Erfolgreich, edel und schön: Die zwei Landauer-Frauen

Berliner Spaziergang: die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Eine Begegnung mit Berlinern, die in der Stadt etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Model Marlene Landauer und ihrer Mutter Adele

Es war einmal ein armes junges Mädchen, das von aller Welt verlassen war. Aber es war gut und gab den Bedürftigen alles, was es besaß. Nach langen Wegen gelangte es spät in der Nacht in einen Wald, und wie es so dastand, da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel - lauter blanke Taler und viel mehr. Wie durch ein Wunder hatte es auf einmal die schönsten Kleider an...

Der vorangestellte Text ist eine Bildunterschrift in dem Magazin "Léonce", das, zugegeben, nicht im Wartezimmer des Hausarztes ausliegt. "Léonce" ist eine Fachzeitschrift, die sich um "Shopping", "Styling", "Dining" und "Living" kümmert. In einer der letzten Ausgaben sehen wir auf dem Titel Marlene Landauer.

Sie hat Augen, die einen in den Abgrund ziehen können. "Das schöne Mädchen von Seite 1" - kennen wir doch noch alle von Howard Carpendale - ist die Durchstarterin des Jahres. Gerade mal 19 Jahre alt, hat sich das Berliner Kind eine beeindruckende Erfolgsbilanz "erlaufen" - als Model und als, wie die Gazetten mit den griffigen Formulierungen gern schreiben, "neue Muse von Karl Lagerfeld" (darüber reden wir noch!).

Wir laufen durch den Schloßpark Klein-Glienicke unweit der Glienicker Brücke, wo sich einst die Welt geteilt hat in Gut und Böse und wo entsprechend gute und böse Spione ausgetauscht wurden. Josef Peter Lenné hat den Park, Karl Friedrich Schinkel das Schloß erschaffen. Es riecht nach Buchsbaum, was einen an einen Friedhof denken läßt, obwohl die Sonne brüllt und jeder Flaneur in "Jetzt wird es endlich Frühling"-Stimmung ist.

Ich spaziere mit Marlene und ihrer Mutter Adele Landauer. Sie ist Schauspielerin und hat ein Gesicht, das im Feuilleton gern "Antlitz" genannt wird. Es ist nicht von materieller Not geprägt und edel. In einer Fernsehserie war sie Baronin Charlotte von Frankenberg. Das hatte Klang - wie der Name Landauer, mit dem man ein besonders nobles Gefährt verbindet. Mit dem Namen Adele Landauer verbinden die Bosse aus Politik und Wirtschaft auch noch dies: Hoffnung. Vor allem jene, die besser "rüberkommen" wollen. Adele Landauer ist sozusagen eine lebende SOS-Anlaufstelle für Macher, die noch mehr machen wollen. Bei ihr kann man perfektes Sprechen, Körperbeherrschung und medienwirksames Auftreten lernen. "ManageActing" heißt ihre Disziplin. Die Kunst, selbstsicher aufzutreten. Ist unter diesem Titel auch als Buch erschienen.

"Mach die Jacke zu, Kind", sagt Adele zu Marlene, "sonst holst du dir noch was weg." Und die antwortet: "Paß mal lieber auf dich selber auf."

Ist eine kleine Spitze. Die Mama hat gerade ihr Handy verloren und fühlt sich merkwürdig einsam. Handys verliert sie gern. Eins in Wien, eins in New York und jetzt eins in Berlin. Besonders ärgerlich, weil Mutter und Tochter gerade im Umzug stecken. Sie ziehen von Friedenau an den Schlachtensee. Und der Festnetzanschluß ist noch nicht installiert. Wenn jetzt Gerhard Schröder, Angela Merkel oder Guido Westerwelle ihre Hilfe in Sachen Coaching in Anspruch nehmen wollten...

Immerhin: Marlene hat ihr Handy noch. Es klingelt häufig. Sie zieht nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris um. Da gibt es viel zu klären. Hat sich einiges getan in letzter Zeit bei den Landauers.

Wir laufen Richtung Wasser hin zu den Arkaden, und Mutter Adele entdeckt einen "wunderschönen Männerpo". Der gehört zu einer Jünglingsstatue im Park. Beim Vorbeigehen bemerkt Tochter Marlene, daß die Vorderansicht des Nackten weniger imposant ist. Frauen lieben das Detail. Ein Fachgespräch, das wir nicht vertiefen wollen.

Ich lenke die Damen ab. "Wie könnte ich zum Beispiel bei meinem Chef besser rüberkommen?", frage ich Adele Landauer. Sie macht ein nachdenkliches Gesicht und schweigt. Ich frage nicht nach.

Zwei Karrierefrauen aus dem Osten. Marlene, geboren in der Charité und aufgewachsen in Friedrichshain und Schöneberg, die Mutter geboren in Neubrandenburg, aufgewachsen in Halle an der Saale.

Marlene - in der Modeszene als neues deutsches Top-Model gepriesen - hat zwei Väter. Einen "richtigen" und einen "ganz richtigen". Der "richtige" spielt im Leben der jungen Frau keine Rolle. Er hat sich nie um sie gekümmert. Sich nicht gemeldet zum Geburtstag oder zu Weihnachten. An ihn hat sie keine Erinnerung. "Da ist keine Liebe, kein Haß, keine Verbitterung, da ist nur Gleichgültigkeit", sagt sie. Und: "Ich habe ja einen Vater." Das ist der "richtige". Gottfried Vollmer, Schauspieler und inzwischen geschiedener Mann von Adele Landauer. Die Kleine war zwei Jahre alt, als die Ehe geschlossen wurde. "Er ist mein toller Daddy", sagt Marlene stolz. Ein Daddy kann viel mehr sein als ein Vater.

Wir laufen zur "Großen Neugierde", einem erhöhten Rundtempel in der südwestlichen Ecke des Parks. Von dort aus blicken wir über die Glienicker Brücke und über die Havel bis nach Potsdam und stehen neben rund 25 fotografierenden Japanern, die sehr glücklich wirken. "Da wurden damals die Spione ausgetauscht", erklärt die Mutter der Tochter, und die sagt: "Cool!" Ein Japaner nickt.

Jetzt will ich es wissen: Wie war das denn nun mit dem Sprung in die erste Model-Liga? "Vor zwei Jahren bin ich mit meiner Mutter nach Los Angeles geflogen", erzählt Marlene, "ich suchte einen Platz an einer Schauspielschule, was aber schwierig war. Dann saßen wir eines Tages in einem Café auf dem Sunset Boulevard, und da sprach mich eine Frau an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, als Model zu arbeiten. Ja, dann habe ich ein Test-Shooting gemacht - und dann hatte ich einen Vertrag, völlig irre."

Wurde aber alles noch irrer. In Berlin hatte sie als Schülerin der John-F.-Kennedy-Schule schon mal ein Jahr überspringen dürfen und mit 18 ihr Abitur gemacht. Zog dann nach Paris, um die Sprache zu lernen. Dann war sie gerade in Berlin und bekam einen Anruf ihrer Pariser Agentur: "Karl Lagerfeld möchte dich kennenlernen. Du mußt morgen in Paris sein." So war es. Mächtige Aufregung. Karl der Große war sehr freundlich. Er sagte "Marlene" und "Sie". Sie "Herr Lagerfeld".

"Alle sagen zu ihm Karl", erzählt Marlene, "aber ich nicht. Wenn er es mir anbietet, dann gerne. Hat er aber noch nicht gemacht." Überhaupt: Daß sie immer als neue "Lagerfeld-Muse" durch die Presse geistert, ist ihr eher peinlich, obwohl sie natürlich weiß, daß die Lagerfeld-Landauer-Kopplung ihrer Karriere nicht hinderlich ist. "Er soll doch bitte nicht den Eindruck bekommen, daß ich seinen Namen ausnutze."

In Kürze wird sie im "Stern" Millionen Augenpaare anlocken - als Model einer spektakulären Fotostrecke. Dort erscheint ein "Mode-Editorial" der Haute Couture, und Marlene wird in "Klamotten" von Chanel, Dior und Lacroix durch den Pariser Alltag schlendern. Mal im Bistro, mal in der Metro. Immer schrill geschminkt. Der englische Starfotograf Steve Hitte hat die Bilder gemacht. Es muß eben nicht immer Lagerfeld sein. Mutter Adele ist stolz auf "Marlenchen". "Sie ist doch erst 19", sagt sie, "was sie schon alles auf die Beine gestellt hat." Es sind aber auch verdammt lange Beine, 99 Zentimeter.

Wir verlassen jetzt die "Große Neugierde", und ich frage Marlene: "Was bringt die Zukunft? Wohin geht die Reise?" Sie antwortet: "Meine Reise geht nach oben." Ich bin sprachlos. "Wohin sonst?", legt sie nach. Ich habe diese Frage schon vielen Menschen gestellt, aber eine solche Antwort habe ich nie bekommen. Da reist jemand nicht irgendwo hin, sondern einfach nach - oben!

Adele, die Mutter, ist ja auch so ein Dynamo. Der Apfel fällt nicht weit vom Landauer. Wissen wir ja alle. Haben sich auch beide durchgeboxt. Adele war Absolventin der Schauspielschule Ernst Busch, hat Theater gespielt in Rostock und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), war "Maria Stuart", auch "Lady Milford". Bei einem West-Gastspiel hat sie sich in einen Regieassistenten aus Hannover verliebt und einen "Antrag auf Eheschließung mit Wohnungswechsel ins kapitalistische Ausland" gestellt. Für eine "Ausländerhochzeit", wie es damals hieß.

Leider: Der Prachtkerl aus dem Westen erwies sich im real existierenden Kapitalismus als Windbeutel ohne Schlagsahne. Die Beziehung zerbrach. Die erste Bleibe war im Schöneberger Nuttenkiez in der Nähe der Apostelkirche. Auf dem Spielplatz sammelte die kleine Marlene, so etwa zwei bis drei Jahre alt, Kondome und Spritzen aus der Buddelkiste. Da war er, der goldene Westen.

"Ich habe Hunger", sagt Marlene. "Ich auch", sagt Adele. Und wir laufen das bekannte Restaurant "Remise" an, um festzustellen, daß es montags und dienstags geschlossen hat. Fahrt Richtung Schlachtensee, Restaurant "Gabana". Marlene, das Model, bestellt größere Einheiten. Sie hat keine Gewichtsprobleme, wiegt 53 Kilo bei einer Körpergröße von 1,77. "Ich kann essen, was ich will", sagt sie, "habe noch nie eine Diät gemacht." Neid!

Adele Landauer hat auch keine Probleme mit dem Gewicht. Dick ist sie nur im Geschäft. Im "Karriere & Management"-Teil des Handelsblatts war kürzlich zu lesen: "Die blonde Frau ist die Ausstrahlung pur." Ihre Seminare seien Ereignisse, heißt es. Allerdings nicht zum Schnäppchenpreis zu buchen: Ein Seminar mit sechs Leuten kostet für zwei Tage pro Person an die 2000 Euro. Das Einzel-Coaching ist entsprechend teurer. Aber dafür kommt man vielleicht ins Bundeskanzleramt oder in die Vorstandsetagen großer deutscher Unternehmen. Es könnte sich rechnen. "Ich versuche, das verschüttete Potential meiner Klienten freizulegen. Jeder hat unglaubliche Ressourcen in sich, die man nach außen transportieren kann. Jeder ist verantwortlich für die Signale, die er nach außen sendet. Und jeder hat die Möglichkeit, so zu wirken, wie er eigentlich ist. Ein Lächeln macht das Leben leichter", meint Adele.

Menschen helfen, das Beste aus sich herauszuholen. Das ist ihr Auftrag. Wenn die letzten Umzugskartons ausgepackt sind, wird sie ein neues Projekt angehen. In Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Freund und Kollegen Hubert von Brunn arbeitet sie an einem Konzept für ein Fernsehformat. Dann kann sich die ganze Nation coachen lassen. "Wir wollen dazu beitragen, daß Menschen selbstbewußter werden und ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen. In Deutschland macht jeder jeden für irgend etwas verantwortlich. Nur nicht sich selbst. Vom Opfer zum Meister - das wäre es."

"Das hast du sehr schön gesagt, Mama", meint Marlene und bestellt sich noch ein zweites Dessert. Die Schauspielerei hat sie noch nicht ad acta gelegt. Mal sehen. Ein Drehbuch hat sie auch schon geschrieben. Die Hauptrolle soll ein Model spielen. Da böte sich ja eine ideale Besetzung an... Heidi Klum und Nadja Auermann sind ihre Vorbilder: "Beide unheimlich professionell und ganz natürlich, überhaupt nicht abgehoben."

Kinder will sie auch haben. Vielleicht in zehn Jahren. Heirat? Na klar. "Ich schätze, es wird einen Amerikaner treffen", sagt sie. Mama lächelt. Zur Zeit studiert Marlene an der Fern-Uni in Hagen Wirtschaftswissenschaft. "Man muß auch was für den Kopf tun, man weiß ja nie, wie es nach der Modelkarriere weitergeht." Eine Frage noch: Warum laufen Models auf dem Laufsteg eigentlich immer so komisch? "Tja", sagt Marlene, "das gehört halt zum Job, aber wir merken das gar nicht. Wenn wir loslaufen, sind wir wie in Trance, tauchen völlig ab."