Ihrer Kehle entquillt ein ironischer Koloratursopran, dem von Oper bis Ohrwurm nichts heilig ist. Unter ihr treiben gut gebaute, junge Körper in sechs Badewannen ihren Schabernack. Eine wortlose, aber ausdrucksstarke "Lustige Person" führt pantomimisch durch "Soap".

Was ist das? Das ist nicht mehr das gute alte Nummern-Varieté, es ist etwas Neues, eine Mischung aus Stummfilm-Slapstick und Tanztheater, Akrobatik und Zirkus, infantiler Wasserspritzerei, parodierter Erotik und surrealistischen Elementen. Es ist Unterhaltung für Menschen, in deren Köpfen schon viele Unterhaltungsbilder gespeichert sind. Es ist Show für die Generation Mausklick, der so viel an Popgeschichte bewusst ist, dass sie den didaktischen Conférencier entbehren kann. Es ist eine Bildergeschichte, reduziert auf Elemente, die jeder auf Anhieb versteht - und die dennoch nicht primitiv, sondern ziemlich intelligent ist.

Das Publikum: ganz international und quer durch die Generationen. Was es sieht und aus vollem Herzen belacht, ist eine Wiederbegegnung mit komischen Ursituationen aus dem kollektiven Weltgedächtnis. Auch die Musik aus dem Fundus der internationalen Popgeschichte ist so vertraut, dass sie alles mit allem zusammenbindet. Eine faszinierende Erfahrung: Im "Chamäleon" kann man der zukünftigen Weltgesellschaft über die Schulter sehen. Die Family of Man einmal nicht als Lern-, sondern als Lachgemeinschaft.

Wer denkt sich so etwas aus? In der Pause spreche ich mit dem Geschäftsführer Volker Brümmer.

Vor langer Zeit hat er "Verwaltungsfachangestellter im öffentlichen Dienst" gelernt. "By accident" ist er in Hannover ins Unterhaltungsgenre geraten, hat marode Varietés saniert, bis man ihn zum Neuanfang des "Chamäleons" nach Berlin holte. Was er heute macht, ist Show im Zeitalter der Globalisierung. Es hagelt Begriffe wie "Investment", "Win-win-Situation", "Produkt" und "Verwertungskette". Im Kern läuft es darauf hinaus, in Berlin Stücke zu produzieren, die auf Tournee gehen und von wechselnden Künstlern, sprachunabhängig, überall auf der Welt "gespielt" werden können.

Merkwürdiger Gedanke: Das alte, individuelle Varieté des "Blauen Engels" ist vorbei, für immer. Was davon zu retten ist, retten mittlerweile kluge Strategen, die mit Zahlen jonglieren und nicht mit Bällen.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl