- "Dies" ist die Geschichte Solschenizyns und die der Sowjetunion. "Er war ein David, der Goliath besiegte", meinte der russische Schriftsteller Andrej Bitow.
"Um fünf Uhr morgens wurde das Wecksignal gegeben - Hammerschläge auf ein Stück Eisenbahnschiene, das neben der Stabsbaracke hing. Die abgehackten Töne drangen nur gedämpft durch die fingerdick vereisten Fensterscheiben und verstummten bald: Es war kalt, der Aufseher hatte keine Lust, lange zu hämmern." Mit diesem Anfang seiner Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", für deren Veröffentlichung 1962 in der Literaturzeitschrift "Nowij Mir" eigens Parteichef Nikita Chruschtschow sein Einverständnis gab, begründete er seinen Weltruhm.
Iwan Denissowitsch ist das literarische Alter Ego Solschenizyns, ein Mann, der im Lagerelend seinen Rest an Würde bewahrt, um die "dreitausendsechshundertdreiundfünfzig Tage seiner Haftzeit ... wegen der Schaltjahre waren es drei Tage mehr ..." zu überleben.
Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 im südrussischen Kislowodsk geboren. Der Vater, ein ehemaliger Artillerieoffizier, starb schon vor der Geburt des Sohnes, die Mutter zog ihn allein groß. Seit 1941 war Solschenizyn Rotarmist, an der Front als Hauptmann einer Flakbatterie im Einsatz. Als er sich in Feldpostbriefen abfällig über Stalin äußerte, wurde er im Februar 1945 in Ostpreußen verhaftet und zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt.
Ein Sondergefängnis in Moskau, ein Sonderlager für politische Gefangene in Ekibastus (Kasachstan), Verbannung in der Steppe nach seiner Entlassung im März 1953, die erfolgreiche Behandlung eines Magenkrebsleidens in Usbekistan, die er Zeit seines Lebens als Wunder sehen sollte, schließlich die Rehabilitierung 1956, dann seine Arbeit als Dorfschullehrer, der für die Schublade schrieb, prägten Solschenizyn. 1969 wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er offene und versteckte Zensur angeprangert und die Veröffentlichung seiner Werke "Der erste Kreis der Hölle" und "Krebsstation" gefordert hatte.
1970 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen, den er erst vier Jahre später nach seiner Ausbürgerung entgegennehmen sollte. Der Grund für die Aberkennung der Staatsbürgerschaft: Das KGB hatte die Typoskripte von Solschenizyns Schlüsselwerk "Der Archipel Gulag" ausfindig gemacht. Jelena Woronjanskaja, eine von vier Frauen, die das literarisch-dokumentarische Werk über das Lagersystem abgetippt hatten, hatte nach fünf Tagen Verhör beim KGB das Versteck preisgegeben. Sie erhängte sich. Die Trilogie wurde im Westen veröffentlicht und zu einer Weltsensation. "Der Archipel Gulag" öffnete auch vielen westlichen Schwärmern die Augen.
Zuerst reiste der Ausgebürgerte zu Heinrich Böll nach Köln, später siedelte er in die USA, auf eine Farm nach Vermont, um, wo er sich seinen literarischen und historischen Studien in einem mit Stacheldraht von der Außenwelt abgeschirmten Anwesen widmete.
Es sollte zwei Jahrzehnte dauern, bis der einsame Prophet in die Heimat zurückkehrte. Ein Bild wolle er sich machen von seinen Landsleuten, sagte er, als er am 27. Mai 1994 nach 20 Jahren Exil zurückkehrte. Rehabilitiert war er schon 1990, als Präsident Michail Gorbatschow ihm per Dekret die Bürgerrechte zuerkannte und 1991 Generalstaatsanwalt Trubin die Anklage wegen Vaterlandsverrats aufhob.
In Magadan, der Stadt am Pazifik, die mit ihren Gulags für ewig als Synonym des roten Terrors stehen soll, begann seine Reise, die ihn in 55 Tagen über 9000 Kilometer bis nach Moskau führte. Er fand ein "bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Land" vor. Sein Auditorium, gebeutelt vom Postkommunismus, beschäftigt mit dem Organisieren des alltäglichen Überlebens und regiert von Menschen, die schon zu Sowjetzeiten in den Strukturen der Macht zu Hause waren, sollte er nicht begeistern können. Solschenizyn fand kein Gehör. Zwar sprach er vielen aus der Seele, wenn er die Ära Gorbatschows ("ein äußerst unentschlossener Politiker") und Jelzins ("Das staatliche Eigentum gelangte in private Hände - von ein paar Halunken und Hochstaplern") als "15 verlorene Jahre" bezeichnete, die Reformen eine "Katastrophe" nannte und Russland absprach, eine Demokratie zu sein ("Das, was wir haben, ist eine Oligarchie"). Auch fand er Anhänger, wenn er den Westen geißelte und vor einer "Versklavung Russlands durch den Westen" warnte.
Zu einer moralischen Autorität wie Andrej Sacharow wurde Solschenizyn indes nicht. Vielleicht waren die hektischen Umbruchzeiten nicht danach, vielleicht stand dem Solschenizyns schwieriger Charakter entgegen, vielleicht seine absurd wirkenden Gesellschaftsentwürfe. Der Dichter träumte von einem Land, das es so wohl nie gab: einem Utopia, in dem der russisch-orthodoxe Glaube die oberste Maxime darstellt, Demokratie von unten gelebt und das Dorf und die Bauernschaft als Kraftfelder empfunden werden. Ein idealisiertes Altrussland, in dem Entsagung, Enthaltsamkeit, Moral und Sittenstrenge materielle Werte ersetzen.
Mit seiner Frau Natalja, die gleichsam seine Lektorin war, lebte er zuletzt auf einem vier Hektar großen Waldgrundstück vor den Toren Moskaus. Überall im Haus standen Gefäße mit getrockneten Maiglöckchen, den Lieblingsblumen Solschenizyns. Im weitläufigen Garten, in dem der Patriarch gerne spazieren ging, fehlte eine Bank. "Einfach so dasitzen und nichts tun, das ist nichts für mich", pflegte Solschenizyn zu sagen.
Platz nahm er Tag für Tag hinter seinem 150 Jahre alten Schreibtisch, um an seinen historischen Abhandlungen zu arbeiten, aber auch, um Hunderte von Briefen von Bewunderern, gerichtet an "Russland. Moskau. Solschenizyn", zu beantworten. Aufmerksamkeit auch im Westen erregte Solschenizyn noch einmal mit seinem zweibändigen historisches Werk "200 Jahre gemeinsam", einer Geschichte des Zusammenlebens zwischen Russen und Juden von 1795 bis 1995. Mit diesem Alterswerk tat er sich jedoch keinen Gefallen. Sätze wie, die Juden seien die "Hefe der Revolution" gewesen, das Auflisten von Juden in der Umgebung Lenins und Stalins, um den Beitrag der Juden am kommunistischen Terror zu untermauern, aber auch die Verharmlosung von Pogromen brachten Solschenizyn den Vorwurf des Antisemitismus ein.
Was bleibt? Wohl vor allem das Verdienst, wider das Vergessen angeschrieben zu haben. Das Vergessen von Millionen von Menschenschicksalen, die totalitärem Terror zum Opfer fielen. Wie sagte Solschenizyn? "Ein Wort Wahrheit wird die ganze Welt überdauern."

