Wir sitzen in Hanoi in der Küche von Frau Vu. Der Esstisch biegt sich unter exotischen Köstlichkeiten: Passionsfrüchte, Melonenscheiben, Grapefruits, Ananas, Litschis, Drachenfrüchte, Kumquats, Wassermelonenstücke in Herzform und kleine, pummelige Bananen. Frau Vu, die mit Vornamen Viet Nam heißt, so wie das Land, in dem sie 1944 geboren wurde, ist studierte Chemikerin – und spricht fließend Deutsch, mit sächsischem Einschlag. Frau Vu ist eines jener wenigen Schulkinder, die in den 50er-Jahren in die DDR nach Moritzburg bei Dresden geschickt wurden und im sozialistischen Bruderland eine Ausbildung erhielten. Die „Moritzburger“ gehörten schon als Kinder zur Elite Vietnams. Heute sind sie die arrivierten Senioren des Landes, arbeiten als Wissenschaftler oder Reiseführer, haben gute Posten in der Wirtschaft, stehen fast alle in geschäftlicher Beziehung zu deutschen Unternehmen.

Touristenguide im Wohnzimmer

Frau Vu liebt es zu erzählen, voller Sprachwitz. Seit sie in Rente ging, arbeitet sie als Touristenguide. Das macht sie in ihrem Zuhause als Gastgeberin, die auf die Landeskunde Vietnams, aber auch auf die deutsch-deutsche Geschichte spezialisiert ist. Nichts gegen den Literatur-Palast, das Ho-Chi-Minh-Mausoleum oder das Viertel der 36 Gassen – aber Frau Vu ist für viele Touristen der Höhepunkt ihres Hanoi-Besuchs. Der Kölner Veranstalter SKR hat den Besuch bei der geistreichen Einheimischen mit deutscher Vergangenheit ins Programm integriert. Dabei setzt man auf soziale Nachhaltigkeit und kulturellen Austausch.

Frau Vu war Teil des exklusiven „Moritzburger Zirkels“ von rund 350 Kindern aus linientreuen Familien, die Mitte der 50er-Jahre auf Initiative von Ho Chi Minh in die DDR entsandt worden sind. Elf Jahre war sie alt, Tochter einer Ärztin und eines Funktionärs. Was wie ein multikultureller Schüleraustausch aussah, war jedoch die Flucht vom Deckel des Pulverfasses. 1956, als man in Ost-Deutschland die Pettycoats schwang und zu Beatmusik von Kurt Henkels tanzte, ging in Hanoi die Welt fast unter. Die USA, damals mit Südvietnam verbündet, standen dem Norden feindlich gegenüber; sie drohten, die kommunistische Hochburg Hanoi dem Erdboden gleichzumachen.

„Von meiner Mutter Abschied zu nehmen war das Schwierigste“, erinnert sich Frau Vu. Mitschüler, Lehrer und der vietnamesische Direktor ihrer alten Schule waren für drei Jahre die Ersatzfamilie, nicht zu vergessen die deutschen Lehrer und Erzieher. „Fabelhafte Menschen, wir haben sie wie Eltern betrachtet, zu ihnen aufgeschaut und waren dankbar, weil sie uns so viel gaben und wir so viel von ihnen lernten.“ Vor allem aber: „Wir waren dort in Sicherheit, so etwas vergisst man nie.“

Frau Vu besuchte die Lehranstalt in Dresden und lebte im Heim in Moritzburg. „Maxim-Gorki-Straße Nummer 4“, erinnert sie sich. In Deutschland sah sie zum ersten mal Schnee, fuhr zum ersten Mal Ski und aß Käse, Rollmops und Leberwurst. Das zierliche Mädchen lernte deutsche Tugenden kennen: Pünktlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Verantwortungsgefühl. „Streng war das“, sagt sie, „aber liebevoll und wichtig.“

Heute wohnt Frau Vu im Zentrum Hanois, rund 15 Minuten vom „See des zurückgegebenen Schwertes“ entfernt. Um zu ihr zu gelangen, müssen Gäste einen labyrinthähnlichen Parcours durch schmale Gassen zurücklegen. Man läuft vorbei an Kindern mit neugierigen Augen, die „Hello people!“ rufen, an Volleyball spielenden Teenies, an älteren Paaren, die Federbälle fliegen lassen. Und immer wieder passiert man ebenerdige Wohnzimmer, in denen neben gedrechseltem Mobiliar blank geputzte Motorroller parken, als Zeichen von Wohlstand in der prosperierenden Stadt mit 6,5 Millionen Einwohnern.

Das Haus der Frau Vu ist schmal und hoch. Eine schrille 70er-Jahre-Tapete dominiert das Wohnzimmer, wo auch eine Sofalandschaft aus braunem Velours, ein beachtlicher Flachbildfernseher und eine Schrankwand wie zu DDR-Zeiten stehen. In der Küche hängt eine Kuckucksuhr. Frau Vu schenkt grünen Tee und Instantkaffee nach und mahnt in guter deutscher Manier, sich noch bei ein paar Früchten zu bedienen: „Sonst muss ich annehmen, es schmeckt Ihnen nicht.“ Vor uns auf dem Tisch steht auch ein Schälchen mit Lotuskernen, die wie Oliven aussehen, aber eher süßlich schmecken. „Sie sind gut für die Gesundheit. Etwas bitter, aber heilsam.“ Wie Frau Vus Flucht aus Vietnam.

Als Fotolaborantin in Wolfen

Ende der 50er-Jahre kehrte Viet Nam Vu zurück nach Hanoi. Doch sie blieb ihrer Heimat nicht lange treu, kehrte bereits 1962 zurück in die DDR, um eine Ausbildung als Fotolaborantin bei Agfa in Wolfen anzufangen. Drei Jahre später schrieb sie sich an der Martin-Luther-Universität in Halle für den Studiengang Chemie ein und wechselte später nach Ost-Berlin an die Akademie der Wissenschaften. Als sie in den 70er-Jahren endgültig nach Hanoi zurückging, sicherte ihr das eine Stelle am staatlichen Forschungszentrum für Wissenschaften. Der Vietnamkrieg lag zu der Zeit in den letzten Zügen. Frau Vu war vor Ort, ganz Patriotin: „Ich wollte im Kampf gegen die Amerikaner etwas beitragen.“

„Paradiesisch ist die DDR gewesen im Vergleich zu den schlimmsten Tagen, die ich in meiner Heimat erlebt habe“, erzählt sie und meint zum Beispiel das Bombardement der Stadt zu Weihnachten, das unzählige Tote forderte. Empfindet sie Hass auf den Westen, auf Amerika? „Nein“, sagt Frau Vu. Man kann nie vergessen, betont sie, aber man kann nicht vorwärts gehen, wenn man immer nur zurückschaut. Das Schlimmste seien nicht Trauer oder Ressentiments über die Jahrzehnte des Leids, „sondern die Nachwirkungen von Agent Orange“. Agent Orange war die Bezeichnung eines chemischen Mittels, das die Amerikaner in Vietnam zur Entlaubung von Wäldern einsetzten. Durch das Gift erkrankten Hunderttausende Bewohner. Schwere Fehlbildungen bei Kindern waren die Folge. „Das wirkte bis in die dritte Generation“, sagt Frau Vu.

Als 1989 die Mauer fiel, war sie noch einmal in Ost-Berlin. Sie lief zum Brandenburger Tor, aber man ließ sie nicht in den Westen, weil ihr das Visum fehlte, das sie als Vietnamesin gebraucht hatte. Der Fall der DDR sei ihr nahegegangen, sagt sie. Trotzdem begeisterte sie die Wiedervereinigung „über alle Maßen“. Das Deutschland ihre Passion ist, zeigt sich auch daran, dass sie ihre Tochter zum Studium nach Marburg schickte. Inzwischen macht die ihren Master in Bonn. Frau Vu selbst hat ihr Zeugnis aus Moritzburg vom 5. Mai 1959 bis heute aufbewahrt. „Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben“, steht als Zitat von Nikolai Ostrowski darunter. 2012 war sie noch einmal in Moritzburg, um ihre alte Lehrerin von damals wiederzusehen. „Es war wunderschön“, erzählt Frau Vu. „Sie ist inzwischen Mitte 80, aber kannte uns alle noch mit Namen.“

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von SKR Reisen. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit