Berliner Spaziergang

Der komische Mann

Es ist normal, dass man als Journalist vor Interviews Angst hat. Dass man denkt, dass jemand nicht richtig antworten wird, dass man zu alberne/zu private/zu dumme oder überhaupt einfach zu viele Fragen stellt. Aber eigentlich ist das nicht so schlimm, aus einem Grund: Der Mensch, der interviewt wird, hat in der Regel auch Angst, zumindest ein bisschen.

Martin Sonneborn ist einer der bekanntesten Satiriker Deutschlands, und er sieht nicht aus wie jemand, der Angst hat. Es gibt eine Sendung, "Zimmer frei", die dazu dient, den "ganz privaten" Prominenten mal zu präsentieren. Martin Sonneborn brachte die Moderatorin fast zum Weinen, indem er sozusagen nichts preisgab, jede ihrer Schwächen vorführte und dann am Schluss der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufenden Show dazu aufrief, sich bei der GEZ abzumelden. Der WDR wollte das nicht einmal senden und tat es dann doch - im Nachtprogramm. Es ist nicht so, dass Martin Sonneborn wirklich gemein war, es war eher so, dass er die Moderatorin auflaufen ließ, dass er irritierend lange schwieg nach Fragen, dass er immer etwas unverschämter war als sein Gegenüber.

So jemanden trifft man nicht ohne Angst.

Es ist einer der ersten heißeren Tage in Berlin, der Bundespräsident ist noch nicht gewählt, Köhler jedoch schon zurückgetreten. Martin Sonneborn möchte sich im "Gasthaus Lentz" treffen, am Stuttgarter Platz in Charlottenburg. Hier wohnt er auch, und hier lebte einige Monate lang im Eckhaus Stuttgarter Platz/Kaiser-Friedrich-Straße auch die Kommune 1. Ist lange her. Schaut man sich um, sieht man eine Mischung aus Rentnern und gealterten 68ern, die auf Bänken sitzen, Kant auf Englisch lesen oder die FAZ und Johannisbeerschorle bestellen.

Viele finden geschmacklos, was er tut

Martin Sonneborn sitzt zwischen ihnen. Er ist ein großer Mann, unauffällig gekleidet, überhaupt unauffällig, blass. Es ist ein wenig schwer zu erklären, was dieser Mann alles gemacht hat, denn Humor zu beschreiben ist immer etwas peinlich. Am besten tut man es mit Beispielen. Martin Sonneborn war jahrelang Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic", heute ist er Mitherausgeber. "Titanic" gibt es seit über 30 Jahren und es zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass dort Dinge stehen, die die meisten Menschen geschmacklos finden würden, viele aber auch sehr witzig. Das berühmteste Cover: eine Frau mit einer Gurke in der Hand, nach dem Mauerfall, Zeile: "Zonen-Gabi im Glück: Meine erste Banane". Eine Delegation der "Titanic" fuhr nach Bayern, nachdem Stoiber mal gesagt hat, dass die Ostdeutschen nicht dankbar genug sind, und bedankte sich in Kleidung aus dem Secondhand-Shop und mit Töpferwaren bei bayerischen Bürgermeistern für die Milliarden. Die "Titanic" verschickte in der Nacht vor der Vergabe des Austragungsortes der WM 2006 Bestechungsfaxe, in denen sie Fifa-Komitee-Mitgliedern Präsentkörbe mit Schwarzwälder Schinken und Kuckucksuhren anbot. Die Aktion war möglicherweise ein Glücksfall für die deutsche Kandidatur. Der neuseeländische Fifa-Vertreter war verwirrt und enthielt sich der Stimme. Die WM fand in Deutschland statt.

Man könnte ewig so weitermachen, denn alles, was die "Titanic" tat, ist irgendwie absurd, mutig und oft auch ein bisschen zu viel des Guten. Als sie nach dem Selbstmord Uwe Barschels eine Fotomontage druckte, die Barschels Gegenspieler Björn Engholm lachend in einer Badewanne zeigte, klagte Engholm und kassierte schließlich 40 000 Mark. Das war das höchste Schmerzensgeld, das je an einen Politiker bezahlt werden musste.

Wir sitzen hier zwischen den Alt-68ern und sehen uns ein paar alte "Titanic"-Titel an. Kohl war früher ein Lieblingsopfer, der habe nie geklagt, sagt Sonneborn, der würde über so etwas stehen. Angela Merkel kommentierte auch nie die Frage, die "Titanic" stellte: "Darf das Kanzler werden?" Westerwelle, den hätten sie ja erst hochgeschrieben, das sei heute schon fast zu platt, über den noch Witze zu machen, überhaupt sei das mit der politischen Satire im Moment etwas schwierig, denn "der CDU gehen langsam die Arschlöcher aus". Martin Sonneborn hat eine angenehme Stimme und lacht nur sehr selten und wenn, dann leise und in sich hinein. Wenn man ihn etwas fragt, antwortet er höflich, aber nie länger als nötig, und wenn man nichts fragt, dann hält er die Stille aus.

Vor mir liegt die "Titanic" mit Roland Koch auf dem Titel, er ist auf dem Foto relativ ungünstig getroffen, und Martin Sonneborn sagt, irgendwie zufrieden: "Das ist ein unbearbeitetes Bild!" Die Zeile zum Foto: "Wo beginnt menschliches Leben?"

Ich frage ihn, was wäre, wenn sich jemand in den Schlaf weinen würde, wegen der "Titanic".

Er: "Roland Koch?"

Ich: "Zum Beispiel."

Er: "Ich glaube nicht, dass Roland Koch deswegen weint."

Ich: "Und wenn doch?"

Er: "Das würde zeigen, dass Satire Folgen haben kann, und würde mich natürlich sehr erfreuen."

Ich: "Ah."

Er: "Warum soll mir das leidtun? Wer sich auf dem ,Titanic'-Titel wiederfindet, hat auch eine Position, in der er Macht ausübt, ist zum Beispiel ein Ministerpräsident, um bei Koch zu bleiben, der Kampagnen gegen Ausländer zu verantworten hat. Im Zweifelsfalle tut er uns mehr Gewalt an als wir ihm mit einem Titel."

Sein Adamsapfel verrät ihn

Der Fotograf will nun ein paar Bilder machen, Martin Sonneborn, dessen Kopf aus der Morgenpost rausschaut. Er reißt ein Loch in die Zeitung, Martin Sonneborn steckt seinen Kopf durch, der Fotograf bittet ihn zu lächeln, aber Sonneborn sagt, das sei dann doch zu viel: den Kopf durch eine Morgenpost zu stecken UND zu lächeln. Wir gehen dann ein paar Schritte weiter, um noch andere Motive zu finden. Der Fotograf macht dann Bilder unter der S-Bahn-Brücke. Sonneborn steht minutenlang still, wechselt den Ausdruck nur, wenn er gebeten wird, und selbst dann nur minimal. Er sieht nicht aus wie jemand, dem es etwas ausmacht, fotografiert zu werden. Wir gehen los, er im typischen Philosophengang: Hände hinter dem Rücken ineinandergelegt, Rücken leicht krumm. Ein bisschen sieht er aus wie ein zu groß geratenes Kind. Er hat einen Adamsapfel, und bei seinen Auftritten ist das manchmal die einzige Stelle, die ihn verrät, zumindest glaube ich das. Denn wenn er sich überwinden muss oder nicht lachen will, dann schluckt er, und der Adamsapfel hüpft. Man kann das gut bei seinen Auftritten für Die Partei sehen. 2004 gründete Sonneborn gemeinsam mit anderen Redakteuren der "Titanic" Die Partei, er ist Bundesvorsitzender. Die Partei parodiert die anderen Parteien und nahm an mehreren Kommunal- und Landtagswahlen und an der Bundestagswahl 2005 teil. 2009 ließ der Bundeswahlausschuss sie nicht mehr zur Wahl zu. Martin Sonneborn konnte man in zahlreichen Talkshows sehen, in seiner Rolle als Vorsitzender, er trägt dann immer einen 49-Euro-Anzug von C&A und wirkt so sehr wie ein Politiker, dass man ihm fast glauben möchte, dass sein erstes Ziel tatsächlich ist, die Mauer wieder aufzubauen, wie er es immer sagt.

Rentner kreuzen unseren Weg, sie gehen geradeaus, als gäbe es keine entgegenkommenden Passanten, als sei ihre Geduld am Ende eines langen Lebens verbraucht. Sonneborn sagt, das sei eben Charlottenburg: Es war mal wild und jetzt ist es alt. Er sagt, dass er kurz überlegt habe, den Billiganzug der Partei heute auch zu tragen, aber dann sei es ihm doch zu heiß gewesen für Vollpolyester, und man merkt: Er spricht gern über Die Partei.

Ich: "Werden Sie gern interviewt?"

Er: "Klar. Ich bin doch Bundesvorsitzender einer Partei, die ja die Macht übernehmen will. Wir brauchen Öffentlichkeit."

Es ist schwer, mit Martin Sonneborn die Ebene zu verlassen, bei der man alles ein wenig ins Lächerliche zieht oder das Gegenteil von dem sagt, was man meint.

Wir sprechen dann über seine Kindheit, er wuchs in Osnabrück auf.

Ich: "Wie ist es da denn so?"

Er: "Osnabrück ist eine 160 000-Einwohner-Kleinstadt. Da ist es halt ruhig, es gibt eine katholische Schule, auf die man gehen kann, auf der man von Padres und Nonnen erzogen wird, mein Gott, das ist halt eine Kleinstadt, in der man behütet aufwachsen kann, und wenn man alt genug ist, verlässt man sie."

Witze aus der "Bäckerblume"

Man merkt Martin Sonneborn an, dass er in einer heilen Welt aufgewachsen ist, vielleicht weil er so wenig Angst zu haben scheint, dass ihm was Schlimmes passieren könnte. Er sagt, sein Vater (Berufsberater) und seine Mutter (Hausfrau) hätten sich für ihn gewünscht, dass er irgendwo ins mittlere Management einsteigt. Es sei dann aber auch okay gewesen, was er tat, einfach weil sie sahen, dass auch diese Arbeit einen monatlichen Scheck bedeutet. Er sagt, einmal, während der WM-Geschichte, hätten dann Reporter seinen Vater angerufen und gefragt, was sein Sohn sich so denken würde, und das sei dann nicht so schön gewesen.

Ich: "Wie waren Sie denn so als Pubertierender?"

Er: "Wahrscheinlich pickelig mit Brille."

Ich: "Wahrscheinlich? Ich dachte, Sie waren dabei."

Er: "Okay. Ich hatte keine Brille. Und picklig war ich auch nicht. Ist halt lange her. Ich war wahrscheinlich verwirrt, wie man das so ist, zu der Zeit. Aber ich hatte schon immer ein Interesse an Humor. Ich hatte einen Zeichenblock als Kind, obwohl ich gar nicht zeichnen kann. Ich habe dann immer aus der ,Bäckerblume' Witze ausgeschnitten und eingeklebt und hab sie hinterher meiner Umwelt vorgelesen." Man kann ihm unmöglich ansehen, ob das wirklich stimmt.

Ich frage ihn, ob man eine unbeschwerte Kindheit braucht, um sich dann später zu trauen, was er sich traut, und er sagt, ihn habe mal jemand gefragt, ob das, was er bei "Titanic" tue, nicht Ausdruck eines großen Vertrauens in die Demokratie sei. Er habe nachgedacht und festgestellt: Das stimmt. Und dann reicht es ihm auch mit den privaten Fragen. Das zeigt er auch:

Ich: "Sind Ihr Bruder und Sie sich ähnlich?"

Er: "Ja, es gibt sogar Leute, die glauben, dass wir Brüder sind."

Wir stehen vor einer Gaststätte, sind kaum 15 Minuten gegangen. Martin Sonneborn sagt nicht, dass er nicht mehr weitergehen will, an diesem heißen Tag, er bewegt sich auch keinen Millimeter auf die Gaststätte zu, er bleibt einfach stehen, bis ich sage: "Wollen wir uns noch mal reinsetzten?", und sagt dann Ja. Irgendwie ist damit auch das Interview vorbei. Wir plaudern so ein wenig, duzen uns plötzlich. Er sagt, er habe immer nur getan, was ihm Spaß macht. Und dass das ein großes Glück sei. Vielleicht muss man vor Martin Sonneborn doch keine Angst haben. Wie er da so sitzt vor seinem Apfelsaft und behauptet, dass er mit einer armenischen Prinzessin verheiratet sei. Martin Sonneborn sieht aus wie ein wirklich netter Mensch.

Es gibt einen Film mit Martin Sonneborn. In "Heimatkunde" umwandert er Berlin und spricht mit den Menschen aus den Außenbezirken, auch um zu schauen, wie das nun so ist mit Ost und West nach der Wiedervereinigung. In einer Kleingartenkolonie im ehemaligen Osten sagt er zu einem älteren Paar mit Pool: "Sie haben's aber nett hier." Und dann: "Darf ich mal Ihren Pool ausprobieren, ich bin schon sieben Tage unterwegs und habe mich lange nicht gewaschen?" Dann steigt er, blass wie ein Studienrat, zu der etwas fülligen Frau in den Pool und sagt: "Ich heiß übrigens Martin." Martin Sonneborn ist möglicherweise ein netter Mensch. Aber eben nicht immer.

Anmerkungen Martin Sonneborns:

Liebe Morgenpost-Leser,

es war eigentlich ganz anders. Wir sind gar nicht spazieren gegangen, sondern gleich ins "Borchardt", Austern essen auf Kosten des Verlages. So läuft das zwischen Journalisten und Spitzenpolitikern. Natürlich war auch ich nervös. Was wäre, dachte ich mir, wenn Britta Stuff hoch investigative Fragen stellt? Wenn sie die Rechnung nicht übernimmt? Dann säßen wir da. Andererseits, so etwas gab es nicht in Berlin, schließlich gibt es Spielregeln, an die sich jeder zu halten hat. Hauptsache, ich wirke nett, dachte ich mir, blass und nett und aus Osnabrück, das reicht, damit kann ich es in diesem Land bis zum Bundespräsidenten bringen. Muss sich nur noch meine Frau tätowieren lassen, dachte ich, einen Anker auf den Oberarm, so was. Und die Sache mit dem Adamsapfel in den Griff kriegen ... Immerhin, den Champagner im "Borchardt" hab ich einfach seitlich dran vorbeilaufen lassen.

Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen

Martin Sonneborn

Bundesvorsitzender Die PARTEI

"Ich habe immer nur das getan, was mir Spaß macht"

Martin Sonneborn, Satiriker