Domscheit-Berg war der zweite Mann neben Assange. Die Szene nennt ihn den "Architekten", der die Voraussetzung dafür schuf, dass Wikileaks Geheimakten aus dem Afghanistankrieg, von Regimekritikern aus Asien, Afrika und Russland und schließlich die US-Diplomaten-Depeschen veröffentlichen konnte. Dann gab es Streit zwischen dem Hacker aus einer australischen Hippie-Familie und dem deutschen Netzwerkingenieur.

Per E-Mail "suspendiert"

Es heißt, Assange habe ihm eine E-Mail geschrieben, in der er Domscheit-Berg "suspendiert" hätte. Eine merkwürdige Vorgehensweise in einer Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, Machtstrukturen zu zerschlagen, der dann aber aller Technik zum Trotz wieder allzu Menschliches innewohnt. Der Informatiker sah sich veranlasst, ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben. "Inside Wikileaks" kommt an diesem Freitag in den Buchhandel.

Von einer Abrechnung mit Assange möchte Domscheit-Berg in der Diskussionsrunde nicht sprechen, lieber redet er über Grenzen der Hacker-Ethik und journalistische Codizes. Dabei wünschen sich die meisten Zuhörer ins Haus der Grünen-Stiftung Transparenz in diesem Punkt: Was war los zwischen den beiden jungen Männern, die eine neue Ära des Umgangs mit Informationen eingeläutet haben?

Domscheit-Berg nennt als einen Grund unter anderem die mangelnde Offenheit Assanges gegenüber seinen Kollegen bei der Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente, bei der die drei Medienhäuser "Spiegel", "Guardian" und "New York Times" beteiligt waren: "Grundlage für eine Veröffentlichung war die Vereinbarung, dass man diese 90 000 Dateien auf Namen von Unschuldigen prüfen und redigieren wird", sagt Domscheit-Berg. Assange habe das zugesagt, aber niemanden informiert, wann und von wem diese Arbeiten durchgeführt werden sollten. Konfrontiert mit dem Vorwurf, damit Unschuldige gefährdet zu habe, sage Assange im "Guardian"-Buch, alle Afghanen, die mit den USA zusammenarbeiten würden, seien letztlich selbst Schuld. Eine solche Haltung teile er nicht, sagt Domscheit-Berg. In seinem Buch ist er weniger zurückhaltend. Er habe "noch nie so eine krasse Persönlichkeit erlebt wie Julian Assange", zitiert der "Stern" vorab. Er beschreibt den Australier als "freigeistig", "energisch", "genial", aber auch als "paranoid", "machtversessen" und "größenwahnsinnig". In Großbritannien feierte Assage gerade einen Teilerfolg, weil die Entscheidung über eine Auslieferung nach Schweden vertagt wurde. Dort wird ihm sexuelle Nötigung zur Last gelegt.

Domscheit-Berg hat Wikileaks offenbar nicht mit leeren Händen verlassen. Der Programmierer soll bei seinem Abgang die von ihm geschaffene Software sowie Datenmaterial mitgenommen haben. Dem "Stern" sagte er: "Wikileaks konnte ihre Sicherheit (der Geheimdokumente, d. Red.) nicht mehr garantieren." Wesentliche Funktionen der Enthüllungsplattform seien seit September "nicht mehr aktiv". "Die Plattform ist eigentlich tot", sagt Constanze Kurz im Böll-Haus. Den Vorwurf der Sabotage will Domscheit-Berg nicht hören. Es handle sich nur um die "Rücknahme geistigen Eigentums". Assange hat Spiegel Online zufolge einen Anwalt eingeschaltet, um gegen die Aussteiger vorzugehen.

Domscheit-Berg will das Enthüllungsgeschäft nicht lassen: Openleaks heißt sein jüngstes Projekt, für das er Sponsoren sucht. Es gehe um die Bereitstellung anonymer Infrastruktur für Informanten, die Dokumente einreichen wollen. Das Veröffentlichen sollen dann andere machen.