Er ging zurück zu seinem Dienstwagen, um den nächsten Diplomaten abzuholen und ihn zu einem Termin zu bringen, als er die Kabel unter seinem Autositz entdeckte. Dann schlug er Alarm, per Handy, und versteckte sich hinter dem Lokal. Die Elitesoldaten mit der Flecktarn-Uniform näherten sich langsam. Sicherten mit Sturmgewehren die Umgebung, bis schließlich nach scheinbar endlosen Minuten die Tür des weißen Wagens geöffnet wurde. Ein Roboter mit Kettenantriebssystem übernahm den heiklen Job. Und er war es auch, der die Blechkiste schließlich mit einem Schuss aus einem Hochdruck-Wassergewehr aufschoss. Zwei Handgranaten waren darin platziert gewesen. Ein Szenario, durchgespielt auf einem Truppenübungsplatz irgendwo an der See in Schleswig Holstein.
Sprengkörper in der Ostsee
Ein Szenario, wie es aber täglich in Afghanistan oder im Kosovo stattfinden kann, wo auch deutsche Truppen im Einsatz sind. Die Sprengstoffexperten gehören zur Minentaucherkompanie mit Sitz in Eckernförde. Und bildlich gesehen droht gerade dieser wichtigen Einheit der Untergang. Nachwuchssorgen und Personalvorgaben werden zur größten Bedrohung für die Truppe. Und damit für alle Soldaten im Kampfeinsatz und für alle Segler, Sportbootfahrer und Fährpassagiere in der Nord- und Ostsee, wo die Kompanie für die Beseitigung aller noch auf dem Meeresgrund liegenden Seeminen und Munition zuständig ist. Mehrere Jahrzehnte, so die Schätzung von Experten, wird es noch dauern, bis alle Reste zweier Weltkriege aus den Gewässern unschädlich gemacht worden sind.
Eine Zeitspanne, die die Minentaucher nicht mehr haben. Mehr als 120 Mann war die den "Spezialisierten Einsatzkräften Marine" (SEK M) zugeteilte Kompanie einst stark, im Moment gibt es gerade mal 25 Aktive, die den Sägefisch mit der stilisierten Mine auf der Brust tragen. Die Gründe dafür sind schnell benannt. Der Nachwuchs scheitert an den körperlichen Anforderungen. Es gibt zudem wenige der begehrten Planstellen für Berufssoldaten, und diese werden unter den Soldaten mit den besten Voraussetzungen aufgeteilt. Deswegen müssen auch voll ausgebildete Zeitsoldaten die Uniform an den Nagel hängen und sich einen Job in der zivilen Berufswelt suchen.
Sebastian H., 30 Jahre alt, Oberleutnant zur See, ist einer von ihnen. Zum 30. Juni dieses Jahres scheidet der Zeitsoldat aus. "Ich werde versuchen, beim Landeskriminalamt oder bei den Räumdiensten der Länder unterzukommen." Und fügt hinzu: "Ich wäre gern geblieben." Nach Meinung eines ranghohen Offiziers könnten Umstrukturierungen helfen. "Beim Kommando Spezialkräfte KSK wird jedem Soldaten nach dem Bestehen der Ausbildung eine Stelle als Berufssoldat versprochen. Das könnte auch der Minentaucherkompanie helfen." Bislang würden oft private Unternehmen von dem staatlich vermittelten Know-how profitieren.
Auch zwei ursprünglich aus Berlin stammende Minentaucher blicken in eine ungewisse Zukunft. Taucher Rene S. weiß bereits, dass er zumindest in seiner jetzigen Verwendung nicht Berufssoldat werden kann, bei Matthias H. läuft das Auswahlverfahren.
Zehn junge Männer haben bislang Teile des jetzigen Lehrgangs überstanden, ob alle am Ende den "Fisch" bekommen, ist unklar. "Wir haben zu wenig infrage kommende Aspiranten. Der Lehrgang ist mit zwölf Bewerbern gestartet", so Fregattenkapitän Arne Krüger, Stabsoffizier beim SEK M und einst selbst Minentaucher. "Und das ist in diesem Fall eine sehr gute Quote. Aber es sah in letzter Zeit auch schon sehr viel schlechter aus. Sicherlich haben wir höhere Anforderungen als andere Verbände, aber in Jahrgängen davor wurden die Vorgaben auch erfüllt. Man gewinnt leider oft den Eindruck, dass die Bereitschaft zur Überwindung des inneren Schweinehundes nicht mehr da ist." Dabei bietet der Job nach einhelliger Meinung der Minentaucher ein "faszinierendes" Leben. "Wir tauchen, sehen die Welt, arbeiten mit neuester Technik. Wir sind wie eine kleine Familie, die fest zusammensteht", so einer der Männer. Das seien die Gründe, warum sie sich zur Truppe gemeldet haben.
Doch auch der finanzielle Aspekt spielt eine große Rolle. Die Kampfschwimmer - ebenfalls beim SEK M angesiedelt - erhalten beispielsweise 900 Euro Erschwerniszulage monatlich, weil sie ihr Leben im Anti-Terror-Kampf riskieren. Deren Haus sei "voll". In Afghanistan sind aber auch die Minentaucher als Experten für die Beseitigung aller Bomben und Sprengfallen im Einsatz. "Wir kriegen diese Zulage nicht, sondern gerade einmal 150 Euro. Obwohl auch wir in Gefahr sind, wenn wir uns im dicken Schutzanzug inmitten eines Feuergefechts einer selbst gebauten Bombe nähern, die am Straßenrand an einem Fahrrad versteckt wurde, um einen vorbeifahrenden Konvoi in die Luft zu jagen."
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) weiß um die Problematik des finanziellen Anreizes und versprach Nachbesserung. Die Minentaucher, die gerade auf dem Truppenübungsplatz trainieren, werden im kommenden Jahr in einen "scharfen Einsatz" nach Afghanistan gehen. Kameraden von ihnen kommen gerade aus dem Kosovo wieder. Die Soldaten sind oft verstört über das, was sich Menschen einfallen lassen, um andere zu töten. "Sogar Spielzeugpuppen werden von den Taliban präpariert, um Kinder zu töten, deren Eltern sich nicht den Kriegstreibenden anschließen wollten."
Nervenkitzel unter Wasser
Aber nicht nur in fernen Krisengebieten werden die Minentaucher tagtäglich gebraucht. Auch direkt vor der Haustür lauern mitunter tödliche Gefahren. Regelmäßig werden alte Minen und Munition von Fischernetzen an die Oberfläche gezogen. Nicht selten rutschten diese dann wieder aus den Maschen und sinken auf den Meeresgrund. Oder aber die Minentaucher werden gezielt in bestimmte Gebiete geschickt, um danach zu suchen. Mit knapp 50 Kilo Ausrüstung tauchen die Froschmänner dann in die Tiefe hinab, ertasten teilweise in totaler Dunkelheit und bei eiskaltem Wasser den todbringenden Gegenstand, um eine Sprengladung daran zu befestigen. Allein, ohne Partner deshalb, damit es im schlimmsten Fall nur einen Taucher erwischt.
Was denkt man in solchen Momenten? "Dass man hoffentlich das vor sich hat, was man glaubt, ertastet zu haben", sagt Sebastian H. kühl und sachlich. Vom Schlauchboot aus wird die Ladung dann schließlich kontrolliert zur Explosion gebracht - natürlich erst, nachdem eine Miniladung zuvor Fische und Säugetiere verjagt hat. Minentaucher sichern zudem deutsche Kriegsschiffe in fremden Häfen, auf See und suchen bei groß angelegten Staatsbesuchen wie beim G-8-Gipfel vor wenigen Jahren in Heiligendamm die Küstengebiete ab.
Nach einer gewaltigen Minensprengung im Sperrgebiet auf der Ostsee stehen die Minentaucher an Deck des Minenjagdboots "Passau" zusammen. Alles hat geklappt, sie verstauen ihre Ausrüstung in aller Ruhe. Die Crew des Schlauchboots bereitet sich auf die Sturmfahrt zurück zum Stützpunkt vor, die Männer setzen sich Helme auf, dickes Neopren schützt den Körper vor der Kälte. Das PS-starke Boot fährt durch die Wellen, und ein Minentaucher schaut ihnen nach. "Wir sind eine gute Truppe, wir verstehen uns blind." Wie lange er noch dabei bleibt? "Nicht mehr lange, meine Zeit läuft ab." Danach werde er studieren. Grafikdesign. Und den Traumberuf vom Froschmann aufgeben. Aufgeben müssen.

