Massenmörder Anders Behring Breivik

Attentat auf Norwegens König geplant

Der Attentäter Anders Behring Breivik hat vor einer Woche auch Bombenanschläge am Osloer Schloss und dem Hauptquartier der norwegischen Sozialdemokraten geplant. Die Zeitung "VG" in Oslo berichtete auch, der Massenmörder habe die noch weitergehenden Terrorpläne wegen "logistischer Probleme" nicht verwirklichen können.

Geir Lippestad, Anwalt des Attentäters, berichtete in "VG", die Polizei habe dem 32-Jährigen bei einem Verhör am Freitag erstmals die Zahl seiner Opfer mitgeteilt. "Ich habe keine Reaktion feststellen können. Ich konnte weder ein Lächeln noch Anzeichen für Enttäuschung bemerken", sagte der Verteidiger.

Breivik hatte am Freitag vor einer Woche erst eine Bombe im Osloer Regierungsviertel detonieren lassen, die acht Menschen das Leben kostete. Danach tötete er 69 Teilnehmer eines Jugendlagers der norwegischen Sozialdemokraten auf der Insel Utøya. Als Motiv für sein Handeln hatte der fanatische Islamhasser angegeben, dass er Norwegens regierende Sozialdemokraten "so hart wie möglich" treffen wollte.

Seither redet das Land über den Attentäter; die Opfer erzählen vom Überleben. Zeitungen drucken Nachrufe auf 18-Jährige, Politiker versprechen, dass Norwegen so bleibt, wie es ist. Ein ganzes Land versucht zu verstehen, was da gerade passiert ist. Jedes Detail ist wichtig, jede Geschichte wird weitergegeben, veröffentlicht, geteilt; der Anschlag wird zur großen Erzählung, eine nationale Gesprächstherapie. Wo warst du am 22. Juli?, fragt man sich auf der Straße. Und: Warum gerade wir? Was haben wir getan, dass uns das passieren musste?

Angriff auf eine große Familie

Es gibt Versuche, Antworten zu finden, und die sind nicht besonders angenehm, denn: "Anders Breivik war einer von uns, ein ganz normaler Norweger aus der Mitte der Gesellschaft. Das macht es so schwierig, die Angriffe zu verarbeiten", sagt Thomas Hylland Eriksen, Sozialanthropologe von der Universität Oslo und so etwas wie der Psychologe der Nation. "Wer sind wir, dass wir so einen Menschen hervorbringen konnten? Diese Frage quält die Norweger jetzt", sagt Eriksen. Mit importiertem Terror, einem Al-Qaida-Angriff, könnte man besser leben.

Eriksen warnt davor, die Trauer zu verklären. "Das alles bedeutet nicht, dass die Norweger anderen Völkern gegenüber moralisch überlegen sind. Sie nehmen dieses Ereignis nur anders wahr: Als Angriff auf eine große Familie." Bei knapp fünf Millionen Einwohnern sei das nicht verwunderlich; jeder kenne ein Opfer oder Angehörige, und sei es über zwei Ecken. "Es ist, als ob wir Familienmitglieder bei einem Unfall verloren haben, deshalb trauern wir alle kollektiv."

Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit lässt sich auch aus der norwegischen Geschichte erklären. Norwegen gibt es erst seit 1905, das Land fühlte sich von jeher verwundbar in seiner geografischen Lage am Rande Europas. Als Reaktion entwickelte sich eine Art Kuschel-Nationalismus, der allem, was gut ist, das Gütesiegel "norwegisch" verleiht.

Und nun gibt es einen norwegischen Massenmörder, erstmals in der Geschichte des Landes. Breivik war so norwegisch wie die Osloer, die zu Hunderttausenden zum Rosenumzug am Montag nach den Attentaten kamen und die "Straßen mit Liebe" füllten, wie Kronprinz Haakon ohne Angst vor Pathos sagte.

Gut, die Familienverhältnisse des Attentäters sind kompliziert, es gibt biologische Eltern und Stiefeltern, aber es gibt auch Freunde aus Kindertagen, die sich an einen schüchternen, freundlichen Jungen erinnern, der erst in der weiterführenden Schule als Außenseiter galt. "Er hatte ein gutes Elternhaus. Vor einem Jahr habe ich ihn noch einmal getroffen", sagt ein Schulfreund, der lieber anonym bleiben will. "Er hat uns alle hinters Licht geführt. Ich bin wahnsinnig böse auf ihn."

Breivik selbst breitet sein Leben und seine Ansichten in einem Pamphlet aus, 1500 Seiten krude Sicht auf Politik, Religion, Islam und Sex. Er erläutert, wie eine Bombe gebaut wird und welche Anabolika und Steroide den perfekten Doping-Cocktail ergeben, aber er "weiß nicht annähernd so viel über unsere Gesellschaft und wie Politik funktioniert", sagt sein Anwalt Lippestad.

Breivik stellt derweil aus seiner Zelle heraus ständig neue Bedingungen, unter denen er sich nur verhören lassen will. Er will auf keinen Fall Essen bekommen, das "halal" zubereitet wurde, er möchte seine Fantasieuniform anziehen, einen Computer mit Zugang zur Wikileaks-Datenbank haben. Das Einzige, was sie ihm zubilligen, ist Papier und Kugelschreiber. Lippestad sagt, dass Breivik an seiner Verteidigung arbeiten will.