Regierung in Ost-Berlin sei seinerzeit über den wahren Grund des Aufenthalts von Krjutschkow getäuscht worden. "Gegenüber dem Politbüro hatte er seinen DDR-Besuch als Urlaubsreise getarnt. Honecker teilte uns mit, dass sich Krjutschkow als Begleiter Markus Wolf gewünscht habe. Schon damals war mir das äußerst merkwürdig vorgekommen", erklärte Schabowski.

Geheimtreffen in Dresden

Gorbatschow ließ über seinen Sprecher Karen Karagesian ausrichten, dass er keine Erinnerung mehr daran habe, ob er Krjutschkow damals zu Modrow geschickt habe. "Das muss er auch nicht, weil er nicht über jeden Schritt von Krjutschkow, der erst ein Jahr später KGB-Chef wurde, informiert war", sagte Karagesian.

Der einzige noch lebende Zeitzeuge des geheimen Treffens in Dresden, Hans Modrow, bestätigte dagegen auf Anfrage der Berliner Morgenpost die Zusammenkunft. "Sie hat am 4. März 1987 im Gästehaus der SED-Bezirksleitung Dresden auf dem Weißen Hirsch stattgefunden. Wolf und Krjutschkow waren dabei", sagte der jetzige Vorsitzende des Ältestenrats der Linkspartei. "Krjutschkow wollte von mir wissen, wie ich die Situation in der DDR beurteilte."

An Gespräche über einen möglichen Putschversuch gegen den Staats- und Parteichef Honecker will sich Modrow hingegen nicht mehr erinnern. Der 81-Jährige weiß aber noch zu berichten, dass Krjutschkow bei seinem Besuch in Dresden den mit der Sowjetunion eng verbundenen Wissenschaftler Manfred von Ardenne getroffen habe. Dessen Sohn Thomas erklärte gegenüber der Berliner Morgenpost, dass sein Vater an jenem Abend sehr aufgewühlt gewesen sei. "Er berichtete, dass Krjutschkow ihn direkt gefragt hätte, ob er sich Modrow als Nachfolger von Honecker vorstellen könnte. Mein Vater hat das bejaht, denn er hielt nichts von Honecker", sagte Thomas von Ardenne.

Dass Modrow von Moskau für die Honecker-Nachfolge vorgesehen war, bestätigt auch Professor Manfred Görtemaker vom Historischen Institut der Universität Potsdam. "Nach meinen Studien sollte Modrow tatsächlich der 'deutsche Gorbatschow' werden. Wolf war eine Rolle als wichtiger Verbindungsmann zwischen den Reformkräften, den bewaffneten Organen in der DDR und der Führung in Moskau vorgesehen. Denn er genoss als 'halber Russe' volles Vertrauen in der Sowjetunion." Die Ansichten des Historikers decken sich mit den Erinnerungen des ehemaligen Stasi-Oberstleutnants und Wolf-Vertrauten Günter Bohnsack: "Soweit ich mich erinnern kann, hatte Wolf bereits Pläne für eine personelle Neugestaltung der politischen Führung erarbeitet." Laut Bohnsack war es Wolf aber nicht gelungen, das Militär für einen Putsch auf seine Seite zu bringen.

Kritik am Schießbefehl

Der ehemalige Gorbatschow-Berater Valentin Falin erklärte am vergangenen Wochenende auf Anfrage ebenfalls, dass die sowjetische Führung bereits 1987 Ausschau nach einem Honecker-Nachfolger gehalten habe. Die Namen von mehreren DDR-Politikern seien dabei im Gespräch gewesen. "Gorbatschow hatte Honecker unter anderem Vorhaltungen wegen des Schießbefehls an der Grenze gemacht", sagte Falin, der von 1971 bis 1978 Botschafter der Sowjetunion in der Bundesrepublik war. Laut Falin hatte der DDR-Regierungschef die SED-Führungsriege aber nicht über die Vorhaltungen informiert, was in Moskau zu großer Verärgerung geführt habe.

Die Abneigung Gorbatschows gegenüber Honecker wird zudem aus der Überlieferung der damaligen Kreml-Protokolle sichtbar, die dieser Zeitung vorliegen. So erklärte Gorbatschow bereits im Januar 1987 dem Politbüro, dass Honecker von der Führung der UdSSR abrücke. Bei einem Besuch von Honecker im September 1988 in Moskau platzte Gorbatschow der Kragen: "Wenn du bei euch Schwierigkeiten mit der Erläuterung unserer Politik hast, dann ruf mich an, ich komme zu euch, wir gehen gemeinsam in die Massen und klären mit ihnen, was bei uns passiert - ob das Sozialismus ist oder nicht."

Die Versuche Gorbatschows, den Stalinisten Honecker durch reformfreudige Politiker ersetzen zu lassen, blieben auch dem westdeutschen Bundesnachrichtendienst (BND) nicht verborgen. Hans-Georg Wieck, der den BND von 1985 bis 1990 leitete, sagte der Berliner Morgenpost, dass der Dienst damals über Informationen verfügt habe, wonach Wolf, Modrow und der damalige Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer Vertreter der neuen sowjetischen Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) in der DDR werden sollten. Laut Historiker Görtemaker gebe es Hinweise darauf, dass als Journalisten getarnte KGB-Agenten in der westlichen Presse Modrow als Reformer priesen und ihm ein positives Image verschafften. Diesen Verdacht stützt Ex-Stasi-Offizier Bohnsack. "Ich weiß, dass die 1. Hauptverwaltung des KGB sogenannte aktive Maßnahmen durchführte, zu denen auch Veröffentlichungen in den westdeutschen Medien gehörten." Der ehemalige BND-Chef Wieck, der in der Zeit von 1977 bis 1980 Botschafter der Bundesrepublik in Moskau gewesen war und deshalb die Reformbemühungen von Gorbatschow besonders intensiv verfolgte, sagte, dass Wolf trotz der Unterstützung der sowjetischen Regierung letztlich die Macht gefehlt habe, um das stalinistische System zu stürzen.

Das gelang dann im Jahr 1989 der DDR-Bevölkerung. Nachdem die Menschen in Massen über Ungarn aus der DDR geflohen waren und Demonstrationen Honecker zum Rücktritt gezwungen hatten, hoffte Wolf doch noch auf eine politische Karriere. Mit seinem Auftritt auf der Großkundgebung am 4. November 1989 in Ost-Berlin war dieser Traum geplatzt. Der ehemalige Stasi-General wurde gnadenlos ausgepfiffen. "Er war am Boden zerstört", erinnert sich Schabowski. "Auch in Moskau baute man nicht mehr auf Wolf oder Modrow, die damals noch um das Überleben der DDR kämpften." Gorbatschow habe ihnen signalisiert, dass ihre Zeit abgelaufen sei.