- Tatsächlich war es eher umgekehrt.

Das zeigt ein Blick auf die seit 1990 enttarnten Stasi-Spitzel in West-Berlin - obwohl es außer drei Studien von Hubertus Knabe, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, keine systematischen Forschungen zur Unterwanderung West-Berlins gibt. Wie jetzt die Kurras-Akte tauchte 1999 ebenfalls durch Zufall eine 23-seitige Liste der Stasi-Bezirksverwaltung Berlin auf - mit 65 Spitzeln (IM).

Angestellte des Senat spionierten

Unter den Spitzeln mit Decknamen wie "Erler", "Sven Lucki" oder "Union" waren zwölf Mitarbeiter an West-Berliner Hochschulen, zwölf Angestellte des Senats und 19 Menschen, die in der Wirtschaft arbeiteten. Auch eine Rias-Journalistin war als Agentin verzeichnet (IM "Stola") und ein DGB-Funktionär (IM "Rainer Klaus").

Nicht von allen früheren Inoffiziellen Mitarbeitern sind Klarnamen bekannt - und bei manchen Stasi-Mitarbeitern, die man kennt, dürfen die Namen nicht genannt werden, weil Richter der Ansicht sind, derartige zeitgeschichtliche Aufarbeitung verletze die Persönlichkeitsrechte der früheren Spitzel.

Nennen kann man jedoch die Namen von Personen der Zeitgeschichte und von Spitzeln, die ihre Tätigkeit eingeräumt haben. Besonders seltsam ist der Fall des West-Berliner Bundestagsabgeordneten William Borm. Er hatte 1950 bis 1959 in einem DDR-Gefängnis gesessen - und verpflichtete sich dennoch, für die Stasi zu spitzeln. Borm war ein wichtiger Einflussagent des Ministeriums für Staatssicherheit in der FDP. Er starb 1987, bevor seine Nebentätigkeit auffliegen konnte.

200 000 Mark Agentenlohn

Auch der zeitweise stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Josef "Jupp" Braun war ein West-Berliner Stasi-Spitzel (IM "Freddy"), ebenso ein Pressesprecher der Partei namens Heinrich Burger (IM "Eisenstein"). Dieser wurde, wie berichtet, 1976 enttarnt und zu sieben Jahren Haft wegen Verrats verurteilt. Der Kreuzberger SPD-Bezirksverordnete Rainer Klebba spionierte als IM "Kleinert", der Berliner Abgeordnete Bodo Thomas (SPD) unter dem Decknamen IM "Hans" und die Schöneberger SPD-Kommunalpolitikerin Barbara Gollwitzer-Evans als IM "Birgit".

Auch auf die West-Berliner CDU hatte die Stasi Spitzel angesetzt - etwa einen IM "Robert", über den nichts Weiteres bekannt ist. Der Charlottenburger Kommunalpolitiker Harald Müller (CDU) übergab als IM "Herbert Hildebrandt" über 30 Jahre lang Informationen und denunzierte Fluchthelfer; sein Agentenlohn soll bei über 200 000 Mark gelegen haben. Hinzu kamen gleich zwölf Orden. Immerhin drei Auszeichnungen und 100 000 DM verdiente sich der Spitzel IM "Zady" alias Günter Schmidt zwischen 1954 und 1989. Seines Verrats wegen saß eine fluchtwillige Frau vier Jahre in Haft - Schmidt kam mit zwei Jahren auf Bewährung und 30 000 DM Geldstrafe davon.

Ebenfalls bespitzelt wurden West-Berliner Medien - zum Beispiel durch Karl-Heinz Maier (IM "Comet"), der lange Jahre den Vorsitz bei der Berliner Pressekonferenz führte. Ein anderer Fall ist Karl-Heinz K., früher Mitarbeiter der "Abendschau" und der Berliner Morgenpost. Er kassierte im Laufe der Jahre 85 000 DM Agentenlohn.