Präsidenten-Stichwahl

Aristides Rückkehr verschärft Haitis Lage vor der Wahl

Wenn am Sonntag in Haiti die Präsidenten-Stichwahl stattfindet, richten sich die Blicke nicht nur auf die Kandidaten Mirlande Manigat und Michel Martelly. Möglicherweise dürfte Ex-Präsident Jean-Bertrand Aristide den beiden die Schau stehlen: Er kehrte am Freitag in das noch immer unter den Folgen des Erdbebens vor mehr als einem Jahr leidende Land zurück.

Der 2004 entmachtete Aristide hat in Haiti insbesondere in der armen Bevölkerung zahlreiche fanatische Anhänger. Politische Beobachter vermuteten eine gespannte Atmosphäre während der Wahl, von der sich auch die internationale Gemeinschaft Stabilität und einen politischen Neuanfang in dem verarmten Karibikstaat erhofft.

Als Kandidaten gehen die frühere First Lady Manigat, eine Juraprofessorin, und der Musiker Martelly ins Rennen. Sie waren nach Monaten der Ungewissheit im Februar zu den stärksten Kandidaten der ersten Wahlrunde im November erklärt worden. Der Wahlsieger tritt die Nachfolge von René Préval an, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten darf. Sowohl Manigat als auch Martelly haben es als legitimes Recht Aristides bezeichnet, in sein Heimatland zurückzukehren. Am Freitag traf er nach sieben Jahren im Exil unter großen Sicherheitsvorkehrungen in seiner Heimat ein. In einer Ansprache gedachte er der mehr als 316 000 Toten des Erdbebens vom Januar 2010. Der frühere katholische Priester Aristide wurde 1991 erster frei gewählter Präsident des Landes. Sieben Monate später wurde er gestürzt und im Jahr 2000 erneut gewählt. Seine zweite Amtszeit war geprägt von Instabilität und Gewalt. In einem Aufstand wurde seine Regierung 2004 abgesetzt.

Vertraute Aristides erklärten, dieser wolle sich nach seiner Rückkehr aus der Politik heraushalten. Er beabsichtige aber, seine Erfahrung einzubringen, um Haiti bei der Erholung von den Folgen des Erdbebens im Januar 2010 zu unterstützen. Das politische System ist gekennzeichnet durch Stagnation, Intransparenz, Korruption und Chaos. Lange Zeit lag die Macht in den Händen einer kleinen Elite.