Uwe Barschel zwischen Ehrenwort, Waffenhändlern und der Stasi: Das Protokoll einer Tragödie

Freitag, 2. Oktober 1987: Nur noch weg Uwe Barschel steht im Kieler Landtag. Er lächelt überlegen, schüttelt Hände.

Freitag, 2. Oktober 1987: Nur noch weg

Uwe Barschel steht im Kieler Landtag. Er lächelt überlegen, schüttelt Hände. Eben hat er während der konstituierenden Sitzung seinen Rücktritt angekündigt. Nochmals hat er seine Unschuld beteuert. Er will nur noch weg. "Wahrscheinlich nach Sizilien", sagt er einem Parteifreund, ohne ihn dabei anzusehen.

Hinter dem Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein liegen Monate, die ihn verändert haben: Ein Flugzeugabsturz, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Ein Wahlkampf, den er nur unter Schmerzen und mit Hilfe von Tavor, einem bewusstseinsveränderndem Beruhigungsmittel, überstanden hat.

Dann, am 12. September, diese unsägliche "Spiegel"-Titelgeschichte über die angeblichen Machenschaften gegen seinen Kontrahenten von der SPD, Björn Engholm. Ein Artikel, der nur auf Aussagen seines Medienreferenten Reiner Pfeiffer basierte. Einen Tag nach der Veröffentlichung hat ihn diese Lügengeschichte um den Sieg bei der Landtagswahl gebracht. Davon ist Uwe Barschel auch in diesem Moment überzeugt.

Was war dem Entehrten danach noch anderes übrig geblieben, als am 18. September sein "Ehrenwort" zu geben, nichts mit der Schmutzkampagne zu tun haben? Das Ehrenwort, der Eid, diese Formulierungen hatte er sich ganz genau überlegt. Auch die Wiederholung des Ehrenworts. Es hat ihm nicht geholfen. Da steht er nun, vor der ersten Reihe des Plenums. Seine Glaubwürdigkeit ist dahin. "Nach Sizilien." Barschel hat es laut genug gesagt für die lauschenden Journalisten. Vier Tage später fliegt der 43-Jährige mit seiner Frau Freya (40) nach Gran Canaria.

Dienstag, 6. Oktober: Urlaub ohne Erholung

Die Lübecker Staatsanwaltschaft hebt Barschels parlamentarische Immunität auf. Mit diesem Wissen besteigen er und seine Frau Freya in Hamburg das Flugzeug gen Sonne. Zwei Wochen wollen sie abtauchen. Barschel hat sich in seinem Terminkalender den 21. Oktober notiert. Dann soll er vor dem Untersuchungsausschuss aussagen.

20.35 Uhr: Das Ehepaar Barschel landet in Las Palmas auf Gran Canaria. Sie ist müde, er benommen. Sie trägt Freizeitkleidung, er einen dunklen Anzug mit Krawatte. Eine Mitarbeiterin der Ferienanlage "Villas Antlanticas" erwartet die Barschels im Ankunftsbereich des Flughafens und fährt sie zum Ferienhaus Nummer 12. Es gehört ihrem Berliner Freund Rolf Lechner, einem Bau-Unternehmer. Die vier Kinder sind mit Barschels Mutter schon tags zuvor nach Yens nahe Genf gereist. Dort lebt Uwe Barschels Bruder Eike. Es hat schon Tradition, dass die Kinder in der Idylle des Genfer Sees die Herbstferien verbringen.

Das Telefon im Haus ist kaputt. Uwe Barschel schläft schlecht, liest viel, und er denkt nach. Er will zu sich finden. Das Haus in der felsigen Landschaft hoch über dem Meer verlässt er nur selten. Nur einmal setzt er die Füße in den feinen, schwarzen Lavasand von Bahia Feliz. Seiner Frau sagt er: "Vielleicht gehe ich für einige Monate nach Kanada. Vielleicht sollten wir auch ganz auswandern." Ein Buch wolle er in jedem Falle schreiben.

Donnerstag, 8. Oktober: Sturm in Kiel

Das Telefon im Ferienhaus funktioniert noch immer nicht. Barschels frühstücken in Ruhe. Sie wissen nicht, dass ihr Anwalt Erich Samson seit Mittwoch etwa 30 Mal vergeblich versucht hat, im Ferienhaus anzurufen. In Kiel haben sich die Ereignisse überschlagen. Finanzminister Rogar Asmussen hat ausgesagt, dass Barschel wohl schon im Februar den Finanzstaatssekretär Carl-Hermann Schleifer angerufen und sich erkundigt habe, was aus der anonymen Steueranzeige gegen Björn Engholm geworden sei.

Gegen acht Uhr am Morgen schafft es Barschels Sekretärin in der Staatskanzlei, Brigitte Eichler, nach Gran Canaria durchzukommen. Sie ruft in der Verwaltung der Ferienhaussiedlung an. Wenig später klopft ein Mitarbeiter der Siedlung an die Tür von Ferienhaus Nummer 12. Uwe Barschel läuft den Hügel hinab zum Verwaltungstrakt der Siedlung. Er ruft Staatskanzleichef Hanns-Günther Hebbeln an, lässt sich über die Ereignisse in Kiel aufklären. Und ihm wird deutlich gemacht: Er muss sich in Kiel vor dem Untersuchungsausschuss verantworten - so schnell wie möglich.

Dann macht Barschel einen zweiten Anruf. Seiner Frau sagt er später, er habe mit dem Informanten Roloff telefoniert. Barschel schreibt ein Fernschreiben an Asmussen. So endet es: "Ich bin sehr betrübt und hoffe, dass sich schnell alles aufklären wird." Barschel bittet eine Mitarbeiterin der Anlage, einen Flug nach Hamburg über Zürich zu buchen. Danach telefoniert er wieder, diesmal mit seinem Anwalt Samson. Das Gespräch ist ernst. Barschel weint.

Es gibt keinen freien Flug mehr nach Zürich. "Dann eben über Genf oder Madrid", sagt er der Mitarbeiterin. Am Nachmittag ist der Flug reserviert. Am Samstag soll es nach Genf gehen. Am Sonntag weiter über Frankfurt nach Hamburg.

Barschel schreibt noch ein weiteres Telex, diesmal an Staatskanzleichef Hebbeln. Er gibt 14.20 Uhr als Ankunftszeit am Hamburger Flughafen durch. Und: "Herr Scheller (Barschels Fahrer, Anm. d. Red.) soll mich abholen und aus Mölln einen Koffer mit folgendem Inhalt zum Flughafen bringen: Tagesanzug, Oberhemd, Krawatte, Unterwäsche, Socken, Schuhe. Ich werde im Sommeranzug eintreffen, Mantel habe ich bei mir, ebenfalls Nacht- und Waschzeug."

Freitag, 9. Oktober: "Ich werde kämpfen"

Um acht Uhr steht Uwe Barschel schon wieder im Verwaltungstrakt der Ferienhaussiedlung. Er sendet ein Telex an den Kieler CDU-Fraktionschef Klaus Kribben: "Leider bin ich jetzt in meinem Kampf für die Erhellung der vollen Wahrheit fast auf mich allein gestellt, aber ich werde kämpfen, damit die volle Wahrheit ans Licht kommt. Aufgrund einer Information, die ich vor einigen Tagen erhalten habe und der ich noch an diesem Wochenende persönlich nachgehen werde, könnte ich vielleicht schon am Montag einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung leisten."

Es ist neun Uhr, als überraschend das Telefon im Ferienhaus der Barschels klingelt. Es scheint wieder zu funktionieren. Am Apparat: ein Redakteur der "Bild"-Zeitung. Barschel ruft ihn zurück. SPD-Landesvorsitzender Günther Jansen und sein Pressesprecher Klaus Nilius räumen ein, schon vor der Landtagswahl Kontakt zu Barschels Medienreferenten Reiner Pfeiffer gehabt zu haben.

Kurze Zeit später spricht die CDU-Fraktion dem ehemaligen Ministerpräsidenten das Misstrauen aus. Zudem soll Barschel auf Wunsch der Fraktion sein Landtagsmandat niederlegen. Der ist inzwischen mit seiner Frau in Las Palmas unterwegs. Er holt die Flugtickets in einem Reisebüro ab. Erst abends kehren sie in die Ferienanlage zurück. Zweimal telefoniert Uwe Barschel an diesem Abend noch mit seiner Schwester Folke Junker in Kiel. Er erzählt ihr von Roloff.

Samstag, 10. Oktober: Der Abschied

Der Wecker reißt Freya und Uwe Barschel um sechs Uhr aus dem Schlaf. Anderthalb Stunden später sitzen sie im Taxi. Er wolle sich ein günstiges Hotel in Genf nehmen, sagt er ihr. Die Fahrt zum Flughafen dauert etwa eine halbe Stunde. Freya Barschel schaut sich mehrfach im Auto um. Sie ist sicher, dass sie verfolgt werden. Sie glaubt, es sind Journalisten. Der Abschied am Flughafen fällt kurz aus. Man werde sich ja hoffentlich schon Dienstag auf Gran Canaria wieder sehen. Um 10.30 Uhr sitzt Barschel im Flug Iberia 554 nach Genf.

Zurück im Ferienhaus, beginnt Freya Barschel, Briefe zu schreiben. Sie kann nur wenig essen. Das Schreiben lenkt sie ab. Um 17.41 Uhr klingelt das Telefon. Es ist Uwe. Er klingt frohgemut. Sein Anruf kommt aus dem Nobelhotel Beau-Rivage, Zimmer 317. Beim Flughafen habe er Roloff getroffen, sagt er ihr. Und er wolle ihn später wieder sehen. Dann für eine Übergabe. Wenn noch Zeit sei, dann wolle er seine Kinder und seinen Bruder treffen, vielleicht sogar in den Zirkus gehen. Spätestens Sonntagvormittag würde er die Familie sehen. Danach ruft er seine Schwester an, dann seinen Bruder. Um 18.31 Uhr bestellt Barschel eine Flasche 1985er Beaujolais Le Chat Botté. Sie wird ihm umgehend aufs Zimmer gebracht.

Auf Gran Canaria wird es dunkel. Freya Barschel durchstöbert die Videosammlung im Haus. Sie entscheidet sich für einen Historienfilm, "Hannibal". Uwe hat ihn ihr empfohlen. Ein dramatischer Schinken, den man heute als Sandalen-Epos bezeichnen würde. Hannibal überschreitet darin die Alpen und will nun nach Rom marschieren. Hannibal ist listig, er entführt die Nichte eines römischen Senators. Er schafft es, seine Widersacher zu verunsichern. Am Ende des Films muss Hannibal doch sterben. Er trinkt aus einem Giftbecher. Während der Todesszene, unterlegt von dramatischen Orchesterklängen, weint sie. Es ist kurz vor Mitternacht. Sie denkt an Uwe. Wie es ihm wohl geht? Vielleicht schläft er schon.

Sonntag, 11. Oktober: Zimmer 317

"Stern"-Reporter Sebastian Knauer hat eine kurze Nacht hinter sich. Erst gegen 23 Uhr haben er und Fotograf Hanns-Jörg Anders im Beau-Rivage eingecheckt. Sie sind aus Hamburg angereist. Sie wissen inzwischen, dass sich Uwe Barschel im Zimmer 317 aufhält. Seit sechs Uhr sitzen sie im Frühstückssaal und warten auf Barschel. Stunden vergehen. Bald müsste Barschel das Hotel verlassen, will er pünktlich am Flughafen sein. Knauer wird unruhig. Es ist schon 12 Uhr. Gemeinsam gehen sie hoch. Fotograf Anders steht Schmiere an der Treppe.

Knauer klopft an Barschels Zimmertür: "Hallo, ist jemand da?", ruft er. Keine Antwort. Knauer drückt die Messingklinke der Tür herunter. Zimmer 317 ist unverschlossen. Das Schild "Bitte nicht stören" an der Klinke ignoriert er. Er betritt den abgedunkelten Raum, sieht im Flur den verschnürten schwarzen, rechten Herrenschuh, den kleinen Reisekoffer, auf dem Bett den zusammengelegten Pyjama und ein Buch. Es ist die deutsche Ausgabe der gesammelten Erzählungen von Jean-Paul Sartre.

Dann fallen ihm Barschels Notizen auf dem Nachttisch ins Auge, auch das Telex auf einer Ablage. Er nimmt sich beide Dokumente, lässt sie von Anders abfotografieren, bringt sie zurück. Dann zieht sich der Journalist zurück. Wo ist Barschel?

Um 12.43 Uhr betritt Knauer Barschels Zimmer erneut. Diesmal mit einer kleinen Nikon-Kamera in der Hand. Nun öffnet er auch die Tür zum Badezimmer. Der Mann, den er in der mit Wasser gefüllten Badewanne sieht, hat seine Augen geschlossen. Die Wasseroberfläche schmiegt sich still um den voll bekleideten Körper. Knauer fotografiert den leblosen Uwe Barschel. Dann macht er Fotos im Schlafzimmer. Erst danach informiert er die Hotelleitung.

Mehr als eine halbe Stunde vergeht, bis der erste Polizist Zimmer 317 betritt. Er stellt den Tod Uwe Barschels fest und holt die Mordkommission. Die Ermittler übersehen die Blutergüsse an Barschels Stirn, Hinterkopf und rechter Schulter. In seinen Hosentaschen finden sie sein Portemonnaie, Bargeld, Kreditkarten und Schlüssel - und eine Schachtel Antidepressiva. Die Uhr an Barschels linkem Handgelenk zeigt Viertel vor Eins.

Die Whiskeyflasche auf dem Badezimmertisch ist mit Wasser ausgespült worden. In Barschels Magen befindet sich aber kein Alkohol. Dafür reichlich Chemie: die Beruhigungsmittel Perazin und Pyrithyldion, den Brechreizunterdrücker Diphenhydramin und tödliche Mengen des Schlafmittels Cyclobarbital. Auf dem Badevorleger sind Schleifspuren zu erkennen. Ebenfalls im Badezimmer: der zweite Schuh, durchnässt und geöffnet. Neben dem anderen Schuh vor der Badezimmertür liegt ein abgerissener Hemdknopf. Die Ermittler finden keine Fingerabdrücke. Die Merkmale sprechen für eine Fremdeinwirkung. Die Schweizer Ermittler aber legen sich schnell fest - auf Selbstmord.

Gran Canaria. Uwe ist tot. Wer hat es Freya Barschel eben gesagt? Sie weiß es nicht. Sie hat es durch das Telefon erfahren. "Freya, Dein Mann lebt nicht mehr", hat ihr jemand gesagt. War es Eike, Uwes Bruder? War es ein Freund? Es spielt keine Rolle. Wie spät ist es? Sie will sich später an den Moment erinnern können. Sie kann die Ziffern ihrer Uhr nicht erkennen. Sie sind verschwommen. Den weiteren Tag verbringt Freya Barschel am Telefon.

Meimersdorf bei Kiel. Pfeifenrauch hüllt das Wohnzimmer von Norbert Gansel in einen aromatischen Nebel. Gansel, SPD-Bundestagsabgeordneter, hat geladen. Und gekommen sind unter anderem Björn Engholm nebst Tochter und Günter Grass. Engholm zeigt sich lustlos. Tags zuvor hat die FDP seinen Rücktritt vom Amt des SPD-Fraktionsvorsitzenden verlangt. Weil SPD-Sprecher Nilius, nun mal auch Engholms Sprecher, offensichtlich mit Pfeiffer zusammengearbeitet hat. Die Herren sitzen zusammen, bestärken Engholm nicht aufzugeben. Gansel geht sogar mit Engholms Tochter in den Garten, sagt ihr, sie möge ihrem Vater gut zureden.

In dem Moment ruft Gansels Frau Lesley aus dem Reetdachhaus in den Garten. "Uwe Barschel ist erschossen worden. Ich habe es eben im Radio gehört." Im Radio wird das laufende Programm unterbrochen. Wenig später die Korrektur: Doch nicht erschossen, die neuen Meldungen deuten auf Selbstmord.

Engholm ist geschockt. Er grübelt. Dieser Tod macht keinen Sinn. Er muss an Barschels Frau und an die vier Kinder denken. Und an den Moment, als er und Uwe Barschel zuletzt ungestört sprachen. Engholm hatte ihn nach dem Flugzeugabsturz im Krankenhaus besucht. Sympathisch waren sie sich auch am Krankenbett nicht geworden. Manchmal haben auch Konkurrenten eine emotionale Nähe zueinander. Die hatte es nie zwischen beiden gegeben. Aber damals im Juni am Krankenbett, da hatte Engholm geglaubt, eine gewisse Einkehr bei Barschel zu erkennen.

Das Telefon reißt Engholm aus seinen Gedanken. ARD und ZDF kündigen sich an. Sie haben erfahren, dass Engholm bei Gansel zu Gast ist. Sie wollen eine Äußerung, eine Regung, einen oder zwei Sätze der Bestürzung für die Hauptnachrichten. Günter Grass und Engholm setzen sich zusammen, formulieren gemeinsam ein Statement für den Hoffnungsträger der SPD.

Gran Canaria. Es ist Abend geworden. Freya Barschel sitzt mit zwei Mitarbeitern der Ferienhausverwaltung in einem Restaurant. Es sind auch viele Deutsche da. Sie starren gebannt auf den kleinen Fernseher in der Ecke. Es läuft deutsches Fernsehen. Die einen schütteln schweigend den Kopf, andere quasseln erregt aufeinander ein. "Mord", "Selbstmord" - es sind die einzigen Worte, die Freya Barschel wahrnehmen kann. Sie wollte schon längst in Genf sein. Aber es gab nur einen Platz am nächsten Tag nach Genf. Niemand erkennt sie. Sie bewahrt die Fassung. Die Erschütterung sitzt zu tief.

Montag, 12. Oktober: Mord, nichts Anderes

Endlich in Genf. Eike Barschel holt die Witwe vom Flughafen ab. Sie könnte ihren Mann noch einmal in der Gerichtsmedizin sehen. Sie will es nicht.

Eike und Freya Barschel müssen nicht viele Worte wechseln. Sie werden noch an diesem Tage eine Pressekonferenz geben. Sie sind überzeugt, dass nur ein Mord Uwe Barschel in dieser Situation aus dem Leben reißen konnte. Zuerst fahren sie zu den Kindern. Kaum sind sie auf Eike Barschels Grundstück angelangt, läuft Freya Barschel ihre jüngste Tochter Beatrice in die Arme. Sie ist gerade mal vier Jahre alt. Mit aufgerissenen Augen ruft das Mädchen: "Papi ist tot!"

Montag, 3. Mai 1993: Barschels Schatten

Knapp sechs Jahre vergehen, in denen sich ein Schleier des Vergessens über den Tod von Uwe Barschel legt. Dann gerät die Affäre um den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten wieder in die Schlagzeilen.

Hauptakteur ist diesmal aber nicht Barschel, sondern sein damaliger Konkurrent um das Amt des Ministerpräsidenten, Björn Engholm. Der 53-Jährige ist auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere, als er um 15 Uhr den Raum der Bundespressekonferenz über eine Nottreppe betritt. Engholms Augen sind glasig, er wirkt in seinem dunkelgrauen Anzug noch schmaler als sonst. Der SPD-Bundesvorsitzende, Kanzlerkandidat und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein erklärt mit tränenerstickter Stimme seinen Rücktritt von allen Ämtern, weil er früher als bis dahin zugegeben von der Bespitzelung gegen ihn durch Reiner Pfeiffer erfahren hatte.

Zudem entlastet der zweite Untersuchungsausschuss Barschel. Das überraschende Ergebnis: Es gebe keinen Beweis dafür, dass Barschel der Initiator der Schmutzkampagne gewesen sei. Engholm kann es sich nicht verzeihen, eine Falschaussage gemacht zu haben. In Bonn fühlt er sich schon lange nicht mehr wohl. Er spürt, wie er sich zuletzt nur verbogen hat.

An Barschel denkt er nur ungern. Mehr denn je empfindet er seinen Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten als warnendes Beispiel. Er will nicht so enden wie er. Nach der Pressekonferenz fühlt sich Engholm so frei wie schon lange nicht mehr.

Dienstag, 15. November 1994: Der Brief

Heinrich Wille ist in Aufregung. Der Leitende Oberstaatsanwalt in Lübeck hält einen Brief des Bundesnachrichtendienstes (BND) in seinen Händen. In dem Schreiben vom Geheimdienst heißt es, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR am Tod von Barschel beteiligt gewesen sein könnte.

Genannt wird die MfS-Spezialeinheit "Arbeitsgruppe des Ministers/Sonderfragen" (AGM/S), die verdächtigt wird, Morde in der Bundesrepublik begangen zu haben. Wille und seine Ermittler gehen der Spur nach. Der Staatsanwalt hat ohnehin schon Zweifel an der Selbstmord-These. Zu gut kennt er das toxikologische Gutachten, wonach Barschel das tödlich wirkende Medikament Cyclobarbitas zugeführt worden sein soll. Doch der Brief vom BND ist erst der Anfang.

Die Lübecker Staatsanwälte erhalten immer mehr Informationen, wissen aber nicht, ob sie überhaupt zuständig sind. Der Bundesgerichtshof entscheidet im Dezember 1994 schließlich, dass der Fall Barschel weiterhin in Lübeck aufgearbeitet werden soll. Wille kann sich nicht wirklich darüber freuen. Er weiß nun, dass er sich auf Jahre mit kaum einem anderen Thema so intensiv beschäftigen wird. Die Ermittlungen kommen in Fahrt.

Wille und seine Staatsanwälte prüfen unter anderem Informationen, wonach Barschel an Waffengeschäften mit dem Osten beteiligt gewesen sein soll. 19 Reisen in die DDR sind in Stasi-Unterlagen verzeichnet. Barschel, so wird von Zeugen berichtet, sei oft Gast im Hotel "Neptun" in Warnemünde gewesen. Dort habe er sich mit Stasi-Mitarbeitern getroffen und Waffengeschäfte in Länder organisiert, die mit einem Embargo belegt gewesen seien.

Ebenfalls in Willes Akten: Die Aussage von Barschels Cheffahrer Karl- Heinz Prosch. Er erzählt den Ermittlern von einer Fahrt im Jahr 1983 zu einem geheimnisumwitterten Ort nahe Rostock. Barschel sei auf ein mit Maschendraht umzäuntes Gelände gegangen. Es war ein Waffenlager der Stasi in Kavelstorf.

Die Lübecker Ermittler sind erstaunt. Barschel war trotz seiner konservativen Politikausrichtung ein gern gesehener Gast in der DDR. Die Grenze konnte er ohne Kontrolle passieren, im Hotel "Neptun" übernachtete er laut Stasi-Unterlagen sogar ohne Meldeschein. "Dr. B. lege immer Wert auf Kontakte zu jungen Frauen", heißt es in einem Bericht eines Inoffiziellen Mitarbeiters der Stasi.

In den Köpfen der Staatsanwälte spukt immer öfter diese eine Frage: Musste Barschel sterben, weil er über die Waffengeschäfte mit der DDR auspacken wollte? Die Ermittler gehen Zeugenaussagen nach, wonach der Referent von Spionage-Chef Markus Wolf einen Tag nach Barschels Tod in Zürich gesehen worden sein soll. In seiner Vernehmung bestreitet Peter Feuchtenberger jedoch, jemals vor Maueröffnung in der Schweiz gewesen zu sein. Er könne sich aber vorstellen, dass Barschel Kontakte zu einer gewissen "Grauzone" bekommen habe. Den Lübecker Ermittlern sagt er: "Dort ist der Mörder zu suchen."

Donnerstag, 4. Juli 1996: Tote Zeugen

Die Staatsanwaltschaft Lübeck bekommt Besuch. Der Mann bleibt anonym. Er habe Angst, sagt er den Ermittlern. Dann berichtet er von einem Foto, auf dem Barschel zusammen mit Oliver North im Hamburger Hotel "Atlantic" zu sehen sein soll. Oliver North - die Staatsanwälte kennen diesen Namen. Der US-Amerikaner war der Hauptakteur der so genannten "Iran-Contra-Affäre". 1988 befand ihn ein Gericht für schuldig, illegal Waffen an den Iran geliefert zu haben. Das Foto wird nie gefunden.

Ein späteres Interview mit dem iranischen Ex-Staatspräsidenten Abolhassan Bani-Sadr lässt sie aber wieder aufhorchen. Darin sagt er: "Die hauptsächlichen Gespräche in der "Iran-Contra-Affäre' zwischen Iranern und Amerikanern fanden in Deutschland statt. Der bis heute nicht geklärte Fall Barschel spielt dort hinein."

Die Staatsanwälte wollen nicht locker lassen - jetzt erst recht. Und inzwischen liegt ihnen auch der Entwurf einer eidesstattlichen Versicherung des Waffenhändlers Dirk Stoffberg vor. Er erklärt darin, dass ihm gegenüber Angaben gemacht worden seien, wonach Barschel von Robert Gates, später CIA-Direktor und heute Verteidigungsminister der USA, nach Genf bestellt worden sei.

Stoffberg sagt aus: "Am Wochenende, als Uwe Barschel ermordet wurde, fanden in Genf zwei Meetings von Waffenhändlern statt. An einem der beiden Gespräche nahm ich selbst teil. Aus meiner Kenntnis der Hintergründe der damals aktuellen Geschäfte von Uwe Barschel bin ich sicher, dass der Politiker als Vermittler von Nukleartechnologie für den Iran und den Irak tätig war. Die CIA war nach meiner Kenntnis beunruhigt darüber, dass Barschel die Wege der Atomgeschäfte offenlegen und Regierungsvertreter und Länder nennen wollte, die in die Deals verwickelt waren." Laut Stoffberg war Barschel auch an dem Verkauf von U-Booten an Südafrika beteiligt.

Die eidesstattliche Versicherung bleibt ein Entwurf. Wille erfährt, dass Stoffberg das Papier nicht mehr unterschreiben konnte. Er ist am 20. Juni 1994 gemeinsam mit seiner Freundin aus nicht geklärten Umständen ums Leben gekommen. Doppelselbstmord, so wird es Wille mitgeteilt.

Die Lübecker Staatsanwälte sammeln weiter Indizien. In ihren Bericht schreiben sie: "Ein Mister Gates befand sich am 6. Oktober 1987 in derselben Maschine der Lufthansa, mit der Dr. Barschel mit seiner Frau von Frankfurt nach Genf flog." In einer vertraulichen Nachricht an die Lübecker Staatsanwaltschaft bestreitet die CIA, dass es sich bei dem Passagier um Robert Gates handelte. In Lübeck wird gezweifelt.

Und noch einmal dürfen sich die Ermittler wundern: Sie fragen sich, ob vielleicht Privatdetektiv Jean Jaques Griessen auf der richtigen Spur gewesen ist. Er starb, bevor er seine Ergebnisse mitteilen konnte. 1987 arbeitete Griessen noch für Werner Mauss, der jahrelang als Privatdetektiv und Agent für verschiedene deutsche Unternehmen sowie als V-Mann für Polizeibehörden und Geheimdienste tätig war. Mauss verbrachte das Wochenende, als Barschel starb, in Genf - im Nachbarhotel vom Beau-Rivage. Die Lübecker Ermittler stellen dazu fest, dass sich Mauss als Vermittler in einem Entführungsfall in Genf aufhielt.

Es war Barschels Bruder Eike, der Griessen mit Nachforschungen beauftragte. Bevor sich Griessen am 9. November 1992 mit einem ehemaligen Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes treffen wollte, um ihm das Resultat seiner Ermittlungen mitzuteilen, ereilte ihn am gleichen Tag der plötzliche Herztod. Laut Polizeiprotokoll starb er bei einer Züricher Prostituierten.

Montag, 27. April 1998: Akte geschlossen

Oberstaatsanwalt Wille stellt die Ermittlungen ein. Er ist enttäuscht. Er hätte sich mehr Hilfe erhofft, von seinem Vorgesetzten und von den deutschen Behörden. Er hat keinen Beweis für Mord und schon gar nicht den Mörder. Der Fall mit der Aktennummer 705 Js 33247/87 ist abgeschlossen.

Ein Verdacht ist eben nur ein Verdacht.