Angeblich fast zwei Millionen Menschen haben in ganz Frankreich gestern gegen die geplante Rentenreform gestreikt und demonstriert. Das behaupten zumindest die Spitzen der großen Gewerkschaften, die gemeinsam zu dem "nationalen Aktionstag" aufgerufen hatten. Traditionell ist das Zählen von Demonstranten in Frankreich jedoch eine Aufgabe, die niemand ordentlich beherrscht. In Paris etwa wollte die Gewerkschaft CGT gestern 130 000 Demonstranten gesehen haben. Die Polizei kam nur auf 47 000. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen.

Unstrittig ist jedoch, dass in beinahe allen französischen Städten Menschen auf die Straße gingen, um die Reformpläne von Nicolas Sarkozys Arbeits- und Sozialminister Eric Woerth zu protestieren. In Paris fiel etwa jede fünfte Metro und rund ein Drittel aller RER-Vorortzüge aus. Zahlreiche Flüge wurden gestrichen, die übrigen starteten zum Teil mit mehreren Stunden Verspätung. Rund ein Drittel aller Grundschullehrer sollen niemanden weitergebildet haben, ein Fünftel aller Beschäftigten legten bei den Pariser Verkehrsbetrieben und bei der Post die Arbeit nieder: Bei der staatlichen Eisenbahn SNCF war die Streikmotivation noch höher: 40 Prozent. Die staatlichen Radiosender boten ein Notprogramm. Zwei notorisch regierungskritische Komiker - Stéphane Guillon und Didier Porte - waren am Vortag gefeuert worden.

Nicolas Sarkozy selbst hat die Auseinandersetzung um die Rentenreform bereits als "Mutter aller Schlachten" bezeichnet. In ihr entscheidet sich, ob er das wichtigste Reformprojekt seiner Präsidentschaft durchsetzen kann. Dazu muss er sein Volk davon überzeugen, dass es zur Sanierung der Sozialkassen notwendig ist, sich von der trostreichen Perspektive zu verabschieden, bereits mit 60 Jahren in Rente gehen zu können.

Heute jedoch, davon ist zumindest Sarkozy überzeugt, sind derartige Wohltaten nicht mehr finanzierbar. Die Beitragsdauer soll deshalb erhöht werden, im Durchschnitt sollen die Franzosen künftig erst mit 62 Jahren in Rente gehen. Dafür werden Sie in der Regel 41 Jahre arbeiten müssen. Im Herbst soll die Reform vom Parlament verabschiedet werden.

Der Staatssekretär im Arbeitsministerium Laurent Wauquiez gab sich angesichts der Proteste nicht übermäßig beeindruckt. Er sagte dem Sender RTL: "Man hat gesehen, dass heute eine gewisse Beunruhigung zum Ausdruck gekommen ist, die Renten berühre nun einmal "etwas Intimes", sagte Wauquiez. Die Franzosen hätten jedoch "verstanden, dass die einzige wirkliche Sorge die ist, dass es irgendwann gar keine Rente mehr gibt, wenn wir nichts ändern." Tatsächlich veröffentlichte die - allerdings regierungsfreundliche - Zeitung "Le Figaro" eine Umfrage, nach der eine Mehrheit der Franzosen glaubt, dass eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit unumgänglich ist. François Chérèque, Chef - der größten Gewerkschaft CFDT - nannte die landesweiten Protestaktionen ein deutliches Signal und forderte Präsident Sarkozy auf, sich um das Recht der real arbeitenden Bevölkerung auf eine ausreichende Rente zu kümmern, anstatt um das Seelenheil eines überbezahlten Fußballstars.