Der 63-jährige Broder hatte seine Kandidatur am Vortag im "Tagesspiegel" angekündigt.

Er bewerbe sich nach reiflicher Überlegung auch deshalb um die Nachfolge Knoblochs bei der Wahl im kommenden Jahr, weil sich der Verband in "einem erbärmlichen Zustand" befinde, schrieb der Berliner Journalist und Buchautor Broder. Und urteilte über Charlotte Knobloch: "Die Präsidentin - intern Tante Charly genannt - scheint von dem Job überfordert." Knobloch selbst ließ erklären, von ihr gebe es keine Stellungnahme zu der Bewerbung von Broder.

Zum Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, meinte Broder, dieser versuche vergeblich, die schwindende Bedeutung der Organisation mit ihren deutschlandweit rund 120 000 Mitgliedern durch taktische Allianzen und "sinnfreien Aktionismus" auszugleichen. "Der Zentralrat tritt als Reue-Entgegennahme-Instanz auf und stellt Unbedenklichkeitserklärungen aus, wobei es weder nach oben noch nach unten eine Schamgrenze gibt." Als Präsident wolle er sich dafür einsetzen, dass die Holocaust-Leugnung nicht mehr strafbar ist, so Broder. Außerdem würde er als Präsident des Zentralrats auch die Beziehungen zu jenen Muslimen suchen, die für eine strikte Trennung von Staat und Gesellschaft eintreten.

Vizepräsident Graumann sagte zu der Kandidatur: "Ich persönlich nehme das nicht so schrecklich ernst." Broder habe "jede Chance, gehört zu werden, aber er hat praktisch keine Chance, gewählt zu werden". Er sei ein "brillanter Polemiker, aber für den Posten des Zentralrats wäre er eine grandiose Fehlbesetzung". Möglicherweise wolle er mit seinem Artikel "einige wachrütteln, aber mehr wird daraus nicht werden". Die Kritik werde in den Strukturen des Zentralrats oder beim Personal nichts bewirken, sagte Graumann voraus. Die Wirkung in der Öffentlichkeit sei negativ, zumal die Kritik sehr ungerecht sei.

BM