Vor knapp fünf Jahren, am 30. September 2005, druckte die dänische Tageszeitung "Jyllands Posten" zwölf Zeichnungen, die sich mit dem Propheten Mohammed und seiner Rolle in der islamischen Welt auseinandersetzen sollten. Emblematische Berühmtheit hat aber nur die des heute 75-jährigen Zeichners Kurt Westergaard erlangt. Sie zeigt Mohammeds Kopf mit einem Turban, an dem eine Lunte glimmt.

Wie jede anspruchsvolle künstlerische Darstellung lässt die Karikatur durchaus verschiedene Interpretationen zu. Ist Mohammeds Haupt selbst die Bombe, ist er der Urvater aller Selbstmordattentäter? Oder wird er, dem der explodierende Sprengsatz ja den Kopf wegreißen würde, seinerseits Opfer - jagt sich der Islam durch den in seinem Namen begangenen Terror also selbst in die Luft? Beide Deutungen haben etwas für sich. Die islamistischen Terroristen berufen sich, ob man das nun gerne hören mag oder nicht, nun einmal auf die Botschaft des Koran. Die mit Abstand meisten Opfer ihrer Massenmordaktionen jedoch sind - von Irak bis Afghanistan und Pakistan - selbst Muslime, die an die Worte des Propheten glauben

Für solche Spielräume der Interpretation seiner simplen Zeichnung haben jene, die Kurt Westergaard bis heute nach dem Leben trachten, jedoch keinen Sinn. Und leider auch nicht großen Teilen der westlichen Öffentlichkeit, die darin reflexhaft nur die "Provokation" gegenüber "den Muslimen" sehen will. Dabei hatte es ein viertel Jahr gedauert, bis die Jyllands-Posten-Karikaturen Anfang 2006 zum Anlass hasserfüllter Kampagnen und Massendemonstrationen in islamischen Ländern, von Boykottaktionen und Gewaltandrohungen nicht nur gegen ihre Urheber, sondern gegen Dänemark insgesamt wurden. Kaum jemand hatte sich bis dahin von ihnen beleidigt gefühlt, ja von ihrem Abdruck auf den Seiten eines Provinzblattes in einem kleinen europäischen Land überhaupt gewusst. Gesteuert durch islamistische Organisationen und islamische Regime, die darauf ihr propagandistisches Süppchen kochten, avancierte der "Karikaturenstreit" zum casus belli im vermeintlichen "Kampf der Kulturen".

Kurt Westergaard, 1935 in einem kleinen Dorf in Dänemark geboren und unter, wie er sagt, "christlichen Fundamentalisten" aufgewachsen, zahlt für diesen Wahnsinn bis heute den höchsten persönlichen Preis. Denn anders als die meisten der anderen Zeichner der Mohammed-Karikaturen, weigerte sich Westergaard, vor den Todesdrohungen islamistischer Fanatiker in Deckung zu gehen und sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Er zeichnete weiter, auch als Illustrator für ein islamkritisches Buch. Erst recht lehnt er jede Entschuldigung für seine angebliche Untat ab. "Ich bin zu alt und zu starrköpfig, um mich noch zu beugen", sagt er.

Dass man ihn bis an sein Lebensende verfolgen wird, darüber macht er sich keine Illusionen. Sein Leben ist jetzt wohl für immer bestimmt durch ständigen Polizeischutz und häufigen Wohnungswechsel. Am Neujahrsabend dieses Jahres wäre es fast so weit gewesen. Ein junger Attentäter somalischer Abstammung drang mit einer Axt in sein Haus ein. Westergaard konnte sich im letzten Moment in seinem Badezimmer einschließen und von dort aus per Alarmanlage die Polizei verständigen, die den auf die Badezimmertür einschlagenden Angreifer überwältigte. Im Wohnzimmer hatte unterdessen schutzlos seine fünfjährige Enkelin gesessen.

Dabei eignet sich kaum jemand weniger zum Kulturkrieger als Kurt Westergaard. Bis sein Leben die fatale Wendung nahm, führte er das Dasein eines künstlerisch-anarchistischen Freigeistes, der eher im politisch-kulturell linken Spektrum zu Hause war als unter jenen "Rechtspopulisten", denen ihn voreilige Kommentatoren gerne zuschlagen. Erst im Alter von 50 Jahren hat Westergaard beschlossen, Zeichnen zu seinem Beruf zu machen. Zuvor hatte er als Lehrer für Deutsch, Englisch und Kunsterziehung gearbeitet. Aus der "geistigen Freiheitsberaubung", als die er die Atmosphäre im dörflichen Umfeld seiner Kindheit empfand, war er als junger Mann durch Reisen, auch an "verfemte" Orte wie Havanna, Tirana und Moskau, entkommen. Eine Zeit lebte er in einer "antiautoritären" Kommune.

Auch heute ähnelt Westergaard in seiner Erscheinung eher einem ironischen, Bohemien. Einmal freilich hat sich Westergaard dazu hinreißen lassen, vor einem Kongress der rechspopulistischen Dänischen Volkspartei zu sprechen und sich als Helden feiern zu lassen. Das bereut er heute. Er habe es "aus Enttäuschung" getan darüber, dass sich viele seiner linken Freunde - wie auch weiten Teilen der liberalen dänischen Öffentlichkeit, denen der Preis für die Verteidigung der Meinungsfreiheit plötzlich zu hoch erschien - von ihm abgewandt hatten. Wenn er nicht bereit sei, sich bei "den Muslimen" für seine angebliche Blasphemie zu entschuldigen, müsse er sich die Folgen selbst zuschreiben - das habe er sich oft anhören müssen.

Stigmatisierter Einzelgänger

Und dies vielleicht das Bedrückendste. Westergaard ist zwar nicht der Erste, der sich in seinem eigenen Land vor dem mörderischen Zorn islamischer Eiferer zu einem Leben als stigmatisierter Einzelgänger und öffentliches "Sicherheitsrisiko" verdammt wird. Der britische Schriftsteller Salman Rushdie, der Anfang der 80er-Jahre wegen seines Romans "Die satanischen Verse" mit einer tödlichen Fatwa belegt wurde, konnte sich aber zumindest noch der massiven Unterstützung und Solidarität namhafter europäischer Intellektueller gerade auch der Linken sicher sein.

Die bedrohten dänischen Karikaturisten wurden jedoch vom Gros der geistigen Elite von Anfang an unter den Verdacht gestellt, sie hätten durch ihre "Provokation" Muslime gezielt demütigen wollen. Nun kann man über die Qualität der einen oder anderen Jyllands-Posten-Zeichnung gewiss geteilter Meinung sein. Keine noch so geschmacklose Karikatur kann in einem Rechtsstaat aber auch nur die entfernteste Rechtfertigung für Gewalt liefern. Der "Karikaturenstreit" ist so zu einem Testfall für die Widerstandbereitschaft nicht nur der dänischen, sondern der gesamten westlichen demokratischen Öffentlichkeit gegenüber den Einschüchterungsversuchen totalitärer Ideologen geworden, die sich hinter dem Argument "religiöser Sensibilität" verstecken. Angesichts der Desolidarisierung gegenüber Individualisten wie Westergaard fällt dieser Test bisher nicht sehr ermutigend aus.

Auch in Deutschland tut man sich schwer, ihm den Rücken zu stärken. Unter fadenscheinigen Vorwänden lud das ZDF ihn im Frühjahr wieder aus der Talk-Show "Lanz", aus, nachdem ihm seine Teilnahme schon zugesagt war. Nach heftiger öffentlicher Kritik kam es im Mai dann doch zum Fernsehauftritt. Einem überforderten Unterhaltungs-Talkmaster, der ihn mit angestrengt "kritischen" Fragen über seine vermutete Islamfeindlichkeit konfrontierte, musste Westergaard dort geduldig erklären, dass er alles andere als ein "Rassist" sei - und schließlich des Öfteren auch schon die christlichen Kirchen satirisch aufs Korn genommen habe. So zeichnete er Jesus, wie er im Armani-Anzug vom Kreuz steigt. Auch das, so Westergaard, habe für einigen Ärger gesorgt. "Nur bedroht hat mich dabei keiner." Und nach einigen Tagen war die Aufregung auch schon wieder vorbei, wie es in offenen westlichen Mediengesellschaften eben so üblich ist. Nur das mit der Mohammed-Karikatur, das wird für Kurt Westergaard wohl nie mehr vorbeigehen.