Serie

Großes Kino am Lübbesee

Kleine Fluchten, Teil 102: Urig, aber nicht gestrig – ein Kurzbesuch im familienfreundlichen „Ahorn Seehotel Templin“ in der Uckermark

Am Bahnhof von Templin wirbt ein quittegelber Trabant für eine Fahrschule (noch ahnen wir nicht, wofür man das einstige VEB-Fahrzeug noch verwenden kann), der Weg zu einer Neubausiedlung trägt wie zu alten DDR-Zeiten die Bezeichnung „Straße des Friedens“. Doch dann biegen wir links in eine schmale, von Kiefern gesäumte Allee, an deren Ende uns dieses Schild begrüßt: „Willkommen im Ahorn Seehotel Templin!“

Allerdings scheint es, als hätten die Götter vor die Gastlichkeit erst einmal eine vage Enttäuschung gesetzt, denn statt des Sees ist da nur ein Haus zu sehen, will heißen: ein Kasten. Zwölf Etagen grauer Beton, wenn auch durch blauweiße Vierecke leidlich verhübscht. Und wo, bitte, soll der Ahorn sein? Die Architektur der beiden schräg zueinander stehenden Riesenflügel erinnert jedenfalls eher an ein (Partei-)Buch, während ehemaligen Ostlern darüber hinaus die verblüffende Ähnlichkeit mit dem sogenannten „RGW-Haus“ ins Auge sticht, dem Moskauer Zentralgebäude für die geplante Misswirtschaft während der Jahrzehnte des realen Sozialismus.

Kein Wunder, denkt da grummelnd der Reisende, das auch dieser Ort solcherart Vergangenheit hat – 1984 erbaut als Erholungsheim der Einheitsgewerkschaft FDGB. „Aber“, sagt die stellvertretende Direktorin Frau Hübsch, die uns in der überraschend transparenten Lobby erwartet, „aber seither hat sich viel getan. Gleich nach der Wende machten hier vor allem neugierige Busreisende aus den alten Bundesländern Rast, später rutschte das Haus in die Insolvenz, inzwischen aber ist es rundum erneuert und in den guten Händen des Hotelunternehmens Albeck & Zehden – das West-Berliner „Crowne Plaza“ in der Nürnberger Straße ist sozusagen unser Mutter-Hotel.“

Versucht die sympathische Frau womöglich, den skeptischen, bereits DDR-Nostalgie witternden Besucher aus Berlin mit diesen Worten zu beruhigen? Aber nein, derlei ist doch gar nicht nötig. Das Zimmer – eines von immerhin 409 – geht nämlich sehr wohl auf den idyllischen Lübbesee hinaus, die gediegene Ausstattung erinnert an Hotelketten, denn schließlich ist das Seehotel nicht nur für Pärchen, sondern auch für Familien gedacht. Eine breite Wiese zwischen Haus und See beherbergt Kinderspielplätze und Indianerzelte. Großzügig angelegt die Wanderwege zum See, ein paar Kanus zum Ausleihen als bunte Pünktchen in der nuanciert grünblauen Wasser- und Baumlandschaft und dazu die feingeriffelte Himmelsschrift fliegender Reiher.

Zeit also, unsere verbliebenen Vorurteile einzupacken, denn wenn es auch hier Angebote zu Gruppenaktivitäten gibt, haben sie längst englische Bezeichnungen. „Soccer-Field“, erklärt Frau Hübsch und zeigt auf das importierte Fußball-Kleinspielfeld aus dem Hause Rummenigge, ehe sie „cooking challenge“ sagt und die Regeln eines hier ebenfalls angebotenen Koch-Wettbewerbs erläutert. Doch uns zieht es erst einmal in die Sauna und zum Schwimmbecken, das mit seinen fünf Bahnen zu 25 Metern tatsächlich seinen Namen verdient. Wer als Gast dagegen eher „Erlebnis-Baden“ bevorzugt, kann ausweichen in die nahen Therme (www.naturthermetemplin.de).

Hotel mit eigenem Kinosaal

Und dann: Großes Kino! Als eines der wenigen Hotels weltweit verfügt nämlich das Haus über einen eigenen Kinosaal mit rund 60 Plätzen, in welchem nachmittags Kinder- und abends Erwachsenenfilme gezeigt werden. (Und wir, noch immer ein wenig mit Argus-Augen, freuen uns, das neben den neuesten Hollywood-Streifen auch Vergangenheitskritisches läuft wie etwa „Das Leben der Anderen“)

Den Besuch in der Westernstadt „El Dorado“ (www.eldorado-templin.de) heben wir uns, angenehm ermattet von Spaziergang und Schwimmen, für den nächsten Tag auf – umso gespannter sind wir auf das Panorama-Restaurant. Im Unterschied zum Büfett für die Halbpensionsgäste liegt dieses im zwölften Stock und wirbt damit, „Brandenburgs höchstgelegenes Restaurant“ zu sein. Warum auch nicht, verweist doch auch Templin darauf, „die achtgrößte Stadt Deutschlands“ zu sein – flächenmäßig. Die argentinischen Rindersteaks werden von kundiger Hand zubereitet, und die Kellnerin versteht offensichtlich auch sehr viel von gutem französischen Roten oder halbtrockenem italienischen Weißen, während vom Westen her (das musste dann doch sein!) goldenes Abendlicht den Raum flutet. Hinterm Horizont nämlich geht’s weiter, und Templin ist alles andere als das Ende der Welt.

Geschichte zum Anfassen

Was allerdings wohl nicht nur daran liegt, das eine spätere Bundeskanzlerin hier ihre Jugend verbracht hatte. Denn die 17.000-Einwohner-Stadt lässt bereits den Wochenendreisenden tief in ihre Geschichte tauchen. Die um das restaurierte Marktgelände und die Innenstadt gebaute Stadtmauer stammt aus dem 14. Jahrhundert, und wer als Besucher Hand an die alten Steine legt – oder im backsteinroten „Berliner Tor“ eine Ausstellung besucht (geöffnet täglich außer Sonntag von 14-18 Uhr) – bekommt ein Gefühl für die Schichtungen deutscher Historie. Skurriles freilich auch hier inklusive: In einem früheren, auf Befehl Friedrichs II. gebauten Zollhäuschen werden heute handgearbeitete Glasperlen feilgeboten und zwar unter dem Wappenschild „Kunst von uns“. Selbst mit einem alten Trabbi lässt sich ja noch so manches anstellen. Und das ist, was das findige Event-Managment des Seehotels mit dem kantigen Gefährt veranstaltet: „Teile der umgestalteten Karosserie dienen uns bei manchen Anlässen als folkloristische Unterlage für das Büfett“, sagt Frau Hübsch, um sogleich beschwichtigend dazu zu setzen: „Natürlich ohne Ölrückstände, zigfach gereinigt und hygienisch 1 A.“

Es war durchaus ein Weg der Erkenntnis, und wir bekennen gern, dass man über Templin und dieses schräg-sympathische Hotel gewiss nicht meckern kann. Was für Berliner Maßstäbe ein Synonym ist für allerhöchstes Lob.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom „Ahorn Seehotel Templin“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit