Sie plant die Rückkehr zur D-Mark, gründet einen Landesverband nach dem anderen und will im Wahljahr die etablierten Parteien das Fürchten lehren: Die Alternative für Deutschland (AfD) hat Chancen, sich in der Krise zu einer populären Protestpartei zu entwickeln.

Meinungsforscher trauen der Euro-feindlichen Bewegung um den Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, die nächstes Wochenende in Berlin ihren ersten Bundesparteitag abhält, einen Überraschungserfolg im Wahljahr zu. Aus einer Studie von Infratest Dimap im Auftrag der Berliner Morgenpost ergibt sich für die Alternative für Deutschland ein Potenzial von 24 Prozent. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, eine solche Partei zu wählen, antworten sieben Prozent der Befragten mit „Ja, sicher“ und 17 Prozent mit „Ja, vielleicht“. 59 Prozent schließen aus, für die AfD zu stimmen.

Von den Anhängern der Linkspartei können sich 29 Prozent vorstellen, die neue Gruppierung zu wählen. In der Wählerschaft der SPD sind es 21 Prozent, bei der Union 19 Prozent und den Grünen 14 Prozent. Unter den Anhängern sonstiger Parteien, zu denen Infratest Dimap auch die FDP zählt, liegt das Potenzial bei 46 Prozent. Nichtwähler (31 Prozent) und Unentschlossene (32 Prozent) zeigen ebenfalls große Offenheit. Die Partei ist entschlossen, an der Bundestagswahl und der ebenfalls am 22. September stattfindenden Landtagswahl in Hessen teilzunehmen.

„Wenn die Krise weiterhin so bewegt, dann kann sich die AfD jedenfalls einer großen Aufmerksamkeit sicher sein“, sagt Infratest-Geschäftsführer Richard Hilmer. „Entscheidend für ihr Abschneiden bei der Bundestagswahl wird aber sein, ob die Bürger weiterhin Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble vertrauen oder ob irgendwann Zweifel an ihrem Krisenmanagement aufkommen.“ Weil Euro-Skeptiker vor allem in den Regierungsparteien sichtbar seien, könnten diese besonders viele Stimmen an die neue Kraft verlieren. Der Berliner Parteienforscher Oskar Niedermayer glaubt zwar nicht, dass die Alternative für Deutschland bei der Bundestagswahl die Fünf-Prozent-Hürde überspringen wird. Doch könne sie vor allem die FDP entscheidende Stimmen kosten, so Niedermayer, und „eine Wiederauflage der bürgerlichen Regierung verhindern“.

„Wir unterschätzen die neue Bewegung nicht“, sagt FDP-Generalsekretär Patrick Döring. Es habe sich aber gezeigt, dass „Protestparteien, die sich auf ein einziges Thema konzentrieren, viele andere Politikfelder aber aussparen, auf Dauer keinen Bestand haben“. Die gemeinsame europäische Währung aufzugeben würde Deutschlands Position im Welthandel massiv verschlechtern, warnt Döring. Grünen-Chefin Claudia Roth wirft der Alternative für Deutschland vor, bewusst am rechten Rand zu fischen. Aber auch in anderen Parteien mache sich latente Europafeindlichkeit breit. Teile von Union und FDP verrieten das europäische Erbe von Helmut Kohl. Davon profitierten antieuropäische Bewegungen wie die AfD.

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagt der Berliner Morgenpost: „Die CDU wird weiter klar für Europa und den Euro werben. Dieser Kurs wird auch von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung für richtig befunden.“ Deutschland brauche den Euro. „Wer zurück zur D-Mark will, riskiert Deutschlands Spitzenposition und eine Spaltung Europas.“ Die Sorgen der Bürger sollten „nicht bewusst geschürt oder mit vermeintlich einfachen Lösungen falsch beantwortet werden“.

„Die Altparteien“, so heißt es auf der Internetseite der Alternative mit einer angesichts der schieren Kürze ihres bisherigen Daseins beträchtlichen Portion Chuzpe, „sind zu einer nachhaltigen, transparenten, bürgernahen, rechtsstaatlichen und demokratischen Politik nicht imstande oder nicht willens. Wir formulieren Alternativen zu einer angeblich alternativlosen Politik.“

Nun muss man sagen, dass es zumindest mit der Transparenz auch bei der Alternative noch nicht so richtig weit her ist. Die Gründungsversammlungen der 16 Landesverbände finden derzeit landauf, landab hinter verschlossenen Türen statt. Öffentlichkeit und Presse sind nicht zugelassen in diesem frühen Stadium der Parteiwerdung. Man möge dafür also bitte Verständnis haben. Es gebe einfach zu viele Anfeindungen von der extrem linken Seite, auch Vereinnahmungsversuche von der extremen Rechte. Außerdem mangele es einigen Mitgliedern der neuen Partei schlicht und ergreifend noch an Professionalität im Umgang mit den Medien.

Der Landesvorsitzende Wolf-Joachim Schünemann schildert in seinem warmen, schmeichelnden, fränkischen Idiom, dass sich das Engagement der AfD keinesfalls gegen Europa, nur eben gegen den Euro in seiner jetzigen Form richte. Dass man sich aber den Mund nicht länger verbieten lassen und der „schweigenden Mehrheit“ der Bürger eine Stimme geben wolle. Dass man sich außerdem wehren müsse gegen die immer neuen Lasten, die die Altparteien den Deutschen zwecks Rettung der gemeinsamen Währung auferlegten. Dass das Land inzwischen einem „Packesel“ gleiche.

Es sind diese, die komplexe Lage der Dinge in Europa ziemlich grob vereinfachenden Phrasen, die die Alternative für Deutschland erfolgreich und angreifbar zugleich machen. Angreifbar, weil man sich rhetorisch häufig und mit einer gewissen Lust am scheinbar Unerhörten auf Augenhöhe mit den einschlägigen Gruppierungen des äußersten rechten Randes begibt. Erfolgreich, weil der demagogisch vorgetragene Euro- und Politik-Skeptizismus ihrer Protagonisten eine Grundstimmung aufgreift und widerspiegelt, die ja längst nicht mehr ausschließlich an den einschlägigen Stammtischen verfängt.

Wo immer man hinhört in diesem Frühlingswinter 2013, den Mahnungen und Warnungen vor den Folgen von Euro-Krise und Bankenrettung kann ja kein Mensch entkommen. Papst Franziskus sieht zu viel Gier und Eigennutz in der Welt, Bischof Zollitsch findet sich in seiner Osterpredigt Seite an Seite mit dem Talkshow-Pärchen Lafontaine/Wagenknecht und geißelt unverblümt den „ungezügelten Finanzkapitalismus“. Klaus von Dohnanyi, der immer seelenruhige Sozi, vergleicht Europas versammelte Euro-Retter mit einer Gruppe Bergsteiger, die sich „an einer steilen Wand mit ihrer Seilschaft verstiegen“ haben.

Nach einer im vergangenen Herbst im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellten Studie sind mittlerweile 65 Prozent der Deutschen der Meinung, dass ihnen die Euro-Einführung Nachteile gebracht hat und dass es ihnen bei einer Wiedereinführung der D-Mark besser ginge. Fast ein Drittel der Befragten hält darüber hinaus gleich die ganze EU für nachteilig. 49 Prozent denken, dass Deutschland ohne die Europäische Union besser dastünde. Zwei Drittel der Deutschen, so wurde am vergangenen Freitag gemeldet, halten ihr Geld auf dem Sparbuch für nicht mehr sicher.

7000 Menschen sind der Alternative für Deutschland in den vergangenen zwei Monaten beigetreten, 16 Landesverbände befinden sich in Gründung. Dass man zur Bundestagswahl in fünf Monaten antreten will, ist längst beschlossene Sache.

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