Aber dann verlockte mich eine Aufschrift, die ich noch nie bewusst wahrgenommen hatte: "Café Keese - Ball Paradox". Die Tür stand offen, davor Herren im vorgerückten Alter, so korrekt gekleidet, wie man sich früher zu einem "Kaffee-Nachmittag" angezogen hatte.

Eine Sekunde dachte ich daran, dass ich keine Krawatte anhatte, aber die Neugier siegte.

Heraus aus dem hellen Nachmittag, hinein in den schummerigen, erstaunlich großen Tanzpalast. Es ist voll, fast alle Tische besetzt. Zweier- und Dreiergruppen von Damen überwiegen, die Herren sind in der Minderzahl. Graues und weißes Haar wird hier stolz getragen. Große Nummern an jedem Tisch, darunter Telefone. Am Tresen finde ich Herrn Ludwig, den Chef. Ich frage ihn nach dem Sinn des Begriffs "paradox".

"Wir leben ja von der Damenwahl-Idee", sagt er und zeigt auf die Bühne, wo über der Band ein rotes Zeichen leuchtet. Das "D" der Damenwahl ist Teil eines Neon-Herzens. Herr Ludwig will das mit der Damenwahl "nicht so verbissen sehen". Das sei die Tradition - wie Tapeten, Farben, Stühle. 1948 wurde das erste "Café Keese" in Hamburg gegründet, 44 Jahre gibt es dieses hier in Berlin.

Über der Tanzfläche dreht sich jetzt die Kugel, die korrekten Herren schwenken behände die Damen in den geblümten Sonntagskostümen.

Ich gerate in eine Dreiergruppe, schimmernd zwischen türkis- und malvenfarben. Man kennt sich im Saal: "Allerhand Freundschaften sind entstanden, es kommen auch viele Pärchen, die sich hier kennengelernt haben." Eine Rundliche aus Brandenburg: "Damenwahl? "Das habe ich früher auch nicht gemacht, ich hatte immer genug Tänzer!" Ihre Nachbarin realistisch: "Viel Männer gibt's ja nicht, wen soll man auffordern?" Sie kommt trotzdem gern, obwohl die Kinder sagen: "Oh! Du in deinem Alter!" Eine Uralte vom Typ Adele Sandrock schleudert mir mit Abscheu das Wort "Rock 'n' Roll" hin. "Gehopse, Gymnastik, was war da einst der English Waltz so schön."

Der tunesische Ober ist seit 30 Jahren dabei. Das Ziel des Gründers, Liebes-Verbindungen zu stiften, sei doch zigtausend Mal aufgegangen. Ob fürs Leben oder drei Monate, das sei freilich eine andere Sache. Er bewundere die Frauen - ich solle am Montag kommen, da sei die jüngste 70, die älteste 98, eine vorzügliche Sängerin.

Vor dem Eingang sitzt eine elegische Ex-Blonde und schaut in den Sonnenschein. Sie sagt: "Man hat jedes Mal aufs Neue Hoffnung und fragt sich: Geht man, geht man nicht, vielleicht verpasst man ja das Richtige!"

Der Satz gilt fürs Leben überhaupt, nicht nur fürs "Café Keese".

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl