Missbrauch

Tochter beschuldigt "Konkret"-Gründer Röhl

Anja Röhl hatte Angst. Eine Angst, die, wie sie schreibt, sie erstarren ließ, ihr Gehirn ausschaltete und die Zeit stillstehen ließ. Aber die heute 55-Jährige, Stieftochter der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, hatte keine Furcht vor Schmerz oder Gewalttätigkeiten. Ihre Angst ist eine vor "sexualisierter Zärtlichkeit".

Es ist ein seltsames Wort, was die Tochter des Publizisten Klaus Rainer Röhl benützt, um das zu beschreiben, was ihr Vater ihr beigebracht habe. Sexualität wird durch diese Wortwahl zu etwas, das bedrohlicher, grausamer und leidvoller wirkt als Schmerz und Gewalttätigkeit. Sex wird zu einer Waffe. Klaus Rainer Röhl habe sie gegen das eigene Kind gerichtet. Seit Anja Röhl noch ein ganz kleines Mädchen war, über Jahre hinweg, bis zu ihrem 14. Lebensjahr. So steht es in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Stern" zu lesen.

Zeugnis einer enttäuschten Tochter

Anja Röhl hat sich Luft gemacht. Sie hat aufgeschrieben, wie ihr Vater sie missbraucht habe, wie er sie begehrt habe. Die Fünfjährige "einzige Frau, meine Liebste" nannte, sie küsste und an ihrem Rücken onaniert habe. Es ist ein ergreifender Text geworden, gerade weil er nicht voyeuristisch ist oder gegen den Vater hetzt. Es ist ein trauriges Zeugnis einer enttäuschten Tochter. Der Vater war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Der Skandal um Pädophilie und Päderastie, der in den Achtzigerjahren bereits das linke Milieu beschäftigte, ist damit über den Umweg über katholische Geistliche, Reformschulen und die Ideen, was sexuelle Revolution so alles bedeuten könnte, wieder mitten im linken Milieu angekommen. Gerade kursiert ein Video bei YouTube mit dem Titel "Kinderschänder Cohn-Bendit (Grüne)". Es zeigt den Politiker, wohl 1982, in einer französischen Talkshow - und wie der damalige Kindergärtner von dem erotischen Spiel mit einer Fünfjährigen schwärmt. Im April hat sich die "Tageszeitung" mit ihrer eigenen Vergangenheit zu diesem Thema beschäftigt. Sie dokumentierte, wie sie unter dem Titel "Pädophilie: Verbrechen ohne Opfer" im November 1979 das pädophile Manifest von "taz"-Mitarbeiter Olaf Stüben unter der Überschrift "Ich liebe Jungs" veröffentlicht hatte. Sie diskutierte, wie die Pädophilie "zeitweise salonfähig" werden konnte. Der Name des "Konkret"-Gründers Klaus Rainer Röhl fiel nicht.

"Als sie diesen Text las, da hat sich bei Anja Röhl ein Pfropfen gelöst", sagt Arno Luik, Autor des "Sterns". Dass Klaus Rainer Röhl nicht genannt wurde, habe etwas in ihr losgetreten. Sie kontaktierte Luik und bot ihm ihre Geschichte an. Seit Jahrzehnten habe sie versucht aufzuschreiben, was ihr Vater getan habe, habe aber nicht die Worte gefunden. Es sollte keine Kampagne gegen den Vater werden, sie will nicht in Talkshows auftreten. "Es geht ihr primär einfach um die eigene Geschichte", sagt Luik. Warum sie an die Öffentlichkeit ging? Röhls Begründung gegenüber Luik: "Mein Vater hat in der Öffentlichkeit Pädophilie propagiert, jetzt soll er auch in der Öffentlichkeit erfahren, was er mit seiner eigenen Pädophilie bei seinem Kind angerichtet hat."