Kutte, der Berufs-Neuköllner

Jetzt kommt Kurt. Ohne Helm und ohne Gurt. Einfach Kurt" Kennen Sie diesen Refrain noch?

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unser Autor Bernd Philipp trifft Berliner, die in der Stadt etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit dem Fernseh-Komödianten und Comedy-Preisträger Kurt Krömer

Jetzt kommt Kurt. Ohne Helm und ohne Gurt. Einfach Kurt" Kennen Sie diesen Refrain noch? Er stammt von Frank Zander, der vor gut 20 Jahren mit dem Lied "Jetzt kommt Kurt" seinen Rennfahrer-Freund Kutte Klein besungen hat.

Jetzt kommt (wieder ein) Kurt. Auch er ohne Helm und ohne Gurt, aber immerhin mit Hosenträgern. Die stammen aus der Zeit, als der Mann von Übergewicht seine Wampe noch nicht mit einem Boss-Gürtel einschnürte.

Treffen mit dem passionierten Hosenträger-Träger Kurt Krömer auf der Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, ganz in der Nähe von Universal Music.

Er braucht keine Pointe

Krömer braucht eigentlich keine Hosenträger, er hat keine Wampe. "Doch, doch", sagt er und zwickt demonstrativ in ein mühevoll zusammengeschobenes Speckröllchen, "kieken Se mal, so fängt det imma an." Noch darf man das als eine coole Wampe bezeichnen.

Die Oberbaumbrücke hat ja schon vieles und so manchen gesehen, aber so einen wie Kurt Krömer sicher noch nicht. Mit seiner Hornbrille, die aus dem Nachlass von Erich Honecker stammen könnte, und einem Outfit, das den Verdacht nährt, er hätte in einer besseren Berliner Wohngegend einen Rotkreuz-Kleiderbeutel aufgerissen, wirkt er wie ein Wesen aus einer fernen Zeit. Auf der Bühne sagt er gern: "Dieses Ensemble nennt man ,Rumänischer Nuttenpreller"."

Die Gesichter der Passanten erhellen sich, wenn sie ihn sehen, dabei macht er nichts - er ist einfach nur da. "Bei mir lachen die Leute auch ohne Pointe", sagt er. Man erlebt das auch bei seinen Auftritten: Sein bloßes Erscheinen versetzt die Gemeinde in einen kollektiven Frohsinnsrausch. Kommt Kurt, ist Party. Und da hat er noch kein Wort gesagt.

Kurt Krömer ist Kult, irgendwo angesiedelt zwischen Kabarett und Comedy, oder vielleicht auch ganz woanders. Ist nicht so wichtig. Er krömert sich jedenfalls mit seiner gespielten Verklemmtheit, Ahnungslosigkeit und Frechheiten aus der Wortkanone durchs Leben, hat sich quasi selbst erfunden. Oder sagen wir mal so: Er ist der Mann mit der Lizenz zum Krömern.

Natürlich heißt er nicht Kurt Krömer. Kein Mensch Anfang dreißig heißt heute Kurt. Sein richtiger Name ist Alexander Bojcan, seine Vorfahren stammten aus Böhmen und Mähren.

Krömer hieß einer seiner Lehrer, "und der Name Kurt hat mir einfach gefallen, weil ich niemanden in meinem Alter kannte, der Kurt hieß. Außerdem hat mich das Doppel-K gereizt, ,KK"! Dachte dabei an Donald Duck, Micky Maus und Boris Becker ... Inzwischen steht Kurt Krömer auch in meinem Pass, kann unter diesem Namen sogar am Flugschalter einchecken." Ich will mit KK nun unsere Spazierstrecke absprechen, aber er weist gleich darauf hin: "Ich habe mir im Schlaf eine Zerrung im rechten Oberschenkel zugezogen. Besser, wir gehen zurück zu Universal und setzen uns da gemütlich hin ..."

Sportlich betätigen? Nein, danke!

Ich glaube ihm natürlich kein Wort und vermute einfach, dass ihm ein paar Laufgene fehlen, zumal er mir noch anvertraut: "Sport war für mich in der Schule ein reines Ekelfach. Es ist einfach absurd, an Ringen einen Klimmzug zu machen, Metallstangen hochzuklettern oder über sperrige Barren zu hüpfen. Wenn beim Sportunterricht zwei Mannschaften gebildet wurden, war ich immer der, der übrig blieb. Ich wurde dann als Draufgabe der stärkeren Mannschaft zugeteilt, weil ich da weniger Schaden anrichten konnte ..."

Unglaublich eigentlich, dass er heute auf der Bühne vor seinem Publikum wie ein Jack-Russell-Terrier hin- und herspringt, dass sogar die Zuschauer "schwitzen wie Sau" (Krömer). Überhaupt war die Schule nicht so sehr sein Ding ("Schule ist nichts für Coole"). "In der 10. Klasse", erinnert er sich, "habe ich jeden Tag eine Strichliste bis zum Ende geführt, wie einer im Knast, der nur noch an den Tag seiner Freilassung denkt. Eine ehemalige Lehrerin von mir gab mal einer Obdachlosenzeitung ein Interview und erzählte, ich hätte unter großem Applaus des Lehrerkollegiums die Schule verlassen."

Natürlich bekam er nicht immer so viel Beifall. Bevor er im Pantheon obskurer Hohlheit ankam, gab es die mageren Jahre. "Im Theatersaal der Ufa-Fabrik gingen 250 Leute rein, aber zu meiner Vorstellung kamen gerade mal 20. Wir haben dann ganz schnell 230 Stühle rausgetragen - und waren bis auf den letzten Stuhl besetzt, also ausverkauft ..." (wie übrigens auch sein gerade zu Ende gegangenes Gastspiel bei den Wühlmäusen am Theodor-Heuss-Platz, wo man allerdings keinen Stuhl raustragen musste, sondern noch jede Menge hätte dazustellen können.)

Aller Unfug ist bekanntlich schwer, und vielleicht war es schon lebensprägend, dass der Professor, der im Krankenhaus Neukölln als Geburtshelfer agierte, Wunderlich hieß. "Find ick noch heute komisch", sagt Krömer, "der erste Mensch, den ick zu sehen bekam, hieß Wunderlich. Kann ja keen Zufall jewesen sein ..." Auf jeden Fall kein Wunder war es, dass der Neuköllner, der mit seinen Eltern einige Zeit am Herrfurthplatz wohnte und mit 16 die Schule schmiss, sich in seiner Einzelhandelskaufmannlehre als Herrenausstatter bei Karstadt am Hermannplatz nicht sonderlich wohlfühlte und nach nur einem Jahr der Modewelt den Rücken kehrte. Ein herber Verlust für die Branche, aber unvermeidbar. "Ich habe mir meine Kollegen angeguckt und wusste, wie ich in 30 Jahren aussehen würde. Das gab den Ausschlag. Danach habe ich mich als Hilfsarbeiter bewährt, alles, was man so macht: Tellerwäscher, Baustellen-Hiwi, Tierpflegergehilfe im Zoo, Blutspender usw." Letzter Versuch, in eine bürgerliche Berufswelt einzutauchen, war ein Seminar als Vorstufe zum Beginn einer Lehre als Hotelkaufmann. Es sollte einfach nicht sein.

Die Eltern begannen sich zu sorgen ("Was soll aus dem Jungen bloß mal werden"). Zuvor war die Familie, die zwei Jahre lang in einem kleinen Ort bei Heidelberg lebte, nach Berlin zurückgezogen.

Opfer von Provinzmobbing

"Eine schlimme Zeit war das in Wessiland", erinnert sich Krömer. "Die waren ja alle da sehr katholisch, und irgendwie passten wir da nicht hin. Mein Vater war so ein richtiger 68er mit langen Haaren und einem Sticker der Alternativen Liste an der Joppe. Das sah man dort nicht gern. Zumal wir uns sonntags auch nie in der Kirche blicken ließen. Wer da auffiel, war schon rausgefallen aus der Gemeinschaft. Und konnte erleben, dass man beim Bäcker nicht rankam, reines Provinzmobbing."

13 Jahre war er da alt, "ein etwas dickliches Kind, heute würde man sagen, ,leicht adipös". Wurde in der Schule als ,doofer Berliner" gehänselt, und manchmal gab es auch Prügel. Aber ich habe mich gewehrt - nicht mit meinen Fäusten, sondern mit meiner großen Schnauze. Ich habe sie alle kurz und kleingeredet ..." (macht er ja noch heute). Als er im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Comedy-Preis ausgezeichnet wurde, bedankte er sich brav bei seinen Eltern: "Sie haben mich nie geschlagen. Det haben immer die Nachbarn jemacht!"

Ich laufe mit dem "schwer verletzten" Kurt die Stralauer Allee entlang. Beim Erzählen hat er die angebliche Zerrung im Bein offenbar vergessen. Die wundersame Heilung eines wundersamen Mannes?

Auf dem Gelände von Universal Music steht eine Plastik, die vor knapp 20 Jahren die Gemüter der West-Berliner erregte, als der Kurfürstendamm 1987 aus Anlass des 750. Stadtjubiläums Berlins zum "Skulpturen-Boulevard" wurde. Neben dem einbetonierten Cadillac von Vostell am Halensee sorgte damals vor allem jenes schwer zuzuordnende Gewusel von Einkaufswagen gegenüber vom Café Kranzler (selig) für Aufregung. Über nichts können sich die Berliner ja so schön aufregen wie über Kunst. Kurt Krömer steht etwas ratlos vor dem Werk und meint: "So wat muss eenem erst mal einfallen, wa?" Das trifft in gewisser Weise ja auch auf ihn selbst zu. Was er auf der Bühne treibt, hat keiner vor ihm gemacht. Is allet "Made by Kutte". In seiner Kurt Krömer Show stehen prominente Gäste bei ihm Schlange. Manche wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Auf eine Frage wie "Bald ist Weihnachten. Wie finden Sie das?" ist nicht jeder eingestellt. Mit der Simplizität krömischer Fragekunst hadern vor allem Politiker. Sie, die sonst vor laufender Kamera uns in gestanzten Sätzen die Welt erklären, kommen bei dem Spontifex gelegentlich ins Schleudern. Krömer ist eben nicht Christiansen, bei der die Gäste ihre eigenen Fragen mitbringen und wortreich gleich beantworten dürfen. Einmal soll ein offenbar nervöser Gregor Gysi vor seinem Auftritt bei Krömer in der Garderobe auf und ab gegangen sein und immer wieder die Worte "Ich glaube, ich bin hier auf der falschen Baustelle" vor sich hingebrabbelt haben. Aber so ist das nun mal bei KK: Der Falsche ist immer richtig und für Lacher gut. Seine Gäste kriegt Krömer vor der Sendung nicht zu sehen.

Fan von Didi Hallervorden

"Ick finde es albern, wenn sich zwee Leute in der Sendung begrüßen, die sich schon vorher zwee Stunden lang unterhalten haben." Und worüber kann er selbst lachen? "Bei Hape Kerkeling könnte ick ma einpullern, so jut find ick den", sagt Krömer, der als Kind schon Fan von Didi Hallervorden war und sich von Papa aus der Videothek alle Filme von Louis de Funès mitbringen ließ.

"So ein Film hat bei uns Stunden gedauert, weil wir andauernd die Stopp-Taste gedrückt haben, um die lustigsten Szenen nachzuspielen. Mein Vater hat am liebsten Western jeguckt, aber an mir ist das Genre vorbeijeritten. Ick mag Western bis heute nicht."

Eine Frage bewegt die Krömer-Fans immer wieder: Wie ist der Kurt so privat? "Na, janz normal. Wie auf der Bühne. Ick bin übrigens 'n richtiger Familienmensch. Manchmal laden Mama und Papa sonntags zu Kaffee und Kuchen ein, dann sind auch noch Onkel und Tanten da. Wenn ick komme, erzählt mir jeder, dass er mich gerade irgendwo im Fernsehen jesehn hat, aber das war's denn auch. Dann sind se wieder bei ihren Krankheiten, und wenn ick gehe, drückt mir Mama noch den Müllbeutel in die Hand."

Und was sagt seine Freundin zu seinem modischen Outfit? Krömer: "Na, bejeistert isse nich, wie sich denken lässt. Ick loofe zu Hause jenauso rum wie bei der Arbeit. Koof mir Hosen immer 'ne Nummer größer, weil die so schön bequem sind. Gürtel hab ick überhaupt nich. Sag immer: Nicht ohne meine Hosenträger! Wenn wir mal privat eingeladen sind, ist det meiner Freundin schon mal peinlich, wie ick so rumloofe. Ick bleibe authentisch ..."

Der Mann, der so wunderbar die dämliche Berliner Flitzpiepe gibt und den die "Süddeutsche Zeitung" schon als Nachfolger von Harald Schmidt handelt, gilt im Fernsehen als personifizierte Zukunft. Die ARD strahlte gerade "Bei Krömers" aus. Bis Ende November ist er auf Tournee in Deutschland. Seit vier Tagen im Handel: seine Live-DVD mit dem eindringlichen Titel "Na, du alte Kackbratze" (die "Kackbratze" ist nicht nur in Neukölln ein Ausdruck liebevoller Wertschätzung). Kochen kann Krömer, der handwerklich nicht unbegabt ist, nicht. "Ick bin da eher Rumsteher und Zugucker. Und mach danach die Küche sauber. Liegt vielleicht an meiner Vergangenheit als Hilfsarbeiter." Wir sind jetzt im Restaurant von Universal Music. "Schade, dass wir schon hier sind", sagt Krömer, "ick wäre gern noch ein Stück jelaufen." Alte Kackbratze!