Hamburg/Berlin - Zuschlagen und treffen, darum geht es. Aber nicht nur. Die Rechte! Max Schmeling verdankt seine Siege seiner rechten Hand, die treffsicher, schnell und mit ungeheurer Kraft ausgestattet war. Doch ein guter Boxer ist nichts ohne seine Deckung. Und so hat Max Schmeling, der sich sein Leben lang aufrecht hielt, am Ende noch eine überraschende Verteidigung erlaubt, indem er sich ein bißchen duckte.
Am Mittwoch ist Schmeling in seinem Haus in Hollenstedt gestorben, 99 Jahre alt, streng zurück gezogen aber unvergessen. Und schon am Freitag morgen, bevor die Kunde in die respektvoll erschütterte Nachwelt hinaus ging, wurde Max Schmeling auf dem Friedhof in Hollenstedt beerdigt, ganz im Stillen, neben seiner Frau Anny Ondra. Schmeling lebte ein Leben mit der Öffentlichkeit, am Ende war es ihm zuviel, er hat sich dem großen Pomp entzogen. Dem Trauerzug. Den Fotografen. Dem Lärm. Selbst im Tod noch einen Sieg davon tragen, das gelingt nur wenigen.
Das lange Leben des Max Schmeling ist eine Erfolgsgeschichte, in der sich viel konzentriert, was Deutschland ausmacht. Schmeling verkörpert deutsche Tugenden aus dem Geist des Protestantismus: Standhaftigkeit, Bescheidenheit, Wille, und er ist zugleich ein modernes Idol der Öffentlichkeit, das sich mit viel Geschick selbst in Szene, aber auf eine Art, die von der Inszenierung heutiger Helden unendlich weit weg ist. Er hat dem Sport mehr gegeben als nur Siege.
Schmeling ruhte in sich, ein tadelloser Mann ohne Allüren, der die politischen Systeme beinahe unberührt durchwandert und stets seinen Beitrag leistet. Wie eine Wunschfigur aus der Vergangenheit, die noch lange in der Zukunft Vorbild sein wird. Der jugendliche Schmeling der Weimarer Jahre, der Vorzeigedeutsche der Nazizeit, der Soldat, der Mann, der 1945 mit leeren Händen anfängt, der Tatkräftige des Wirtschaftswunders.
Fast 70 Jahre ist die große Nacht schon vorüber, doch noch immer wird die Geschichte erzählt. Schmeling gegen Joe Louis, den Unbesiegbaren, den braunen Bomber. Es war kein Weltmeisterschaftskampf an diesem 19. Juni 1936, das wird meistens verwechselt. Doch die Bilder, die es gibt, sind großartig. "Er hatte einen Stil, der mir nicht lag. Seine Linke hielt er pfahlartig vorgestreckt", schrieb Joe Louis später, "seine rechte Hand lag ständig in lauernder Bereitschaft." Beide Boxer verausgaben sich, schlagen aufeinander ein. In der zwölften Runde geht Louis zu Boden, kurz vor dem Gong. Schmeling weint und lacht. Louis muß getragen werden. Und auch damals schreit ein enthusiastischer Radiomoderator "Der Kampf ist aus!" Es war in Deutschland morgens um drei Uhr. "Aus! Aus, aus, aus!"
Der Sport mobilisiere heute einige Millionen mehr als zu seiner Epoche, hat Schmeling selbst im Nachhinein gesagt. Aber die totale Identifikation des Mannes von der Straße gebe es nicht mehr. Die Massen fieberten mit Radfahrern und Rennfahrern. Sie saßen an billigen Radios und hörten mitten in der Nacht Boxkämpfe. Schmelings große Zeit ist die beginnende Radio-Zeit, ein neues Medium für einen jungen Sport, Schmeling füllte die Hallen und die Wohnzimmer.
Und er begeisterte alle Gesellschaftsschichten. Die Intellektuellen liebten Schmeling, der mit seinem kühlen, berechnenden Stil für das klassische Ideal des Faustkämpfers stand. Mitte der zwanziger Jahre wurde der junge Max Schmeling schon zum Idol, weil er die neue Jugend verkörperte, die anders war als die Generation der geschundenen, verkrüppelten, gedemütigten Kriegsteilnehmer.
Schmeling wurde von George Grosz als Typus gemalt. Schmeling wurde in Stein gehauen. In Texten und Gedichten beschwärmt. Und immer wieder fotografiert - ein 1,91 Meter großer, muskulöser Recke, Held der Neuen Sachlichkeit und der sportbegeisterten Masse, ein neues deutsches Vorbild. So befreite er das Boxen vom Ruch des reinen Pöbels, der auf Jahrmärkten und in stinkenden Hallen sich die Lunge aus dem Hals schreit. Seine ersten Memoiren veröffentlichte Max Schmeling mit 24 Jahren, da war er noch gar nicht Weltmeister: "Mein Leben - meine Kämpfe." Das hat auch Boris Becker nicht geschafft.
Deutsche Wege: Max Schmeling stammt aus Klein-Luckau in der Uckermark, 1905 geboren, aufgewachsen in Hamburg. Zum Boxen kam er 1921, als er im Kino einen Kampf von Jack Dempsey sah, mit dem er später stets verglichen wurde, weil er ihm sehr ähnlich sah. Die ersten Handschuhe waren aus Roßhaar, klobige, unförmige Dinger. Im Herbst 1921, mit 16 Jahren, stieg er in Hamburg auf dem Wandsbeker Pflaumenmarkt gegen "Bully, die Eiche Deutschlands" in den Ring. Weil der Veranstalter den Kampf abbrach, um Bully, die Eiche, zu retten, bekam Schmeling die 100 Mark Prämie nicht - danach hat er nie wieder ohne wasserdichten Vertrag geboxt. Zum tadellosen Vorbild Schmeling gehört auch der gewiefte Rechner. Als einer der ersten hat er die Gegen in ungekannte Höhen getrieben, in Deutschland und in Übersee. Und hat das Geld beisammen gehalten.
Schmeling boxte, seit 1924 Profi, in Köln. Schmeling boxte in Düsseldorf. Schmeling boxte in Berlin, wo die Musik spielte. Deutscher Meister 1926, Europameister 1927. Schmeling war nicht aufzuhalten, auch wenn sein Stil, der so gar nicht der rohen Prügelei entsprach, von Alteingesessenen kritisiert wurde. Überall riefen die Leute "Max" und "Maxe" und "unser Maxe".
Aber Schmeling wollte mehr, konnte mehr. Und er durfte mehr. In Amerika schwärmten sie "What a right hand!" und "That's the german killer". Am 12. Juni 1930 trat er gegen Jack Sharkey an, der schlug in der vierten Runde tief und wurde disqualifiziert. So wurde Max Schmeling zum ersten und einzigen Schwergewichts-Weltmeister aus Deutschland. Ein Jahr später verteidigte er den Gürtel gegen Young Joe Stribbling mit einem Technischen K.O. Und im Sommer 1932 verlor er den Titel, eine Punktniederlage gegen Sharkey.
Die Nazis wollten ihn vereinnahmen, und Schmeling traf etliche Male mit Adolf Hitler und Joseph Goebbles zusammen. Der Weltmeister und seine Frau, die berühmte Schauspielerin, waren ein Vorzeigepaar des NS-Staates. Wahrscheinlich hat Joe Louis Schmeling davor bewahrt, vollends im NS-Regime aufzugehen. Denn die Niederlage im WM-Kampf 1938 in New York bereitete dem Höhenflug ein Ende. Schmeling, als langsamer Starter bekannt, wurde nach wenigen Sekunden schier überrannt. Louis schlug. Traf. Immer wieder. Ein linker Haken und eine Rechte beendeten nach nur zwei Minuten den Kampf. Schmeling war wie gelähmt, Deutschland erschüttert.
Danach war es aus mit der Staats-Karriere. An seinem jüdischen Manager Joe Jacobs hat Schmeling stets festgehalten, und in Nevada wird seit 1989 am 6. Dezember der "Max-Schmeling-Tag" gefeiert. Er sei nie ein Widerstandskämpfer gewesen, hat er später gesagt. Im Krieg ging er freiwillig zu den Fallschirmjägern, nach 1945 stand er wie die meisten ohne Haus und Brot da, begann mit Pelztierzucht und Tabakanbau. Als Manager von Coca-Cola baute er sich ab 1957 eine neue Karriere auf. Schmeling stand weiter im Rampenlicht, und bewies mit viel sozialem Engagement menschliche Größe. Er besäße so viel davon, wurde über Schmeling gesagt, daß er hundert Menschen hätte ausstatten können.
Die letzten Fotografien zeigen einen würdigen Greis. Schmeling bewahrte Haltung, er widerstand der Zeit mit Bravour. Manchmal hielt er die Rechte noch mal hoch. Zuschlagen, treffen.
Was für ein Herz.

