Berliner Grenzgängerin zwischen Sport und Politik

Berliner Spaziergang: die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Chefkorrespondent Jochim Stoltenberg trifft Berliner, die in der Stadt etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Maybrit Illner

Es ist ihre Stadt. Sie identifiziert sich mit ihr, sie liebt sie. Deshalb hat Maybrit Illner Berlin noch nie für längere Zeit verlassen. Auch ihr Aufstieg von der Sportreporterin beim Fernsehen der DDR zur hochgeschätzten Moderatorin des ZDF Polit-Talks "Berlin Mitte" hat mit ihrer Heimatstadt zu tun. "Ein entscheidender Grund, mich damals als Moderatorin für das neue Frühstücksfernsehen beim ZDF zu bewerben war, dass dieses Programm in Berlin gemacht wurde." Sich als Redakteurin des Ost-Fernsehens DFF auf dieses kühne Wagnis eingelassen zu haben, erfüllt sie noch heute mit Stolz. Der ist aus ihren Gesichtsauszügen abzulesen, dem Lächeln, das Milde und Selbstbewusstsein zugleich ausstrahlt.

Wir haben uns zu einer etwas längeren Mittagspause in Berlin Mitte in der Gipsstraße zwischen Rosenthaler- und Großer Hamburger Straße im Sushi-Restaurant Kuchi verabredet. Es ist eines ihrer Lieblingslokale. Und diese zumindest noch teilweise erhaltene Alt-Berliner Gegend eine ihrer Lieblingsecken in der Stadt. "Es klingt pathetisch, aber hier kann man auf 200 Metern deutsche Geschichte ablaufen - vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart." Bevor wir das tun, bestellen die Sushi-Expertin und der Sushi-Skeptiker wirklich zufällig das Gleiche: My Best Friend's Roll, eine Komposition aus Paprika in Tempura, Zwiebellauch und Lachs. "Allein meine ununterbrochene Anwesenheit in Berlin spricht dafür, dass ich diese Stadt liebe", nimmt Maybrit Illner den Gesprächsfaden wieder auf. "Wenn ich durch Berlin laufe, habe ich an vielen Ecken das Gefühl, Parallelen zu anderen Weltstädten zu entdecken. Wenn ich etwa über den Gendarmenmarkt gehe, fühle ich mich fast wie am Place des Vosges in Paris, in Prenzlauer Berg denke ich an London Camden mit seiner Musikszene oder in der Friedrichstraße rede ich mir immer ein, das könnte ein Stück New York sein. Berlin ist eine kosmopolitische Stadt mit langen Verbindungen in den Westen, aber auch in den Osten. Hier trifft man Amerikaner genauso wie Prager oder Moskowiter. Und nirgendwo in Deutschland kann man gerade die Überwindung der Teilung deutlicher anschauen und spüren als in Berlin..."

Die Sätze, einfach und klar, sprudeln nur so aus ihr heraus. Es macht ihr sichtlich Spaß, selbst Fragen zu beantworten; ungekünstelt, natürlich, in einer frischen Art - ihr erfolgreiches Markenzeichen ja auch als Moderatorin. Und im Gespräch ohne Kamera bricht bei Maybrit Illner auch schon mal kurz der heimische Berliner Dialekt durch. Groß geworden ist die heute 39-Jährige in Friedrichshain, nahe dem Frankfurter Tor. 1986 trat sie in die SED ein in der Hoffnung, dass Gorbatschows Perestroika auch die DDR verändern würde. "Wenn Sie so wollen, habe ich gehofft, dass es auch 1986 noch heißen würde: Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. Das war wahrlich nicht meine klügste Entscheidung und sie hat sich als Illusion erwiesen."

Sie bekennt sich zu dem, was war. Aber sie hat aus diesen Jahren zwei Dinge für ihr Leben gelernt: "Als Journalistin nie Mitglied einer Partei zu sein und zweitens zu zweifeln, in Frage zu stellen." Einen sanften Seitenhieb auf die angeblich schon immer allwissenden Wessis will sie sich aber nicht verkneifen. "Im Westen haben damals ebenfalls viele darauf gebaut, dass die Perestroika auch die DDR über kurz oder lang verändern würde. Daran lässt man sich heute nur ungern erinnern."

Und heute, spürt sie, die draußen in Mahlsdorf zwischen B 1 und Müggelsee wohnt, die Teilung der Stadt noch? "Berlin ist enger zusammengewachsen als oft noch behauptet. In Berlin hat man immer weniger das Gefühl der Teilung. Ich etwa wohne in Mahlsdorf, arbeite in Mitte, gehe im Schlosspark Charlottenburg spazieren und treffe mich mit Freunden in der Kreuzberger "Roten Harfe'. Für mich gibt es keine Ost-West-Grenze mehr. Dafür ist die Stadt und das Leben in ihr viel zu interessant. Ich ärgere mich höchstens darüber, dass es noch immer so wenige Verbindungsstraßen zwischen dem alten Ost- und dem alten West-Berlin gibt. Ich kann Staus nicht leiden. Sie haben hier nur den Vorteil, dass man immer noch mal eine Gedenkminute einlegen und sich an den Tag der Mauer-Öffnung erinnern kann."

Ihr Traum war einst, Sportreporterin zu werden, irgendwann den Olympischen Marathon zu übertragen. Nach einem Journalistik-Studium im "Roten Kloster" zu Leipzig wurde sie Redakteurin und Moderatorin beim DDR-Fernsehen, in der Sportredaktion in Adlershof. "Aber ich bin nie weit über Adlershof hinausgekommen. Als Reporterin habe ich in Fünf-Minuten-Beiträgen über ,Highlights' wie die DDR-Meisterschaften im Orientierungslauf in Bad Schandau berichtet." Sie lacht wieder und schlägt die Hände in dankbarer Erinnerung zusammen. Blieb ihr die große Welt verschlossen, so war es für sie zumindest die beste journalistische Schule. "Wenn man als Sportjournalistin etwas lernt, dann schnell und in relativ vielen Facetten zu arbeiten. Immer unter Zeitdruck muss man moderieren, Porträts, Reportagen oder Berichte produzieren. Das schult ungemein." 1989 wurde sie für eine ihrer Reportagen mit dem Preis der Sportjournalisten ausgezeichnet. Das erwähnt sie nicht. Das hat mir einer ihrer früheren Kollegen anerkennend erzählt. Trotz all ihrer Bescheidenheit und auch in unserem Gespräch keinen Augenblick durchschimmernder Allüren, wie man sie von so vielen ihrer auch privat ins Rampenlicht drängenden Fernsehkollegenkollegen kennt, frage ich: Wie eitel macht Fernsehen? Das Glückskind der Wende zögert keine Sekunde. "Keine Ahnung. Ich geh nicht gern einkaufen, stehe nicht gern vor dem Spiegel." Nein, so war das nicht gemeint. Wenn man wöchentlich von dreieinhalb Millionen Zuschauern gesehen wird, die Sendung erfolgreich ist, die eigene Persönlichkeit, das eigene Gesicht zu einer Art Markenzeichen geworden ist, dann kann man doch kaum noch auf die Straße oder in ein Restaurant gehen, ohne dass sich alle umdrehen, ihn ansprechen oder über ihn tuscheln. Maybrit Illner schaut mich etwas ratlos an. "Da irren sie gewaltig. Zumindest hier in Berlin. Auch in diesem Punkt sind die Berliner, wie man neudeutsch sagt, ganz cool. Sie schmunzeln und gucken. Und wenn ich mal angesprochen werde, fällt es mir wirklich schwer, ein Problem daraus zu kristallisieren." Wir werden die Probe aufs Exempel machen.

Zuvor möchte ich noch eine modische Frage klären. Schon bei der Begrüßung ist mir ihr fast bodenlanger leichter Mantel in diversen Blau- und Grau-Schattierungen samt aufgedruckter Zahlen aufgefallen. "Was ist das für ein traumhafter Mantel?" frage ich offensichtlich ziemlich naiv. "Man sagt auch heute noch Mantel dazu..." Leicht irritiert fasele ich so etwas wie "ich dachte, vielleicht ein besonderes modisches Ensemble..." Maybrit Illner lacht wieder aus vollem Herzen - aber so, dass ich keine seelische Verletzung verspüre. "Den hat eine beherzte, tolle Frau hier gleich um die Ecke in den Hackeschen Höfen entworfen. Die Designerin Lisa D. Ich glaube, sie würde auch Mantel dazu sagen. Bedruckte Baumwolle, eine Mischung aus Gefangener und Geldsack. Deshalb hab ich ihn ja auch nicht ausgezogen..." Jetzt können wir gemeinsam lachen.

Gleich um die Ecke vom Kuchi stoßen wir auf die Auguststraße, an der nächsten Ecke biegen wir links in die Große Hamburger Straße. Die hieß einst Toleranzstraße. Maybrit Illner wird zur kundigen Stadtführerin. "Dort rechts, dieses alte Backsteingebäude, ist das katholische Sankt-Hedwigs-Krankenhaus. Ein paar Meter weiter, etwas zurückversetzt, zur Linken, die barocke evangelische Sophienkirche." Noch ein paar Häuser weiter steht das jüdische Gymnasium. Hier hat Moses Mendelssohn - einst Vorbild für Lessings "Nathan der Weise" - seine Idee von der Öffnung der jüdischen Gemeinde, vom friedlichen Zusammenleben der Menschen, egal welcher Glaubensrichtung, in die Tat umgesetzt. Deshalb einst Toleranzstraße. Heute wird das jüdische Gymnasium durch einen hohen Gitterzaun aus Eisen geschützt. Maybrit Illner, Jahrgang 1965, ist plötzlich verändert, nachdenklich. Wir stehen vor einer nicht besonders gepflegten Grünfläche. "Das war einst der jüdische Friedhof im Scheunenviertel. Die Nazis haben ihn geschliffen und einen Fußballplatz draus gemacht. Zu DDR-Zeiten entstand dann diese kleine Grünanlage mit einem einzig verbliebenen Grabstein. Dem des großen Philosophen Moses Mendelssohn, der 1786 hier seine letzte Ruhestatt fand." Und dann zitiert sie einen Satz des verstorbenen Berliner Stadtchronisten Heinz Knobloch: "Misstraue jedem grünen Flecken in Berlin."

Zurück zu der Moderatorin mit der besten Einschaltquote am ZDF-Sendeplatz 22.15 Uhr. Ihre Diskussions-Leitung im Talk "Berlin Mitte" unterscheidet sich von der ihrer Konkurrentin Sabine Christiansen dadurch, dass Maybrit Illner mit Fragen nachbohrt, wenn ein Gast auszuweichen versucht. Diese Hartnäckigkeit ist gepaart mit einer gewissen Fröhlichkeit und Unbefangenheit, ohne jenes staatstragende Pathos, das so viele andere Diskussions-Runden vergleichbaren Zuschnitts allzu oft zu letztlich wenig informativen Ritualen verkommen lässt. Was macht sie anders, besser als andere? Sie zögert einen Augenblick. Selbstdarstellung ist nicht ihre Sache. "Man produziert nicht immer Goldstaub", antwortet sie erst einmal vorsichtig ausweichend und dabei noch nachdenkend, um dann schnell konkret zu werden. "Aber ich bemühe mich immer wieder, Antworten auf die Fragen zu bekommen, die ich stelle. Da kann ich eine gewisse Hartnäckigkeit entwickeln. Und dass wir nicht immer unter Schmerzen diskutieren, sondern es auch mal mit etwas Heiterem, Amüsantem oder Selbstironischem versuchen, gehört eben dazu. Um möglichen Ritualen mit immer denselben Erklärungen von fast immer denselben Gästen vorzubeugen, laden wir maximal drei Politiker und dazu mindestens zwei Nicht-Politiker ein. Freidenker, die zu dem jeweiligen Thema einen besonderen Zugang haben. Dadurch erreichen sie zweierlei. Einerseits ist es für den Zuschauer interessanter, weil überraschend. Und die Politiker diskutieren plötzlich mit Menschen, von denen sie anders als im Bundestag eben nicht wissen, was sie als Nächstes sagen werden. Das zwingt zum Zuhören und zum Eingehen auf die Argumente des anderen. Um es kurz zu machen: Überraschen Sie Ihr Publikum, überraschen Sie die Politiker - und Sie ernten eine gute Sendung."

Einer anderen latenten Gefahr ist sich das zehnköpfige Berlin-Mitte-Team bewusst: "Es gibt einen immensen Vertrauensverlust. Dem begegnet man nicht, indem man gar keine Politiker mehr einlädt. Im Gegenteil. Wir mühen uns, die Politiker in die Verantwortung zu nehmen. Und in diesem Wort Verantwortung steckt ,Antwort'. Genau das, was der Bürger von den Politikern verlangt, erwarten wir auch in unserer Sendung." Gibt es etwas, was die politische Moderatorin bei den Politikern bewundert? "Ja", sagt Maybrit Illner ganz spontan, "ihr Durchhaltevermögen, ihre Marathonqualität." Auch etwas, was sie abschreckt? "Nicht wirklich. Aber es gibt sehr unterschiedliche Temperamente; vom Choleriker bis zum Sanguiniker ist alles dabei. Um die Runde notfalls zu zügeln, hab ich ein kleines Waffenarsenal: eine Frage auch drei Mal wortgleich zu wiederholen, zu jodeln, oder ich flüstere plötzlich, wenn es zu hoch hergeht - auch kein schlechter Effekt, weil damit niemand rechnet." Und schon lacht sie wieder so natürlich herzerfrischend.

So wie sie lacht, gibt sie sich während unseres ganzen einstündigen Spaziergangs - unbefangen, ohne jeden Anflug von Effekthascherei. Und tatsächlich sind wir ganz ungestört durch die Große Hamburger gewandert.